weather-image
17°
Stadt verkauft zum ersten Mal seit 1996 Fundgegenstände / Fahrräder kosten durchschnittlich 5 Euro

Fundstücke, die niemand mehr vermisst

Obernkirchen. Morgens um halb neun ist der Raum in der Langen Straße 10 noch dunkel. Es gibt kein künstliches Licht in dem ehemaligen Geschäft, und so sind die Gegenstände, die den Raum füllen, erst mit der anbrechenden Dämmerung zu erkennen: Schreibmaschinen, Koffer, Kinderschuhe, Schmuck und über 30 Fahrräder.

veröffentlicht am 22.11.2008 um 00:00 Uhr

0000506615.jpg

Autor:

Marieluise Denecke

Es ist der erste Verkauf von Fundgegenständen der Stadt Obernkirchen seit zwölf Jahren, und der Andrang an diesem Morgen ist groß: Auch ohne zu wissen, woher die Sachen stammen oder wie sie bei Tageslicht aussehen, kommen Menschen aus Obernkirchen und Umgebung, um sich umzusehen, um auszuprobieren, zu verhandeln, Schnäppchen für sich und für Verwandte und Freunde zu machen. "Die ist für meinen Neffen", sagt Frank Simon aus Obernkirchen und öffnet den Koffer einer kleinen dunkelroten Schreibmaschine: "Darauf soll er seine Bewerbungen schreiben." Er überprüft kurz, ob die Tasten, Räder, Walzen und Hebel noch funktionieren, und reißt dann den blauen Zettel, der mit Geschenkband an der Maschine befestigt ist, ab: Die wird er mit nach Hause nehmen. Mit Renate Külb, die den Verkauf zusammen mit Stadtkämmerer Wolfgang Seele organisiert hat, verhandelt er noch ein wenig, bis die Schreibmaschine schließlich für fünf Euro ihren Besitzer wechselt. Die Mehrheit der Menschen aber geht an diesem Morgen mit Fahrrädern nach Hause: 37 Stück haben sich seit 1996, als die Stadt das letzte Mal Fundstücke verkauft hat, im Keller des Rathauses angesammelt. "Die haben wirübereinandergestapelt, damit sie alle in den Raum passten", erzählt Külb, die eigentlich die Stadtbücherei leitet, heute aber über die Preise und über den Ordner mit dem Schmuck - hauptsächlich Goldringe und Uhren - wacht. Diesen Kellerraum "leer kriegen", darum geht es Seele: "Der Rathaus-Umbau steht vor der Tür, und der Keller wird mitsaniert." Auch wenn es bis zum Umbau noch dauern wird, hat der Stadtkämmerer Tempo vorgegeben: Statt in einer Auktion werden die Fundstücke nach dem Prinzip "Wer zuerst kommt, mahlt zuerst" verkauft. "Die besten Stücke sind schon weg", bedauert Jörg Janning, der eigens aus Stadthagen angereist ist. Sein Sohn, im Teenager-Alter, brauche ein Fahrrad, mit dem er zur Schule fahren könne. "Und in dem Alter muss das Rad ja auch nach was aussehen", beschreibt Janning seinen Anspruch an die Räder. Er sieht sich verschiedene Exemplare an, testet Bremsen, Reifen und den Sattel, und wird bei einem großrahmigen Mountainbike schließlich fündig. "Dies und das muss noch repariert werden", lautet sein abschließendes Urteil. "Zur Not kann man aus zweien dieser Räder auch eins machen", lacht Külb. Tatsächlich kommt ein Mann zur Tür herein, der ein paar Minuten zuvor erst ein Fahrrad gekauft hat: "Das hintere Rad ist verbogen, aber zu dem Preis kaufe ich gleich ein zweites!" Durchschnittlich kostet ein "gefundenes" Fahrrad der Stadt fünf Euro. Die Einnahmen des Vormittages werden direkt in die Stadtkasse eingezahlt. "Der Kämmerer freut sich über jeden eingenommenen Euro", lacht Seele. Eine Garantie auf die Funktionstüchtigkeit der Räder und der anderen Gegenstände gibt es übrigens nicht. Außerdem können die Fundstücke drei Jahre nach Verkaufstag zurückgefordert werden, sollte jemand in ihnen zweifelsfrei sein Eigentum wiedererkennen. Die meisten Sachen werden allerdings schon seit Jahren von niemandem vermisst. Eine Stunde später ist der Ansturm in der Langen Straße 10 wieder vorbei. Etwa zwanzig Fahrräder, ein bisschen Schmuck und einige Kleinteile sind übrig geblieben.

Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare