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Eisberger Flugzeugunglück auch nach 43 Jahren ein Rätsel / Schüler restaurieren verwittertes Holzkreuz

Gedenkstein erinnert an Starfighter-Absturz

Eisbergen. Mit mehreren Kühen im Schlepptau trottet Karl-Wilfried Pultke den Hausberger Wanderweg entlang. Etwa dort, wo heute die Firma Bernstein ansässig ist. Auf einmal sieht er, wie von Südwesten zwei Düsenflieger dicht über den angrenzenden Wald fliegen. Das erste Flugzeug fliegt haarscharf über die Bäume hinweg, das zweite direkt in die Gipfel hinein. So dicht, dass der 13-jährige Junge

veröffentlicht am 13.06.2008 um 00:00 Uhr

Portas Bürgermeister Stephan Böhme (r.) schildert den Unfallherg

Autor:

Caroline Biallas

zusammenzuckt. Auf einmal ertönt ein dumpfes Geräusch, dann steigt eine pechschwarze Rauchwolke auf. "Ich war erschrocken, habe die Kühe einfach stehen gelassen, bin zu dem nächsten Haus gerannt und habe den Notruf alarmiert", sagt Karl-Wilfried Pultke. Und dann ging alles ganz schnell: 20 Minuten später ertönen schrille Sirenen, die alarmierte Bundeswehr sperrt hektisch die gesamte Waldfläche ab. Erst dann erfährt der 13-Jährige, was geschehen ist: Ein Düsenkampfflugzeug der Bundesluftwaffe, Typ F-104 G Starfighter, ist abgestürzt - genauüber dem Grenzgebiet zwischen Lohfeld und Eisbergen. Der erst 27-jährige Pilotschüler, Oberfeldwebel Günter Pethke, ist auf der Stelle tot. Es ist der Freitag vor Pfingsten, der 11. Juni 1965, etwa 10.30 Uhr. Genau 43 Jahre später, am 11. Juni 2008, wird um 15.30 unmittelbar an der Stelle, an der damals die Leichenteile des verunglückten Piloten geborgen worden sind, eine Gedenktafel mit einer bronzefarbenen Tafel eingeweiht. Unzählige Menschen finden sich mitten im Wald zwischen Eisbergen, Kleinenbremen und Lohfeld ein - darunter etliche Kameraden der Bundeswehr, zahlreiche Reservisten der Kreisgruppe Minden-Herford, Augen- oder Ohrenzeugen sowie Mitglieder aus Verwaltung und Stadtrat, darunter natürlich auch Karl-Wilfried Pultke. Stephan Böhme, Bürgermeister von Porta Westfalica, geht in seiner Ansprache auf den Unglücksflug und die Unfallstelle ein, die seinerzeit ein einziges Trümmerfeld gewesen ist. Zunächst sei ein schlichtes Holzkreuz gesetzt worden, dann sei der Absturz ein wenig in Vergessenheit geraten. Der Erste Beigeordnete Kai Abruszat sowie Karl-Wilhelm Pultke hätten sich intensiv für eine würdige Gedenkstätte eingesetzt. "Was anfänglich nur eine Idee auf dem Papier war, ist hinterher doch zu einem großen Verwaltungsakt geworden", schildert Böhme. Inzwischen hat sich die Stadt dafür entschieden, das Holzkreuz nicht wie zuerst geplant durch den Stein zu ersetzen, sondern rundum aufzuarbeiten und zusätzlich stehen zu lassen. Für die Restaurierung haben sich Christian Marx und Malte Ostländer von der Portaner Gesamtschule gemeldet. Freiwillig haben die beiden an zwei Nachmittagen das verwitterte Kreuz und die danebenstehende Bank zunächst abgeschliffen, dann grundiert und anschließend in kaminroter Farbe angestrichen- passend zum rot-grünen Kranz, den Oberst Karl-Heinz Schwarze, Oberst Ralf Kneflowski und Bürgermeister Böhme direkt vor dem erneuerten Holzkreuz niederlegen. Bis heute ist der Flugzeugabsturz im Eisberger Waldgebiet ein Mysterium - darüber, was wirklich am 11. Juni 1965 geschehen ist, wird nur noch spekuliert. Und überall gehen die Meinungen auseinander: Während ein Zeuge, der den Absturz über dem Wesergebirge ebenfalls beobachtet haben will, von einem "diesigen" und "wolkenbehangenen Tag" spricht, kann sich Karl-Wilhelm Pultke nicht daran erinnern, dass die Wetterverhältnisse besonders schlecht gewesen seien. "Man konnte zumindest beide Flugzeuge gut erkennen", erinnert er sich. Ein anderer Zeitgenosse erzählt, dass er damals Techniker in Wittmund gewesen sei, dort wo die beiden Flugzeuge gestartet sind. Er war zuständig für die Instandsetzung der Maschinen. "Es war ein totaler Schock für mich", beschreibt er den Moment, als er von dem Absturz erfahren hat. Er hat nämlich nicht nur Günter Pethke gekannt, "ein junger Luftwaffensoldat, gerade 27 Jahre alt, der noch in der Ausbildung war", sondern auch den Fluglehrer des Verunglückten, Ernst Glockmann, damals noch Hauptmann. "Dieser saß nämlich in der ersten Maschine, die wieder heile gelandet ist", sagt er. Der Fluglehrer sei danach mit den Nerven völlig am Ende gewesen und hätte noch lange Zeit mit Schuldgefühlen zu kämpfen gehabt. Der Absturzüber dem Wesergebirge ist auch ihm, dem langjährigen Techniker der Starfighter-Maschinen, noch immer ein Rätsel: "Im offiziellen Bericht hieß es hinterher, die beiden seien in eine Wolkenlage geraten und der Flugschüler sei mit der Situation überfordert gewesen und hätte die Orientierung verloren..." Der Absturzüber Eisbergen ist kein Einzelfall. Der Starfighter, ein US-amerikanisches Kampfflugzeug, das ab 1954 in großer Stückzahl gebaut und in den Luftstreitkräften mehrerer Nato-Staaten eingesetzt wurde, kann eine dramatische Zahl von Abstürzen verzeichnen: Die Bundeswehr setzte von 1960 bis 1991 insgesamt 916 Starfighter ein, von denen 292 (also fast ein Drittel) verunglückten. Am 29. März 1961 stürzte der erste Flieger vom Typ F-104 F in Deutschland ab - und von da an kam es fast wöchentlich zu solchen Vorfällen. Allein im Jahr 1965 soll es 26 Starfighter-Abstürze gegeben haben, unter ihnen der in Eisbergen. Bis einschließlich 1991, als der Flugzeugtyp komplett ausgemustert worden ist, sind insgesamt 116 deutsche Piloten verunglückt. Deshalb wird der Starfighter auch "Witwenmacher", "Erdnagel" oder "Sargfighter" genannt. Die Ursachen der Absturzserie, "Starfighter-Affäre", sind vielschichtig - als Hauptgründe gibt die Bundeswehr Ausfälle und Defekte bei der Flugzeugtechnik an.

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