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Gegen Mobbing, Rassismus und Gewalt

Bedrohlich kommt eine Person auf Lukas (Namen der Jugendlichen von der Redaktion geändert) zu. Eigentlich ist Lukas ein stiller Junge mit leiser Stimme und hängenden Schultern. Doch diesmal sagt Lukas laut „Stopp!“ und hebt die Hand.

veröffentlicht am 08.06.2011 um 12:21 Uhr

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„Gut gemacht!“, lobt Jonas Mehmke den Jugendlichen. Das Training war erfolgreich. Lukas ist einer von neun Schulverweigerern, die beim ESTA-Bildungswerk in Hameln betreut werden. Jonas Mehmke ist neuer Leiter des Projekts „Kennzeichen: bunt!“. Der 24-jährige Pädagoge arbeitet beim Evangelischen Jugenddienst im Kirchenkreis Hameln-Pyrmont. An zwei Tagen hat sich Mehmke mit den Schulverweigerern beschäftigt und mit ihnen trainiert.

Mit dem Projekt „Kennzeichen: bunt!“ wendet sich der Pädagoge an Schulen, Bildungseinrichtungen und Verbände. Für Jugendliche, die gemobbt werden und täglich Rassismus und Gewalt begegnen, hat Mehmke verschiedene Trainingsformen entwickelt. „Generell kann man das Projekt als Mittel zur Gewaltprävention verstehen“, sagt er. Das Besondere daran sei, dass er sich für die Vor- sowie Nachbereitung des Trainings ausreichend Zeit nehme. „Ich sehe eine große Chance darin, als Außenstehender ganz andere Blicke und Sichtweisen widerzuspiegeln, die gerade in festgefahrenen Konflikten Lösungsmöglichkeiten bieten“, sagt Mehmke.

Mit den neun Schulverweigerern im Alter von zwölf bis 17 Jahren geht der Sozialpädagoge ins Freie, auf die Weserinsel „Werder“. Dort packt er ein großes, rotes Band aus, in das sich alle hineinstellen. „Sie sollen als Gruppe so funktionieren, dass sie sich trauen, über ihre Gefühle zu sprechen“, erklärt Mehmke. Die Schulverweigerer seien nämlich eher gewohnt, ihre Gefühle zu verstecken. Beim Training sollen sie außerdem „ehrlich miteinander umgehen, um Problemen und Streit vorzubeugen“.

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Jonas Mehmke ist neuer Leiter des Projekts „Kennzeichen: bunt!“.

Zögerlich nehmen die Jugendlichen ihre Plätze ein und sehen sich skeptisch an. Dann müssen sie innerhalb des Bandes ihre Plätze wechseln. Plötzlich wackelt das rote Band, die Teilnehmer darin auch. Gelächter kommt auf. Die Jugendlichen haben Spaß.

„Ich habe gemerkt, wie wichtig es ist, zusammenzuhalten, das hilft mir sehr“, verrät Nicole. Silke hat gelernt, „dass man nicht Gewalt anwenden muss, sondern dass man vieles auch mit Worten klären kann“. Franz fand es „sehr spannend“, obwohl er am Anfang keine Lust auf das Training hatte.

Anne Basedau, Berufspraktikantin beim Evangelischen Jugenddienst, unterstützt Mehmke in seinem Training und zeigt den Jugendlichen eine sogenannte Gewaltspirale. „Es fängt mit Beleidigungen an, dann wird gekontert, Aggressionen steigen auf, kleine Schubser werden ausgeteilt, es kommt zur Schlägerei, und Endstation ist oft das Krankenhaus.“ Damit es erst gar nicht so weit kommt, sollen die Jugendlichen die Gewaltspirale ganz unten abbrechen, also bei Beleidigungen nicht mit Gegengewalt reagieren.

„Wir kooperieren seit 2007 mit dem Evangelischen Jugenddienst und buchen das Deeskalationstraining für unser Jugendhilfeprojekt ,PikASS‘ regelmäßig“, sagt Kirsten Martens, Sozialpädagogin beim ESTA-Bildungswerk. Anschreien, sich beleidigen, verspotten, verhöhnen und Gewalt austeilen – das alles gibt es nicht im Pik-ASS-Projekt, das vom Landkreis Hameln-Pyrmont finanziert wird.

Lernen, sich über Sprache und Körpersprache zu wehren, sei Ziel des Trainings. Die Jugendlichen sollen die Möglichkeit haben, sich gegen Mobbing zu wappnen. „Dafür müssen sie sich mit den vielen Formen von Gewalt auseinandersetzen“, erklärt Martens. Zum Beispiel, dass Pornografie auch eine Form von Gewalt sein kann.

Seit sechs Jahren gibt es das Projekt „Kennzeichen: bunt!“, das für alle Schulformen offen ist. Sein neuer Leiter habe einen guten Zugang zu den Mädchen und Jungen, sagt Martens über Jonas Mehmke, der in Walsrode geboren ist und in seiner Freizeit klettern, wandern und joggen geht. Sie halte ihn für kompetent, sein Training sei gut durchdacht.

An der Grundschule in Baarsen hält Mehmke mit der dritten und vierten Klasse sein nächstes Training ab. „Es geht darum, das Gruppengefühl zu stärken, damit niemand ausgegrenzt wird“, betont er. Die Schüler sollten Gewalt erkennen, ihre Gefühle benennen können und das Nein-Sagen lernen. Ziel sei es, Kindern und Jugendlichen einen friedfertigen Umgang mit Konflikten zu ermöglichen. Für jede Klasse bereitet der Pädagoge sein Trainingsprogramm ganz speziell vor.

„Ich möchte Verhaltensmuster ändern und den Jugendlichen neue Impulse geben“, sagt Mehmke über seine Arbeit, die die Auftraggeber für zwei Tage 200 Euro kostet. Doch das Geld lohne sich, weil die Jugendlichen hier Erfahrungen machten, die sie weder in der Schule noch zu Hause machen könnten. „Es ist einfach, zu sagen, Jugendliche sind gewalttätig. Aber man kann das Problem durch Training angehen.“

Kontakt: Jonas Mehmke, Evangelischer Jugenddienst im Kirchenkreis Hameln-Pyrmont, Projekt „Kennzeichen: bunt!“, Tel. 05151-28980, E-Mail: kennzeichenbunt@jugenddienst.de

Gewalttägige Jugendliche sind mehr und mehr ein Problem – in den U-Bahnen der Großstädte, aber auch in Hameln, wo Delikte wie Körperverletzung zunehmen. In einem speziellen Projekt sollen junge Leute lernen, Konflikte gewaltfrei zu lösen.



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