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Corvey und die Hohenlohes / Eine Ausstellung zu den vier bedeutenden Brüdern

Ganz ungewöhnliche Karrieren der Brüder

VON JÜRGEN C. KRUSE

veröffentlicht am 11.05.2011 um 19:12 Uhr

Die Brüder Viktor Herzog vonRatibor, Fürst von Corvey und Chlodwig Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst.

In der Fürstlichen Bibliothek im Schloss Corvey ist bis zum 1. November eine kleine Ausstellung zu sehen, die den vier prinzlichen Brüdern Viktor, Chlodwig, Gustav Adolf und Constantin zu Hohenlohe gewidmet ist. Heute weitgehend vergessen, spielten sie im politischen Leben des 19. Jahrhunderts eine bedeutende Rolle.

Gestaltet wurde die Ausstellung vom Leiter der Bibliothek, Günter Tiggesbäumker. Ihr Titel ist „Ex flammis orior“ („Aus den Flammen steige ich empor“), der Wappenspruch des Gesamthauses Hohenlohe – und wie der Phönix aus der Asche stiegen diese vier Brüder aus hochadliger Bedeutungslosigkeit empor und machten ganz ungewöhnliche Karrieren.

Die Hohenlohes sind eigentlich ein fränkisches Geschlecht; das Hohenloher Land liegt an Tauber, Jagst und Kocher. Eine Reihe von historischen Zufälligkeiten hat bewirkt, dass ein Zweig des verwirrend weitverzweigten Geschlechts (allein 26 Seiten im Genealogischen Handbuch des Adels!) in das Weserbergland verschlagen wurde, und dass die Brüder mit ihren Eltern und Geschwistern zehn Jahre ihrer Jugend in Corvey verbringen konnten:

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Kardinal Gustav Adolf zu Hohenlohe-Schillingsfürst.

Der letzte Landgraf von Hessen-Rotenburg, Viktor Amadeus, hatte 1820 als Ausgleich für verlorene linksrheinische Gebiete das Herzogtum Ratibor in Oberschlesien und das Fürstentum Corvey an der Weser erhalten. Da seine Ehe kinderlos geblieben war, folgte er dem Wunsch seiner Frau und setzte 1825 die beiden ältesten Söhne von deren Schwester, die Prinzen Viktor und Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst, als Erben für Ratibor und Corvey ein. Der hessische Besitz des Landgrafen fiel bei seinem Tode 1834 zurück an das Kurfürstentum Hessen.

Da die beiden ältesten Brüder durch diese Erbschaft mit neuen Titeln und neuem Besitz versorgt waren, wurde der dritte Bruder, Ernst, zum Erbprinzen von Hohenlohe-Schillingsfürst. Der starb aber schon 1845, und die Karten mussten neu gemischt werden. Viktor vereinigte die beiden Erbteile seines Onkels und wurde Herzog von Ratibor und Fürst von Corvey, Chlodwig hingegen Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst.

So viel zur Vorgeschichte! Nun zu den Personen:

Viktor Herzog v. Ratibor, Fürst v. Corvey (1818-93) wurde durch die Erbschaft einer der reichen schlesischen Magnaten, die Herrschaft Ratibor allein umfasste 34 000 ha! Schon frühzeitig wurde er politisch tätig. Ab 1847 gehörte er verschiedenen Parlamenten an, dem preußischen Herrenhaus (1854-93) und nach der Reichsgründung dem Reichstag (1872-90). Präsident des Herrenhauses war er von 1877 bis 1893.

Chlodwig Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst machte die bedeutendste Karriere – unter schwierigen Umständen: 1866 Vorsitzender des Bayerischen Ministerrats gegen eine klerikal bestimmte Mehrheit. 1874 Kaiserlich deutscher Botschafter im von den Deutschen besiegten Frankreich. 1885 Kaiserlicher Statthalter in den neu gewonnenen Reichslanden Elsaß-Lothringen, wo ein großer Teil der Bevölkerung die Rückkehr zu Frankreich wünschte. 1894 bis 1900 dritter, wenn auch nicht sehr erfolgreicher deutscher Reichskanzler.

Gustav Adolf Prinz zu Hohenlohe-Schillingsfürst (1823-96) begann ein Jura-Studium, schwenkte dann über zur Theologie, wurde 1849 Priester und schon 1866 Kurienkardinal. Im Vatikan aber gaben zu der Zeit die Jesuiten den Ton an, und für sie war Hohenlohe ein rotes Tuch. Dies nicht nur wegen seines Vornamens, der an König Gustav Adolf von Schweden erinnerte, den Führer der Protestanten im Dreißigjährigen Krieg. Vielmehr war er einer der prominentesten Gegner des I. Vatikanischen Konzils und des dort zum Dogma erhobenen „Unfehlbarkeits“-Anspruchs des Papstes. Bismarck hatte die bizarre Idee, ihn zum preußischen Gesandten beim Päpstlichen Stuhl vorzuschlagen, doch der Papst lehnte aus begreiflichen Gründen ab. Ohne besondere Funktion lebte der Kardinal teils in Deutschland, teils in der berühmten Villa d’Este in Tivoli, die ihm der Herzog von Modena zu lebenslangem Gebrauch überlassen hatte – allerdings ohne die Mittel zu deren kostspieliger Unterhaltung bereitzustellen, was finanzielle Engpässe beim Kardinal zur Folge hatte. Zeitweise wohnte bei ihm in der Villa auch Franz Liszt, der hier auch „Die Wasser der Villa d’Este“ komponierte.

Constantin Prinz zu Hohenlohe-Schillingsfürst (1828-96) trat in österreichische Militärdienste, wurde 1859 Flügeladjutant des Kaisers, 1867 Hofmarschall und 1867 Obersthofmeister und damit zum ersten Würdenträger des Reiches – und einem der einflussreichsten dazu. Auch dem Reichsrat gehörte er an und vertrat hier die gleichen Positionen gegenüber den Ansprüchen der katholischen Kirche, die seine beiden ältesten Brüder in Preußen und Bayern vertraten.

Alle vier Brüder wurden in den „Kulturkampf“ verwickelt, die Auseinandersetzung zwischen dem Vatikan auf der einen und Preußen und Bayern (und ab 1871 auch dem Deutschen Reich) auf der anderen Seite. Die Beziehungen zwischen der römischen Kirche und den weltlichen Staa-ten hatten sich verschärft durch das schon erwähnte I. Vatikanische Konzil, das Papst Pius IX. für 1869 einberufen hatte und auf dem die „Unfehlbarkeit“ des Papstes zum Dogma erhoben werden sollte. Die „Unfehlbarkeit“ sollte ja nicht nur in Glaubensfragen gelten, sondern auch in Fragen der Sittenlehre und griff damit massiv nicht nur in das Privatleben des Einzelnen, sondern auch in die Souveränität der Staaten ein. Die kompromisslose Opposition der katholischen Kirche (aber auch eines Teils des orthodoxen Luthertums!) gegen die staatliche Schulaufsicht und die Einführung der standesamtlichen Trauung („Civilehe“) sind Beispiele.

Die Opposition der vier katholischen Brüder gegen das Konzil und den „ultramontanen“ Kurs der katholischen Kirche mag verwundern. Sie könnte aber ihren Grund auch in der Familiensituation der Hohenlohes haben. Die Brüder stammten aus einer „Mischehe“, aber wo sonst die katholische Kirche solche Ehen nur tolerierte, wenn sichergestellt war, dass die Kinder katholisch getauft und erzogen würden, galt hier in der Familie eine tolerantere Regelung: die Söhne wurden nach dem Vater katholisch, die Töchter nach der Mutter evangelisch erzogen. In dieser „ökumenischen“ Familie war interkonfessionelle Toleranz naturgegeben, und die Söhne wurden so erzogen, dass Ausgleich und Kompromiss ein größeres Gewicht besaßen als die Verlockung des kirchlichen Fanatismus.

Das trug ihnen den Hass der Jesuiten und des „ultramontanen“ Flügels der kath. Kirche ein. Gustav wurde in Rom isoliert, Ratibor im Reichstag vom Zentrum als „Staatskatholik“ verunglimpft, bei der Reichstagswahl verlor er gegen einen unbekannten geistlichen Herrn, der von der katholischen Zentrums-Partei als Gegenkandidat aufgestellt worden war. Chlodwig hatte schon als bayerischer Ministerpräsident vergeblich versucht, die Schulen dem Einfluss der Kirche zu entziehen und war von den bayerischen Klerikalen gestürzt worden.

Die Ausstellung in Corvey geht auf diese größeren politischen Zusammenhänge nur am Rande ein. Sie illustriert aber in liebevoll ausgewählten Lebenszeugnissen (von Fotos, Briefen, Schul- und Zeichenheften der Brüder bis zu familiengeschichtlichen Veröffentlichungen) den Lebensweg der bedeutenden vier.



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