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Politische Opfer und Verfolgte des Nationalsozialismus in Stadthagen / Kommunisten und Sozialdemokraten als erste verhaftet

Gegner der Nazis kommen in „Schutzhaft“

Im Jahr 1960 wurde auf einen Beschluss des Rates der Stadt Stadthagen hin am Ostwall (Schulstraße) ein Denkmal für die politischen Opfer des NS-Systems errichtet. Die Initiative war von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes ausgegangen. Die Inschrift lautet: „Den Opfern der Nazi-Diktatur zum Gedenken. Sie kämpften für Freiheit, Recht und Menschenwürde.“ Viele Jahre lang fanden dort Gedenkveranstaltungen statt, am 8. Mai, dem Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus, am 1. September, dem Antikriegstag, und am 9. November, dem Tag des Reichspogroms gegen Juden.

veröffentlicht am 12.06.2009 um 23:00 Uhr

Karl Henze

Autor:

Jürgen Lingner

Wie überall in Deutschland sind auch in Stadthagen Kommunisten und Sozialdemokraten als erste verhaftet worden. Bei den letzten Reichstagswahlen am 5. März hatten die SPD in Stadthagen noch 46 Prozent und die KPD 7,6 Prozent der Stimmen erhalten, die NSDAP „nur“ 35 Prozent. Ein Instrument, die politischen Gegner der NSDAP einzuschüchtern und zu terrorisieren, war die „Schutzhaft“.

Zu den ersten „Schutzhäftlingen“, die schon vor der Reichstagswahl verhaftet wurden, gehörten Karl Henze und sein Bruder Adolf. Karl Henze (1909 - 2001) fuhr, da er in Stadthagen keine Lehrstelle fand, schon mit dreizehneinhalb Jahren als Heringsfischer zur See. In seiner Autobiografie „Von der Doggerbank an den Amazonas“ schildert er das harte Leben auf den Heringsloggern und seinen Eintritt in den Kommunistischen Jugendverband Deutschlands. Infolge der großen Weltwirtschaftskrise arbeitslos geworden, wurde er in Stadthagen politisch aktiv, vor allem unter Arbeitslosen. Er träumte von der Einheitsfront zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten. Kurz vor der Machtergreifung der Nazis brachte er mit politischen Freunden eine rote Fahne auf dem Schornstein der Oldenburger Glashütte an. Bereits am 3. März 1933 wurde er für fünf Tage in Haft genommen. Am 7. April wurde er mit dem Vorwurf der Vorbereitung zum Hochverrat – in seiner Wohnung waren kommunistische Flugschriften gefunden worden – wieder verhaftet und zu einem Monat Gefängnis verurteilt. Nach seiner Entlassung arbeitete er im Straßenbau, auch an der „Judenstraße“ zwischen Kobbensen und Beckedorf. Sie hatte ihren Namen erhalten, weil auch Juden zum Ausbau gezwungen worden waren. Weiteren Verhaftungen konnte Karl Henze entgehen, weil er wieder zur See fuhr und nach Kriegsbeginn als Matrose vor Norwegen diente. Nach dem Krieg setzt er seine politische Arbeit fort. Er war der erste, der in Stadthagen einen Stadtrundgang zum Schicksal der Stadthäger Jüdinnen und Juden organisierte.

Im Juli 1933 wurde eine größere Gruppe von Kommunisten verhaftet, darunter mindestens zehn aus Stadthagen. Sie hatten sich nach dem Verbot ihrer Partei im Untergrund neu organisiert. Jeweils fünf Mitglieder bildeten eine Untergruppe. Kuriere stellten die Verbindung zwischen ihnen her. Sie gaben die Zeitung „Rote Fahne“ und Flugblätter heraus. Diese Untergrundorganisation flog auf; wie es dazu kam, ist unbekannt. In einem Prozess vor einem Sondergericht in Hamm wurden sie 1934 nach zweitägiger Verhandlung zu Strafen um eineinhalb Jahre verurteilt. Gustav Kazinski wurde zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt und anschießend in ein Konzentrationslager verbracht. Zu der Gruppe gehörte auch Auguste Meier (1902 - 1975), die Ehefrau von Karl Meier. Sie erhielt eine Gefängnisstrafe von einem Jahr und sieben Monaten. Karl Meier, der ebenfalls verhaftet worden war und in die Konzentrationslager Moringen und Oranienburg eingeliefert worden war, ist in einem früheren Artikel dieser Serie dargestellt worden.

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Auguste Meier

Der erste Sozialdemokrat, der verhaftet wurde und länger als zwei Monate im Gefängnis in Stadthagen saß, war Franz Reuther (1881 - 1957). Er stammte aus Thüringen, war Maurer und seit 1921 SPD-Sekretär für Schaumburg-Lippe. Als Vorsitzender des Arbeiterbildungsvereins engagierte er sich stark für den Neubau des Forsthauses Halt als Heim für die Arbeiterjugend. Er war Abgeordneter im Schaumburg-Lippischen Landtag und zeitweise auch Mitglied der Landesregierung. Er war einer der schärfsten Gegner der Nationalsozialisten. Auf einer Landtagssitzung am 16. März 1932 sagte er: „In der Nationalsozialistischen Partei befinden sich die niedrigsten Verbrechernaturen.“ Er sprach davon, dass in dieser Partei mindestens ein halbes Dutzend Mörder seien. Das rief große Tumulte der NSDAP-Abgeordneten hervor und führte zu einer Unterbrechung der Landtagssitzung. Es war klar, dass die Nazis ihn damit zu einem ihrer Hauptfeinde zählten. Nach seiner Verhaftung sollte er zunächst dazu veranlasst werden, der SPD abzuschwören. Ein solcher „Lump“, wie er sagte, wollte er nicht werden. Er wurde vor die Alternative gestellt, eine Erklärung zu unterschreiben, nach der er nie wieder politisch aktiv werden wolle und das Land Schaumburg-Lippe verlassen werde - oder Zuchthaus und KZ befürchten zu müssen. Notgedrungen unterschrieb er diese Erklärung und verbrachte die Jahre von 1933 bis 1945 in Senne bei Bielefeld. Die Nazis hatten geplant, ihn in einem demonstrativen Akt – Nazifahne voran – aus dem Land heraus zu bringen. Von diesem Plan erfuhr Reuther und reiste rechtzeitig mit der Bahn nach Senne. Nach 1945 kehrte er nach Stadthagen zurück und wurde bald Landrat des Kreises Schaumburg-Lippe.

Der Terror der Nazis führte dazu, dass sich die meisten Sozialdemokraten und Kommunisten in den folgenden Jahren zurückzogen. Nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 gab es wieder eine größere Verhaftungswelle. Vor allem frühere Abgeordnete und Parteifunktionäre wurden in Haft genommen. Unter ihnen waren wieder die Kommunisten Karl Meier und Georg Bartels sowie viele Sozialdemokraten: Friedrich Schirmer, nach 1945 lange Bürgermeister in Stadthagen, Karl Kunkel, der Stadtdirektor in Stadthagen wurde, und Marie Kreft (1876 - 1963), die von 1918 bis 1933 die einzige weibliche Abgeordnete im Schaumburg-Lippischen Landtag gewesen war und die nach 1945 vor allem in der Arbeiterwohlfahrt mitarbeitete. Sie und die ebenfalls verhafteten Marie Hofmeister, Anne Anke und Wilhelm Hesse hatten sich verbotenerweise mit Franz Reuther und dessen Familie getroffen.

Kommunisten und Sozialdemokraten hatten schwer unter den Verfolgungen zu leiden. Die Anhänger der bürgerlichen Parteien passten sich den Verhältnissen an oder wurden wie der Lederfabrikant und Kreisleiter der NS-Handels- und Gewerbeorganisation Harmening zu glühenden Anhängern der NSDAP.

Einzige bekannte Ausnahme war Heinrich Seegers (1902 - 1958), der Mitinhaber der Leinenweberei Seegers. Er war 1922 Mitglied des Jungdeutschen Ordens geworden, der sich am mittelalterlichen Deutschen Orden orientierte und stark elitäre, antidemokratische und antisemitische Vorstellungen enthielt. Da er aber auch Kritik an der NSDAP äußerte, wurde der Orden 1933 verboten und arbeitete illegal weiter. Durch Zufall wurde bei Heinrich Seegers die „staatsfeindliche“ Druckschrift „Frontberichte vom Kriegsschauplatz des Dritten Reichs“ gefunden. Darin werden Nationalsozialisten scharf angegriffen: Das deutsche Volk werde von ihnen belogen, Übergriffe von SA und SS werden als Mordtaten bezeichnet und die Notverordnungen von 1933 als Terrorverordnungen. Seegers wurde verhaftet, verbrachte viele Monate in Untersuchungshaft und saß ab 1937 im Gefängnis Moabit. Er wurde wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ angeklagt und zu achtzehn Monaten Gefängnis verurteilt. Nach seiner Entlassung versuchte er, sich möglichst unauffällig zu verhalten, um seine Familie und den Betrieb durch die Kriegsjahre zu bringen. Im Betrieb beschäftigte er zeitweise 80 Zwangsarbeiter – wie die meisten Stadthäger Firmen auch. Nach dem Krieg arbeitete er im Antifaschistischen Aufbau-Ausschuss mit und trat später der FDP bei.



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