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"Fremdsehen" präsentiert "Peer Gynt" rasant und mit Freiraum für ein Selbstfindungssolo

Geglücktes Panorama einer Lebensreise

Bückeburg. Die absonderlichen Geschichten des temperamentvollen Bauernburschen Peer hörten sich erfreulich viele Zuschauer im Rathaussaal an, als Dirk Schmedings freie Theatergruppe "Fremdsehen" mit Henrik Ibsens "Peer Gynt" in rasantem Tempo ihr erstes großes Repertoirestück vorführte. Gastgeber war der Kulturverein.

veröffentlicht am 13.11.2006 um 00:00 Uhr

Peer Gynt - alias Philipp Hahn - braucht nur seine Phantasie, um

Autor:

Dietlind Beinßen

Er lügt nicht, dieser Aufschneider und Fabulierer: Peer Gynt erfindet sich nur die Wirklichkeit. Er schneidert sich die Rollen zurecht, damit sie besser passen als sein Unterhemd und die Jeans. Peer ist ein Lebensdichter, ein Stückebildner, ein Maskenerfinder. Er braucht nur seine Phantasie und sein Mundwerk. Und sehr viel mehr gibt ihm Regisseur Schmeding in dessen für dieses Projekt entworfener, die Handlung zügig vorantreibender Strichfassung auch nicht mit. Die Bühne von Thoms Wienkemeier ist außer einer für Solveig, die Wartende, bestimmten Schaukel und einer weißen Wand mit stabiler Tür leer: Freiraum für ein Selbstfindungssolo. Gesungen, gesprochen, geschrieen, gerangelt, geturnt und zum Schluss etwas gelassener ausgeschritten wird das zweistündige Solo eines Nestflüchters, der noch nicht weiß, wohin und wozu, mit großer Präsenz und Brisanz von Philipp Hahn. Peer, der heillose Phantast, begibt sich durch das Panorama einer Lebensreise vom nordischen Kuhstall in die weite Welt und zurück. Je skrupelloser er das Glück an sich zu ziehen versucht, desto ironischer entzieht es sich ihm. Bis ihn sein Dichter in einer fast mittelalterlichen Moralität auf die schnöde Wahrheit zurückführt: Peer war nie er selbst, er war sich immer nur selbst genug. Gynts Weg gleicht in dieser effektvollen Einsstudierung einem Slalom durch bizarre, grelle Theaterwelten, bei dem Philipp Hahn geschickt die Fahnenstangen umrundet: Johanna Meyer als vitale Aase in Trainingshose etwa oder Sarah Davidovic im Part der anrührenden Solveig mit Haarschnecken und Spießeroutfit. Jeweils gagreich gekleidet und ausgeleuchtet, tummeln sich da außerdem zu besonders fabrizierten Griegklängen in Mehrfach-Parts: Nina Meier, Philipp Traue, Johannes Engelke, Holger Plottke, Matthias Brandt, Benjamin Rogge und Gerrit Schmidt. In der vom vorwiegend jugendlichen Publikum mit viel und lautem Beifall bedachten Aufführung rieselte kein Kalk der Konvention, aber das Brausepulver inszenatorischer Einfälle. Schade nur, dass sprachlich nicht alle Akteure - vornehmlich die weiblichen - durchdringen konnten.

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