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Schriftsteller Gerhart Hauptmann war Stammgast im Kurort / Arztbesuche bei Graf Wiser

Ganz vernarrt in die Nachtigallen Bad Eilsens

Eilsen. In den zwanziger und dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts war es für die Eilser keine Überraschung, weltweit bekannten, prominenten Persönlichkeiten aus Kultur Politik und Gesellschaft zu begegnen. Zu den Dönekens über einen lockeren, Umgang mit den Geistesgrößen gehört die folgende Geschichte, die sich wohl wirklich zugetragen hat: Ein Gärtner des fürstlichen Badebetriebes in Eilsen empört sich über einen würdigen, älteren Herrn, der den Rasen im Kurpark überquert. "Wutt dui woll von'n Roasen harünner!" ruft er zornig. Der alte Herr, Gerhart Hauptmann ist es, antwortet mit empörter Stimme:"Sie wissen wohl nicht mit wem sie reden?" "Dat weit eck woll, Sei sün de olle Jöthe", schallt es zurück.

veröffentlicht am 10.01.2007 um 00:00 Uhr

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Autor:

Friedrich Winkelhake

Dass der Gärtner unserer Bad Eilser Anekdote den Literaten als "ollen Jöthe" ansprach, war gar nicht so "daneben gegriffen". Der zu dieser Zeit schon vielfach ausgezeichnete Nobelpreisträger wurde überall verehrt. Zum 60. Geburtstag nannte Thomas Mann ihn den "König der Republik". Als man in Deutschlandin den Wirren nach dem 1. Weltkrieg einen "geistigen Führer" suchte, schlug Thomas Mann Gerhart Hauptmann vor. Im Jahre 1921 gab es Gerüchte, Hauptmann wäre zu einer Reichspräsidentenkandidatur bereit. Gerhart Hauptmanns 70. Geburtstag fiel mit dem 100. Todestag Goethes zusammen. "Was Goethe vor 100 Jahren für Deutschland bedeutete, das ist heute Gerhart Hauptmann!" hieß es zu dieser Zeit. Und Hauptmann fühlte sich denn auch sehr geehrt, ja, er ließ seine Bekannten erstaunen und mit Erheiterung feststellen, dass er versuchte,äußerlich dem alten Goethebild ähnlich zu werden. Er passte seine Kleidung und seine Haartracht Goethe an. Gerne ließ er sich auch als Nachfolger Goethes nennen oder gar Sohn Goethes. Hauptmann wurde von den alten Eilsern häufig bei seinen Spaziergängen im Harrl und auf dem Aueweg Richtung Arensburg getroffen. Er galt als freundlicher und kontaktfreudiger Mann, der sich bisweilen richtig leutselig zu unseren Einheimischen verhielt. Wenn also der große Dichter auf dem Aueweg an der alten Heeßer Schule vorbeikam, dann hinterließ er schon einen tollen Eindruck auf Lehrer und Schüler. Lina Piel aus Heeßen erinnert an diese Begegnungen in ihrer kleinen plattdeutschen Heimatschrift: "Den Dichter, Gerhart Hauptmann, kennen wäi, spazier von Alzen an äuser Scherle verbäi. De Scherlmester vertelle üsch von säinen Werk: "Die Weber", beihmen et dür und leisen dat Berk". Mit seiner Gattin Margarete bewohnte er regelmäßig jedes Jahr ein großes Appartement in der 1. Etage, Kurparkseite, im Hotel Fürstenhof. Beide nahmen natürlich am ausgeprägten Kulturleben des Bades teil. Auf ihren häufigen Wanderungen kehrten sie auch in den kleinen Gartenwirtschaften und Restaurants der Gegend ein. Der Künstler liebteden Park mit seinen hohen alten Bäumen und dem anmutig dahinplätschernden Auebach. "Die vielen Nachtigallen des Kurparks sind die musikalischsten des ganzen Kontinents", soll er begeistert erzählt haben. Das Ehepaar Hauptmann fühlte sich in Bad Eilsen recht wohl. Der eigentliche Grund der jährlichen Besuche in unserem Bad Eilsen war die Folge eines Netzhautrisses der Gattin Margarete im Jahre 1896. Seit dieser Zeit laborierte Frau Hauptmann mit immer schlimmer werdenden Augenerkrankung. Hauptmanns hatten schon früh von den Heilerfolgen des in Fachärztekreisen umstrittenen Augenarztes, Dr. Graf Wiser, gehört und sich seiner intuitiven Diagnose und kunstreichen Therapie anvertraut. In Graf Wisers Können vertrauten beide Eheleute, denn der Erfolg seiner Behandlungsmethode blieb nicht aus. Jedes Jahr nach dem obligatorischen Italienaufenthalt in Rapallo mit einem kurzen Übergang in Lugano stand auf dem Reiseplan des Schriftstellers ein mehrwöchiger Augenkur-Aufenthalt bei Graf Wiser. Im Fürstenhof, in den 20er Jahren eines der elegantesten Hotels Europas, trafen sich oft die Großen der Zeit: Filmschauspieler, Sängerinnen und Sänger, Komponisten, Musiker, die Tenniselite, Politiker, der Hochadel und reiche Herrschaften aus der ganzen Welt. Von einem besonderen Treffen der damals ganz Großen in Deutschlands Kulturleben, Gerhart Hauptmann, Hans-Heinz Ewers und Herbert Eulenberg, gibt es Fotos in mehreren Biografien. Das Gruppenfoto, vom Bückeburger Fotografen Klimmer aufgenommen, wurde auf Postkarten verewigt und mit den Unterschriften der drei Schriftsteller richtig wertvoll. Ewers, der Autor des von Generationen wollüstig verschlungenen Sensationsromans "Alraune", schreibt allerdings seiner Gattin über die Einladung Hauptmanns im Fürstenhof weniger positiv: "It was dull and stupid - the whole table was socialist, pacifist, democratic ecc. - and of course the whole palavering but politics! Nobody talks aboutanything else anymore!" Eulenberg und Ewers gehörten aber trotz dieser Kritik zu den Bewunderern des Nobelpreisträgers. Gerhart Hauptmann hinterließ so manches Buch mit persönlicher Widmung bei Bekannten und Freunden in Eilsen. Die Gemeinde ehrte ihn mit einer Straßenwidmung. An der Gerhart-Hauptmann-Straße wohnte auch der Kurdirektor dieser goldenen Zeit für Bad Eilsen, Friedrich Nievert. Auch Nievert hatte ein gutes Verhältnis zu dem unvergessenen "König der Republik".



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