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Vortrag: "Klagt nicht kämpft" - auch auf T-Shirts, Kaffeetassen und Unterröcken

Gedenkkultur entwickeln - damit der Stein wirklich mahnen kann

Rinteln (ur). Nahezu ausschließlich Rintelner Interessenten fanden sich bei der Sommeruni ein zum Vortrag über den "Stein des Anstoßes", mit dem der Politologe Dr. Raimond Reiter auf der Sommeruni einen Beitrag zur Versachlichung der Diskussion um den Gefallenen-Gedenkstein auf dem Kollegienplatz leisten wollte.

veröffentlicht am 15.07.2008 um 00:00 Uhr

Dr. Reiter beschäftigt sich in Publikationen und Seminaren seit längerem mit der Geschichte des Nationalsozialismus und kann dabei immer wieder Debatten verfolgen, in denen es um die Gedenkkultur an bestimmte Opfergruppen geht - und vor diesem Hintergrund interessierte der Wissenschaftler sich auch für die Diskussionen um die Inschrift "Klagt nicht kämpft". Diese sei zwar nicht unbedingt originär den Nationalsozialisten zuzuschreiben, sondern stammt aus der Luftwaffe im Ersten Weltkrieg, fand aber vermutlich auch vorher schon Verwendung. Dass der Spruch allerdings längst von der ultrarechten Szene adoptiert worden ist, belegt der Blick auf die Werbeanzeigen einschlägiger Versandhäuser im Internet, bei denen die Parole sogar auf Kaffeetassen, T-Shirts und Unterröcken Verwendung findet - sozusagen als schicker Trend für den braunen Nachwuchs auf Partnersuche. Bemerkenswert sei, dass der heutige Zustand des immerhin 50 Tonnen schweren Steins wohl in drei Phasen erreicht worden sei. Zunächst war da nur die Zeile "1914 - 1918", die wohl unmittelbar von jenen angeregt wurde, die in den zwanziger Jahren beschlossen, ein Denkmal an die gefallenen Schüler des Ersten Weltkriegs zu setzen. Als der Stein dann in den dreißiger Jahren schon unter der Herrschaft des Nationalsozialismus aufgestellt wurde, kam es zu der Ergänzung "Klagt nicht kämpft", die über das ursprüngliche Gedenkziel hinausging und letzten Endes auf die politische Forderung abzielte, die Ergebnisse des Ersten Weltkriegs auf kriegerischem Wegerückgängig zu machen. Viel zu wenig ist heute noch dazu bekannt, auf wessen Geheiß nach dem Zweiten Weltkrieg der Zusatz "1939 - 1945" eingemeißelt wurde, der den Sinnspruch der dreißiger Jahre in die Nachkriegszeit verschiebt. Dr. Reiter hält es in jedem Fall im Sinne einer zeitgemäßen Gedenkkultur für erforderlich, den Stein in seiner jetzigen Form durch eine auffällige Erläuterung zu ergänzen, die den Prozess der Entstehung dieses Denkmals aufzeigt - ein Gedanke, der im Publikum überwiegend geteilt wurde und noch durch denVorschlag ergänzt wurde, die "heutige Schülergeneration dabei über Arbeitskreise einzubeziehen und vielleicht in einigen Jahrzehnten die Schüler erneut zu einer solchen Positionsbestimmung aufzu- fordern". Erst wenn man diese Möglichkeit der Reflexion nutze, könne das Denkmal zu einem kontinuierlich wirkenden "Stein des Anstoßes" auch über den Schulunterricht hinaus wirken - schon damit die Impulse zum Nachdenken nicht immer nur über verwunderte Anfragen von außen erfolgen.



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