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Die Welt zu Hause in Schaumburg: Serie zur Fußball-WM / Nach dem Sieg über Japan: Australier mögen's ungepolstert

Gegen Uruguay qualifiziert und "König Otto" besiegt

Bückeburg. Im Rahmen der Vorberichterstattung zur Fußball-Weltmeisterschaft ist das australische Team zweifelsohne am stiefmütterlichsten behandelt worden. "Dabei haben wir in der Qualifikation immerhin den zweifachen Weltmeister Uruguay aus dem Rennen geworfen", gibt sich Robert Lyle Anderson ein wenig indigniert. Ob der Husarenstreich allerdingsausreicht, um im Turnier zu bestehen, darauf möchte sich "Andy", wie ihn seine Freunde nennen, nicht festlegen. "Mit einem Unentschieden wäre ich bereits zufrieden."

veröffentlicht am 13.06.2006 um 00:00 Uhr

Robert Lyle Anderson zeigt Flagge für Australien. Der 55-Jährige

Autor:

Herbert Busch

Das wäre schon wesentlich mehr als vor 30 Jahren, als die Spieler von "Down Under" nach der Vorrunde tor- und punktlos ihre Koffer packen mussten. Damals war der Fußball europäischer Ausprägung in Australien noch weit weniger stark etabliert als heutzutage. "Das sportliche Geschehen in meiner Heimat dominieren nach wie vor Australian Football und Rugby", berichtet der 55-Jährige. Vor allen Dingen die australische Variante des Football - Anderson: "Da geht es ungepolstert richtig heftig zur Sache" - erfreue sich großer Beliebtheit. Nach FIFA-Regeln gespielter Fußball zählt auf der anderen Seite der Erde eher zu den Randsportarten. Dennoch reichte es vor kurzem außer zur WM-Qualifikation zu einem Sieg über Griechenland. "König Ottos Team" habe immerhin 95 000 Zuschauer ins Stadion gelockt, erläutert Anderson, dass das Interesse am runden Leder im Vorfeld der Weltmeisterschaft enorm gewachsen sei. Und überhaupt: Als der aus dem Bundesstaat Victoria stammende Ruheständler während des Gesprächs einen Blick auf die australische Gruppe wirft, mag er weitere Erfolge nicht ausschließen. "Gegen Brasilien verlieren wir bestimmt ganz schlimm", weiß der Semi-Experte, der über Erfahrungen beim Golf, Segeln und Fallschirmspringen verfügt und immerhin neun Marathons gelaufen ist. Aber gegen Kroatien und insbesondere Japan könnten sich seine Socceroos durchaus etwas ausrechnen, meint er. Der Vietnam-Veteran setzt vor allem auf den Trainerfuchs Guus Hiddink. Der Niederländer, der bei der zurückliegenden WM Co-Gastgeber Südkorea bis ins Halbfinale führte und "nebenbei" als Coach des PSV Eindhoven just den holländischen Meistertitel verteidigte, hat seit dem vergangenen Jahr "Down Under" das Sagen. In der Mannschaft stehen bis auf Michael Beauchamp (Central Coast Mariners) und Mark Milligan (FC Sydney) nur Spieler, die ihr Geld im Ausland verdienen. Außer dem deutschstämmigen Torhüter Mark Schwarzer (FC Middelsbrough), der den Australiern mit zwei spektakulär gehaltenen Elfmetern die Reise nach Deutschland sicherte, zählen Kapitän Mark Viduka (ebenfalls Middelsbrough) und Flügelspieler Harry Kewell (FC Liverpool) zu den Hauptleistungsträgern. Anderson wird die WM-Begegnungen mit Freunden im kleinen Kreis oder im Bückeburger "Minchen" verfolgen. "An Karten heranzukommen war in Australien genauso schwierig wie hier", erzählt der Erdteilpendler. Andy lebte von 1980 bis 1998 mehr oder weniger ununterbrochen in Deutschland. Über die vom Rott "Röcke Hoch" ausgerichteten Straßenfeste, die er seit mehr als 20 Jahren besucht, weiß der wegen seiner Trinkfestigkeit an Schaumburger Theken Gerühmte sicher mehr zu erzählen als mancher Einheimische. Seit acht Jahren reist das ehemalige Mitglied eines Bückeburger Kegelvereins sozusagen dem Sommer hinterher. Wenn hier zu Lande die Tage kürzer werden fliegt er in die Heimat, um zumeist Anfang April mit der Sonne im Gepäck die Rückreise anzutreten. In Australien kümmert er sich in dem 500-Seelen-Nest Imbill (Bundesstaat Queensland) um das Grün des örtlichen Golfplatzes. In Bückeburg pflegt er seine Freundschaften zu den Familien Eggers, Barkhausen und Harting. "Und ich sorge dafür, dass das Bier nicht zu warm wird", gibt er schmunzelnd zu verstehen. Das relativ unbeschwerte Leben verdankt der festival- und partyfeste Haudegen größtenteils Zahlungen der australischen Armee, in der er von 1967 bis 1979 Dienst getan hat. "Ich bin quasi Kriegsrentner." Ganz Stratege, rät er seinen Landsleuten, ein besonderes Augenmerk auf die Verteidigung zu legen. "Hier sind wir im internationalen Vergleich vielleicht ein wenig zu langsamund zu unerfahren", hat Anderson erkannt. Dieses Manko dürfte aber auch Hiddink nicht entgangen sein. Der werde sich wohl eine Strategie zurechtgelegt haben, um mit den schnelleren Mannschaften mithalten zu können. Andys definitiver WM-Tipp: "Achtelfinale. Vielleicht. Guus kann vieles möglich machen."

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