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Adolfiner brillieren mit Theater-Mystik

Für eine Nacht: Mausoleum wird zur Zeitmaschine

Bückeburg. Haben Kunst, Poesie und Kreativität in der heutigen hektischen, übertechnisierten und abgestumpften Welt überhaupt noch eine Chance? Die Schüler der Theater-AG am Gymnasium Adolfinum Bückeburg haben darauf bei der Langen Nacht der Kultur eine deprimierende Antwort gegeben.

veröffentlicht am 09.10.2006 um 00:00 Uhr

Hinreißend: Die "Neun Musen". Foto: jp

Autor:

Johannes Pietsch

In der heutigen Zeit wären die Musen, die neun Göttinnen der Künste, nur auf Ablehnung und Unverständnis gestoßen. Zwei mal führten die Jungschauspieler unter Leitung von Johannes Seiler ihr mythisches Bild "Die neun Musen und die Wirklichkeit" auf. Auf der Treppe des malerisch illuminierten Mausoleums erlebten die zahllosen Zuschauer die Geburt der Musen als Kinder des Zeus und Mnemosyne, der Göttin des Gedächtnisses. "Reif sind, in Feuer getaucht, gekochet, die Frücht und auf der Erde geprüfet und ein Gesetz ist": Mit Zeilen aus Friedrich Hölderlins Gedicht "Mnemosyne" eröffneten die Schüler das Spiel. Im Fackelschein entfaltete die auch akustisch passend untermalte Darbietung vor der einmaligen Kulisse des angestrahlten Gebäudes eine ebenso mystische wie feierliche Szenerie, der sich kaum einer der Gäste entziehen konnte. Doch die Atmosphäre wird jäh durch die Ankunft eines Jugendlichen aus der Zukunft unterbrochen, den eine falsch programmierte Zeitmaschine versehentlich auf den Olymp verschlagen hat. Aus Neugierde und Entdeckerlust folgen ihm die neun Musen in die Gegenwart, wobei sich der Orts des darstellerischen Geschehens in das Innere des Mausoleums verlagert. Hier müssen Zeus und Mnemosyne von der Empore aus miterleben, wie ihre Kinder bei dem Versuch, den Menschen der Gegenwart mit Kunst, Poesie und Kreativität beizustehen, unablässig scheitern. Sei es ein hypertropher Professor für Astronomie, der in seiner Vorlesung weder Zwischenfragen noch korrigierende Bemerkungen duldet, ein Fernsehteam bei den Studioaufnahmen für eine unglaublich niveaulose Daily-Soap, eine vom MP3-Beat zugedröhnte Punkerin, ein Chauvi-Duo, welches Frauen als reine Lustobjekte betrachtet, oder eine grölende Herrenrunde bei einem Fußballspiel, überall schlägt den Göttinnen pure Ignoranz, Borniertheit und Feindseligkeit entgegen. Statt Lebensfreude, Phantasie, Einfühlungsvermögen und Sinnlichkeit herrschen nur Apathie, Empfindungslosigkeit und Reizüberflutung. Sichtlich niedergeschlagen und bedrückt, kehren die Musen zu ihren Eltern auf den Olymp zurück und verabschieden sich von der Empore des Mausoleums wiederum mit Zeilen aus Hölderlins "Mnemosyne".

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