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"Rintelner Abendgespräche" zu Anfragen an Trauerarbeit und Bestattungskultur

Gegen die Anonymisierung des Todes: "Brauchen einen Ort des Gedenkens"

Rinteln. Lebhaftes Interesse gab es offenbar für das jüngste Thema der Rintelner Abendgespräche, das im ökumenischen Geiste in der katholischen St.-Sturmius-Gemeinde unter der Gesprächsleitung von Superintendent Andreas Kühne-Glaser diskutiert wurde - der Gemeindesaal war nahezu bis auf den letzten Platz besetzt. Unter dem plakativen Titel "Er soll unter einem Baum in Tschechien beerdigt werden" wollte man der Problematik nachgehen, wie sich Christen zu traditionellen und neuen Formen der Bestattung stellen und welche Fragen das Verhältnis zum Tod für unser soziales Leben aufwerfen.

veröffentlicht am 20.11.2008 um 00:00 Uhr

Autor:

Ulrich Reineking

Zunächst befragte Kühne-Glaser Vertreter des Bestattungsgewerbes nach ihren Erfahrungen mit aktuellen Tendenzen auf diesem Gebiet. Dabei ließen Uwe Böger und Günther Kampmeier gleichermaßen deutlich werden, dass sie es begrüßen, wenn das Erstgespräch nach Eintritt des Trauerfalls mit den Hinterbliebenen bereits von Seelsorgern geführt wurde, weil die Angehörigen dann schon so weit "aufgefangen" sind, dass sie die nächsten Schritte mit den Bestattern im Sinne des Verstorbenen und der Trauernden klären können. "In dieser Situation sind die Hinterbliebenen ohne seelsorgerliche Hilfe oft überfordert und da muss man das Gespräch mit sehr viel Sensibilität und Verantwortungsgefühl führen", meinte Böger, und sein Berufskollege Kampmeier wies darauf hin, dass für seriöse Unternehmer das zentrale Anliegen ist, in dieser Situation konkrete und faire Hilfestellung zu leisten - im Gegensatz etwa zu sogenannten Discountern, die mit "Kampfpreisen" von 700 Euro für die Urnenbeisetzung in Polen oder Tschechien werben und die gesamten Folgekosten "im Kleingedruckten" verstecken. Leider komme es mitunter auch vor, dass Hinterbliebene auf eine "Billig-Entsorgung" drängen, obwohl der Verstorbene seine Vorstellungen von einem würdigen Begräbnis klar formuliert hat und sogar die Kosten bereits per Sparbuch hinterlegt hat. Gemeinsam erläuterten die Fachleute ihre aufgeschlossene Position gegenüber den erweiterten Möglichkeiten, die heute für Beisetzungen bestehen, warnten aber vor einer Mentalität, die auf die totale Anonymisierung im Bestattungswesen hinaus läuft. Für die Kirchen befragte der Moderator anschließend zwei Persönlichkeiten, die sich in ihrer Tätigkeit besonders profiliert haben für die gesellschaftliche Herausforderung einer angemessenen Trauer- und Erinnerungsarbeit. Pastoralreferent Ulrich Domdey von der Diözese Hildesheim ist als Diplom-Theologe in der Hospizarbeit tätig. Er machte deutlich, dass sich die katholische Kirche den Anliegen der Trauernden nicht verschließt und damit offen ist für unterschiedliche Formen der Trauer und des Gedenkens. Ihr anfänglicher Widerstand gegen Waldbestattungen sei von der Absicht getragen gewesen, einer Anonymisierung des Todes entgegenzuwirken: "Wo es einen Ort des persönlichen Gedenkens gibt, können wir auch neue Formen akzeptieren." Man müsse sich als Christ zugleich der Tendenz widersetzen, dass Kommunen aus Kostengründen Durchreisenden oder sozial Schwachen ein würdiges Begräbnis versagen: "Das ist eine im Gesetz verankerte Aufgabe, an die wir den Staat und die Kommunen als Kirche gegebenenfalls massiv erinnern müssen." Diese Position wurde auch von Oberlandeskirchenrat Dr. Hans Christian Brandy geteilt, der dem dafür zuständigen Dezernat in der evangelisch-lutherischen Landeskirche vorsteht und die Beisetzung nicht als "Privatveranstaltung" der engeren Familie sieht, sondern als Teil eines Kreislaufs, dem sich Christen gemeinschaftlich verbunden fühlen. Im Trauergespräch müsse man daher, unabhängig vonder Bestattungsform, immer wieder Tendenzen zur Anonymisierung und Isolierung der Beisetzung von der Gemeinschaft entgegenwirken. Dabei wurde von beiden Seiten begrüßt, dass es in einer Zeit mit immer mehr Patchwork-Familien und wachsender Mobilität wieder Initiativen in der Nachfolge früherer Beerdigungs-Bruderschaften gibt, die dafür sorgen, dass auch vereinsamte Menschen nicht ohne ein würdiges Geleit bestattet werden. "Mitunter stellt sich dabei heraus, dass selbst scheinbar Entwurzelte doch noch Kontakte hatten - Menschen, die froh sind, doch noch persönlich Abschied nehmen zu können." Schluss gemacht wurde auch mit den Vorstellungen, dass bei Katholiken keine Feuerbestattung erlaubt sei oder Selbstmörder nicht würdig bestattet werden dürften. Auch aus der Kirche ausgetretene Verstorbene können nach entsprechenden Gesprächen mit den Hinterbliebenen pastorale Begleitung finden: "Einerseits respektieren wir die Entscheidung zum Austritt, können aber die innere Entscheidung dazu nicht beurteilen - und im Übrigen ist eine Beerdigung immer auch ein seelsorgerlicher Dienst an den Hinterbliebenen." Musikalisch unterbrochen wurden die Gesprächsrunden durch einfühlsame Klavierbeiträge von Jürgen Krumrey - eine positiv aufgenommene Neuerung bei den Abendgesprächen ebenso wie die moderierte Form insgesamt.



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