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Bewohner und Angehörige klagen über katastrophale Pflegezustände im Seniorenheim Herminenhof

Fürst: "Was hier jetzt geschieht, ist kriminell"

Bückeburg (rd). Im Seniorenwohnheim "Herminenhof" herrscht offenbar der Pflegenotstand. Es brodelt. Seit Monaten häufen sich Beschwerden von Heimbewohnern und Angehörigen. Katastrophale Zustände werden beklagt. Häufige Wechsel beim Personal, von der Heimleitung bis zu den Pflegekräften, mangelnde Pflege und Betreuung der Bewohner und unzureichende Verpflegung werden bemängelt. In den vergangenen sieben Monaten musste sich der Heimbeirat fast ausschließlich mit diesen Beschwerden befassen.

veröffentlicht am 11.06.2008 um 00:00 Uhr

Der Herminenhof - idyllisch im Sonnenschein im Palaispark gelege

Jetzt machte er Nägel mit Köpfen. Der Heimbeirat lud den Geschäftsführer der Betreibergesellschaft Casa Reha, Dr. André M. Schmidt, ein, während einer Vollversammlung der Bewohner Rede und Antwort zu stehen. Rund 70 Betroffene, dazu Angehörige, kamen. Dabei war auch Alexander Fürst zu Schaumburg-Lippe - dieFürstliche Hofkammer ist Verpächter des "Herminenhofes". Sie alle machten ihrem Ärger Luft. "Wir dachten, es sei ein völlig anderes Unternehmen als der Vorgänger, die Sozialkonzept-Gruppe, die von dem neuen Betreiber Casa Reha aufgekauft wurde", erläuterte Fürst Alexander. Die Hoffnung, dass sich mit dem neuen Betreiber etwas zum Besseren verändert, zerschlug sich schnell. Der Fürst aufgebracht und verärgert: "Unter Sozialkonzept war es hier nicht schön, aber was hier jetzt geschieht, ist kriminell. Das ist hier ein Höllenloch!" Viele würden glauben, dass er selbst dieses Haus betreibe: "Ich kann nicht zulassen, dass hier solche Zustände herrschen. Das ist nicht zumutbar, zumal sich die alten Menschen nicht wehren können. Und außerdem habe ich einen Ruf zu verlieren." Der Fürst wies auf Vorfälle in einer Casa-Reha-Einrichtung in Finthen (Mainz) hin, wo Vorwürfe wegen mangelnder Pflege zu Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und zur vorübergehenden Schließung des Heims geführt hätten. "Da war aber nichts dran", wehrte sich Dr. Schmidt und warf dem Fürsten vor: "Sie haben keine Ahnung von dem Metier." Der Fürst solle die Versammlung nicht zur Selbstdarstellung nutzen. Alexander zu Schaumburg-Lippe aber sprach nur deutlich aus, was viele dachten. Zunächst indes versuchte Heimleiter Armin Brosch, der seit Anfang Mai in der Einrichtung arbeitet, für gute Stimmung zu sorgen. Er informierte über eine Erweiterung des ergotherapeutischen Angebotes und über feste Termine, an denen die Bewohner mit Pflegern Spaziergänge unternehmen können. Die Bewohner quittierten das mit Gelächter. "Davon haben wir noch nichts bemerkt." Und auch in den Ausführungen von Dr. Schmidt, der über das Unternehmen referieren wollte, konnten die Anwesenden keine Gemeinsamkeiten mit der Einrichtung "Herminenhof" finden. Und dann hagelte es Kritik. "Ich kann meine Mutter nicht sehr häufig besuchen, da ich weiter entfernt wohne. Als ich heute kam, habe ich bei meiner Mutter Fingernägel gesehen; so was habe ich noch nie gesehen. Die wurden ewig nicht geschnitten", beklagte eine Angehörige. "Meine Mutter ist inkontinent. Ich habe darum gebeten, dass sie einmal pro Woche geduscht wird. Das geschieht aber nicht. Manchmal wird sie erst nach drei Wochen unter die Dusche gebracht", schilderte ein Angehöriger. "Mein Vater sieht meist grauenvoll aus. Er ist unrasiert und trägt am Abend noch Kleidung, die völlig bekleckert ist. Die Morgentoilette wird von völlig überlasteten Pflegekräften manchmal erst am Abend ausgeführt", wetterte eine andere Angehörige. Auch die Verpflegung wurde bemängelt. "In den oberen Bewohnerbereichen gibt es viele Lebensmittel nicht, die im Erdgeschoss an die Bewohner ausgeteilt werden. Manchmal wird eine Mahlzeit für einige Bewohner einfach ausgelassen. Und von Abwechslung auf dem Speiseplan kann keine Rede sein", kritisierte ein Bewohner. Der Speiseplan würde sich alle 14 Tage wiederholen. An den Wochenenden seien für die 90 Bewohner nur zwei Pflegekräfte im Haus, hieß es. "Das sind Zustände, die nicht mehr tragbar sind. Man fühlt sich schuldig, wenn man einen Angehörigen in dieser Einrichtung hat", sagte ein Mitglied des Heimbeirates. Eine "Bezugspflege", bei der eine Pflegekraft konstantüber einen längeren Zeitraum die Pflege eines Bewohners übernimmt und so eine persönliche Beziehung zu ihm aufbauen kann, sei unmöglich, da das Pflegepersonal ständig wechselt. "Ständig muss ich mich von jemand anderem waschen lassen. Das ist nicht schön", schimpfte eine Bewohnerin. Im Laufe des vergangenen Jahres habe fast das gesamte Personal den Herminenhof verlassen. "Das stimmt und wir bedauern das auch", räumte der Casa-Reha-Vertreter ein. Zurzeit würde mit Pflegekräften gearbeitet, die von Zeitarbeitsfirmen vermittelt werden. Durch falsche Führungskräfte - hier kritisierte Dr. Schmidt die Ende April gegangene Heimleiterin - sei vieles falsch gelaufen. Etliche Mitarbeiter hätten gekündigt. Auch die Belegung sei auf nur noch 75 Prozent gesunken. "Wir lassen unseren Führungskräften einigen Freiraum, aber hier haben wir wohl zu spät geguckt", räumte Dr. Schmidt ein und bat: "Geben sie uns etwas Zeit. Wir können nicht den Hebel umlegen - und alles ist gut. Wir müssen Personal finden und an unser Haus binden, damit wir Pflege sichern können." "Das haben wir alles schon gehört und schon lange erwartet. Besser ist allerdings nichts geworden, nur wesentlich schlechter", war die prompte Reaktion des Heimbeirates - tosender Beifall von den Anwesenden. Die Angehörigen werfen Casa Reha weiter vor, dass massive Einsparungen zu den verheerenden Zuständen geführt hätten. "Die Pflegekräfte müssen viel arbeiten und werden schlecht bezahlt. Es wird in allen Bereichen gespart. Sie wollen doch nur möglichst hohen Profit machen", wurde dem Geschäftsführer vorgeworfen. Der bestritt allerdings, dass die Pflegekräfte im Herminenhof schlechter bezahlt würden als in anderen Altenheimen. "Unsere Gehaltsphilosophie möchte ich mit Ihnen nicht diskutieren, denn das ist zu kompliziert, als dass es zu verstehen ist, aber wir haben keine einschneidenden Sparmaßnahmen vollzogen, um höheren Profit zu erwirtschaften", so Dr. Schmidt. Nach Informationen unserer Zeitung soll Personal zum Teil mit nur 4,70 Euro netto die Stunde entlohnt worden sein.Überstunden wurden angeblich nicht bezahlt, sollten - konnten aber selten - abgefeiert werden. Falls jemand krank wurde und einen "gelben Schein" einreichte, sei dessen Name für die Dauer der Krankheit vom Dienstplan genommen. Die Folge: Nacharbeiten. Der Heimbeirat stellte noch einmal fest, dass für die Pflege viel Geld - über 3000 Euro monatlich - bezahlt werden müsse. Für Leistungen, die nicht erbracht worden seien. "Aber wir müssen trotzdem bezahlen und Sie nehmen das Geld völlig ungeniert an", so ein Beiratsmitglied verärgert. Nachlass könne nicht gewährt werden, blockte der Geschäftsführer ab: "Aber ich verspreche Ihnen, dass wir so schnell wie möglich für eine Verbesserung der Situation sorgen. Wir müssen allerdings gutes Personal finden. Das ist nicht einfach - und eine Frage der Bezahlung." Replik: "Dann müssen Sie halt in die Personalkosten investieren." Der Heimbeirat beendete die hitzige Diskussion nach gut zwei Stunden: "Wir haben ihre Botschaft verstanden, allein uns fehlt der Glaube." In zwei Monaten ist die nächste Vollversammlung.



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