weather-image
10°
×

Wie die Progressive-Rock-Band Genesis zur Collins’schen Hitmaschine wurde

Gabriels belämmerter Broadway versank im zweiten Haus am Meer

In Höhe Ronnenberg ist mir übel. Zwei Tüten Gummibärchen auf der Fahrt vom Weserbergland bis vor die Tore der Landeshauptstadt hält kein noch so starker Magen aus. Aber es ist Nervenfutter fürs Genesis-Konzert. Ausverkauftes Niedersachsen-Stadion. 60 000 Menschen in der „Schüssel“. Der erste Gig meines Lebens, zugegeben vergleichsweise spät. 16 zarte Lenze bin ich an diesem 7. Juni 1987 alt, als die britische Progressive-Rock-Band bei der „Invisible Touch“-Tournee in Hannover Station macht. Gut, dass sie nicht mehr progressiv ist. Throwing It All Away. Ich wäre wohl sonst nicht hier, in Block F, neben meinen Brüdern Olli und Uwe und mit den Gummibärchen zwischen all den Erwachsenen.

veröffentlicht am 30.04.2011 um 05:02 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:16 Uhr

Jens Meyer

Autor

Leiter Redaktion PR- und Sonderthemen zur Autorenseite

Aber daraus, aus dieser inspirierenden Artrock-Ära der frühen Siebziger, als die Children Of The Revolution schon nicht mehr viel im Ei hatten, war die Band ohne Zweifel erwachsen. Die Rest-Sechziger hatte sie gerade so durchgestanden, was dem damaligen Decca-Manager Jonathan King zu verdanken war, weil er den drei Internatsschülern von Charterhouse – Tony Banks, Mike Rutherford und Peter Gabriel – einen Plattenvertrag verschafft hatte und ihnen während der Sommerferien 1968 ein Studio zur Verfügung stellte, damit sie ihr erstes Album einspielen konnten. King und andere von Decca glaubten an die Gruppe, wenngleich „From Genesis to Revelation“ kein Hit wurde und das Debütalbum bis heute nicht als Meisterwerk gilt. Erst „Foxtrot“, die vierte Platte, zündete 1972 mit einem Platz 12 in England halbwegs ordentlich.

Danach „Selling England By The Pound“ und „The Lamb Lies Down On Broadway“, die Doppelscheibe aus der Feder Gabriels. Schwere Kost. Phil Collins gab viele Jahre später zu, nicht annähernd verstanden zu haben, was Gabriel mit dem Konzeptalbum inhaltlich transportieren wollte. Vermutlich weiß es Gabriel selber nicht. Aber Songs wie „Carpet Crawler“ oder „Lilywhite Lilith“ müssen nicht Sinn machen, sondern sind das, was sie sind: zeitlos.

Collins war übrigens vier Jahre nach der Gründung von Genesis zur Band gestoßen und nicht, wie es der deutsche Musikkritiker Frank Laufenberg in seinem 1980 erschienenen Rock- und Pop-Almanach schreibt, seit Anfang an dabei. Little Drummerboy Philip war auf eine Anzeige in der Musikzeitschrift Melody Maker 1970 aufmerksam geworden, wonach die Gruppe einen neuen Schlagzeuger suchte, nachdem John Mayhew ausgestiegen war. Ein Glücksgriff in jeder Hinsicht, wie sich im Laufe der Bandgeschichte herausstellen sollte, denn als Gabriel nach „The Lamb …“ seine Solokarriere in Angriff genommen und Genesis verlassen hatte, ersetzte ihn Collins vorne am Mikro. Gabriel gab sein letztes Konzert als Sänger (und Theaterchef?) für Genesis am 23. Mai 1975 im Palais des Sports in St. Etienne.

4 Bilder

Vorbei die Zeiten, in denen er zigmal die Kostümierung auf der Bühne wechselte. Vorbei die Selbstinszenierung als Fabelwesen mit Pickelhaube und der ganze Quatsch. Fans aus dieser Genesis-Epoche mögen es bis heute anders sehen. Aber im Grunde brauchte die Band diese Runderneuerung Mitte der siebziger Jahre, als das Discofieber grassierte und fette Bläsersätze dem Rock nach und nach einverleibt wurden. Genesis war plötzlich nicht Fisch, nicht Fleisch. Zwar erfolgreich, aber auf einem schmalen Grat. Was würde mit Gabriel nach „The Lamb …“ schon folgen können?

Mister Sledgehammer ließ die Finger von der Band, selbst als 2007 Genesis zur letzten großen Tournee aufbrach. Collins erteilte Reportern und ewig gestrigen Erzengel-Gabriel-Jüngern im Vorfeld eine Abfuhr. „Nein, Peter kommt nicht mit. Wir haben ihn gefragt, aber er hatte Bedenken. Er hat irgendwie immer Bedenken.“

War gut so. Der Gabriel kommt einem so unendlich spaßbefreit vor. Wie ein Gefangener in moll, der Dur noch nicht gefunden hat. Wer nicht sicher ist, ob er diesem Leben freiwillig Goodbye sagen will, hört sich Gabriels 2002er Album „Up“ an. Damit funktioniert der Absprung vermutlich problemlos.

„Heute Abend spielen wir alte Stucke and neue Stucke.“ Herrlich, der Collins. Ein Weltklassedrummer, ein mehr als passabler Sänger und ein Entertainer. Hätte die Band, ja, hätte er das nach dem Ausstieg Gabriels schon 1975 gewusst, dann wäre die zunächst aufwendige Suche nach einem neuen Sänger nicht nötig gewesen. Es gab dann einen Punkt, an dem müssen Rutherford, Banks und der damals noch zum festen Stamm gehörende Steve Hackett so verzweifelt wie überrascht gewesen sein, als Collins ihnen sagte: „Okay, ich mach’s.“

Das war ein Wendepunkt, einer von mehreren, die diese Gruppe durchlebte. Was mag Gabriel gedacht haben, als „A Trick Of The Tail“ 1976 erfolgreicher verkauft wurde als „The Lamb“? Das erste Album, das es in den UK-Charts in Großbritannien bis an die Spitze brachte, ist „Duke“ 1980 – als Folge aus der ersten wirklich erfolgreichen Single „Follow You, Follow Me“, die 1978/79 aus dem Album mit dem augenzwinkernden Titel „…And Then There Were Three“ ausgekoppelt worden war. Steve Hackett war ausgestiegen. Banks, Collins, Rutherford waren fortan Genesis, schrumpften den Sound zum teils entspannten Mainstream schlank. Gabriels belämmerter Broadway, ohne Frage eines der großartigsten Meisterwerke der Artrock-Ära, versank spätestens im „Second Home By The Sea“ 1983 auf der Wahnsinnsscheibe Genesis. Die Band war nie weg – und doch auferstanden.

Und unerhört: Sie setzte sogar Bläser von Earth, Wind & Fire ein! „Paperlate“ (1981) zeugt vom immensen Einfluss Collins’, der ab Anfang der achtziger Jahre auch seine Solokarriere forcierte, ohne Genesis zu vernachlässigen. Immer wieder überraschte die Band mit Sieben-Minuten-Stücken wie „Abacab“ und „Dodo“, legt einen Parforceritt hin zwischen dem Anspruch der alten Fangarde und dem neuen Markt. Und zwangsläufig katapultierte die Gruppe Singles bis ganz nach oben.

Am Riesenerfolg hatte der neue Produzent Hugh Padgham seinen Anteil. Der Sound wirkte weniger verspielt, mehr zielorientiert. Man könnte auch sagen: vorhersehbarer. Das Studio The Farm in Surrey (Südengland) wurde zum Schmelztiegel des Erfolgs. Fünf Nummer-Eins-Alben in England, zwei in Deutschland. Die Hit-Maschine lief, und trotzdem immer wieder schier epochale Klänge wie das fiese „Mama“ (1983 aus „Genesis“) oder das triefend schwitzende „Tonight, Tonight, Tonight“. Und live verzichtete die Band nicht auf Siebziger-Jahre-Sahne wie „In The Cage“, „Afterglow“ und „Los Endos“.

Den Herzschlag von Genesis gaben Banks, Collins und Rutherford an. Doch die Lebensader fluteten live zwei weitere Musiker. Rutherford konnte nicht gleichzeitig Bass und Gitarre spielen, weshalb er sich diesen Job live mit dem Amerikaner Daryl Stuermer teilte, der mit den Saiten besser umgehen kann als Rutherford selbst. Und Collins konnte nicht dauernd trommeln, wenn er doch singen musste. Nach langer Suche fand er den, vielleicht den einzigen Schlagzeuger, der ihn überhaupt ersetzen konnte: Chester Thompson! Ein cooler Typ, kein Haudrauf, kein Muskelmann, sondern einer, der mit den Fellen spielt und die Hi-Hats wohldosiert einzusetzen weiß, so wie es Collins tut. Es ist nicht vermessen zu behaupten, dass Thompson bis heute zu den weltbesten seines Fachs zählt. Die Drum-Duets mit Collins sind legendär, ein Höhepunkt jeder Genesis-Show. Auch ’87.

Ach ja, 1987. Da sitze ich also in Block F und harre der Dinge, die da kommen. Erstmal dödelt Paul Young „Wherever I Lay My Hat“ im Vorprogramm über die Rampe, geht sang-, aber nicht klanglos unter. Gefühlte drei Boxen und vier Scheinwerfer im Abendsonnenlicht machen ihm die Sache auch nicht gerade einfach. Warum gibt es überhaupt Vorprogramme? Ich wünschte mir eine Welt ohne Vorprogramme, ohne Geplärre und Geplänkel. Von 100 Vorprogrammen sind 97 mies. Man muss Glück haben, Zuschauer wie Musiker. Und man muss cool bleiben, so wie Keb‘ Mo als Anheizer für Tina Turner. Ausgepfiffen wurde der Blues-Gitarrist, so laut, dass er einen Tinnitus haben müsste. Doch er entgegnete gelassen: „This reaction is better than no reaction. The next song.“

Young ist 1987 nicht so cool und verabschiedet sich höflich. Der Rest von jenem 7. Juni ist gehörtes Glück. Mama. Home By The Sea. Ein visible Touch im Land Of Confusion. That’s all.

Fünf Jahre später folgt die „We Can’t Dance“-Tournee. In jeder Hinsicht herausragend, weil: mit einem Jahrhundertalbum im Gepäck („We Can’t Dance“), ohne Vorprogramm und Gummibärchen. 1997 verkündet Collins seinen Abschied aus der Band. Banks und Rutherford versuchen es mit Ray Wilson als Sänger. Das Album „Calling All Stations“ ist besser als sein Ruf, aber keine Offenbarung. Und am Ende steht für manchen nicht müde werdenden Kritiker die bittere Erkenntnis, dass Gabriel zu ersetzen war, Collins aber nicht.

There’s too many men, Too many people

Making too many

Problems

And not much love To go round

Can’t you see

This is a land of confusion.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2021
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt