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Journalist, Erzähler, Maler, Philosoph: Heinrich Goertz gestorben

Für Goertz war das Leben mehr als nur "Lachen und Heulen"

Borstel (wm). Wenn es so etwas wie einen musisch allseits begabten Menschen gibt, einen Universalisten im klassischen Sinn, dann war es Heinrich Goertz. Der Journalist, Erzähler, Maler, Philosoph, Chefdramaturg, Theater- und Hörspielautor, starb jetzt im Alter von 95 Jahren.

veröffentlicht am 29.09.2006 um 00:00 Uhr

Typischer Goertz: Der Künstler zwischen den Frauen.

In den achtziger Jahren ist Heinrich Goertz mit seiner Ehefrau Angela ins Auetal gezogen und war vom ersten Tag an für seine Mitmenschen das lebende Beispiel dafür, dass "Alter" wie "Arbeit" relative Begriffe sind. Goertz, zuletzt Chefdramaturg des Staatsschauspiels Hannover, hat in seinem Haus in Borstel nicht nur erfolgreiche Rowohltmonographienüber Friedrich Dürrenmatt, Gustaf Gründgens und Hieronymus Bosch geschrieben, sondern auch eine Biographie, die lebendig und burlesk das chaotische Leben im Vorkriegs-Berlin schildert: "Lachen und Heulen". Übrigens ein Motto, das auch über dem Leben von Heinrich Goertz stehen könnte, wobei bei ihm letztlich immer das Lachen gesiegt hat, sicher in der Erkenntnis, wie kurios auch Tragik sein, wie phantastisch der Alltag - ganz im Sinn des von ihm verehrten Georg Christoph Lichtenberg aus Göttingen, einer der geistvollsten Köpfe der deutschen Literaturgeschichte, den er in einem ironischen Porträt verewigt hat. Goertz war ein Denker im besten Voltairschen Sinn, dessen Erzählung "Candide oder der Optimismus" er für die Bühne bearbeitet hat. Goertz, im Rheinland geboren, hat als Schüler der Essener Folkwangschule eine klassische Malerausbildung erfahren; ein Bild von ihm ist zum Entsetzen seiner Mutter in die Ausstellung über entartete Kunst aufgenommen worden. Zuletzt hat Heinrich Goertz vor allem gemalt, regelmäßig in der Hamelner Künstlervereinigung "Arche" ausgestellt, wo er auf seine amüsante Weise auch bei Ausstellungseröffnungen eigene Erzählungen vortrug und dabei bisweilen den Kunstbetrieb ironisch unter die Lupe nahm - beispielsweise in seiner Geschichte, in dem ein Kunstkritiker während einer Vernissage den Künstler sucht, zwischen lauter Gästen, die alles andere tun, als die Bilder zu betrachten. Kaum ein Goertz-Bild ohne Frauen: Sie umzingeln ihn in der Badewanne, füllen Landschaften und Wohnräume und - prophetisch - auch auf dem Bild seines eigenen Totenbettes halten drei Musen Wache. Heinrich Goertz war bis auf die letzten beiden Tag unermüdlich tätig, auf Staffeleien stehen noch Bilder, die er für eine Ausstellung vollenden wollte. Er wird auf eigenen Wunsch auf See bestattet.

Landrat Rüdiger Butte bekennt sich zu seinem Uhrentick.
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