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Ellen Schwiers als "Martha Jellneck" vom Rintelner Kulturring in den Brückentorsaal geholt

Für den Mörder hat Martha Morphium im Haus

Rinteln. Natürlich erzählt das Theaterstück "Martha Jellneck" eine Geschichte, eine ziemlich dramatische sogar, rund um einen jungen Soldaten, der von einem SS-Mann ermordet wurde. Das Zentrum des Stückes aber bildet eine einsame, alte, behinderte Frau, deren Alltag so berührend portraitiert wird, dass die "Geschichte" ebenso gut eine ganz andere hätte sein können.

veröffentlicht am 22.10.2007 um 00:00 Uhr

Ellen Schwiers - preisgekrönt für ihr Portrait einer wackeren al

Autor:

Cornelia Kurth

Ellen Schwiers, berühmte Theater- und Fernsehschauspielerin, dazu Regisseurin in dem von ihrer Familie gegründeten "Ensemble Jakob Schwiers", spielte die alte Martha Jellneck am Donnerstagabend im Rintelner Brückentorsaal so überzeugend, dass viele ältere Zuschauer sicher ihre Mutter, die jüngeren ihre Großmutter dort auf der Bühne leben sahen, wie sie mühsam, aber tapfer ihren athrosegeschädigten Körper durch die kleinbürgerlich-gemütliche Wohnung bewegt, wie sie ihren süßen, uraltem Hund aufmuntert und sich freut, wenn der Zivildienstleistende Thomas (Markus Maria Winkler) vorbeikommt, dem sie längst einen Kaffee gemacht hat. Seltsam, dass diese Alltäglichkeiten aus dem Leben eines alten Menschen, der versucht, Einsamkeitsgefühle ruhig zu ertragen und der Entsagung eines Lebens unter Freunden und Verwandten nicht nachzujammern, derart beeindrucken konnte. Kleine Szenen, durch eine melancholische Geigenmelodie voneinander abgetrennt, reihten sich aneinander: Martha, die ihre Tabletten nimmt, die mühsam etwas Heruntergefallenes aufhebt, die Geschirr aus der Küche holt, die diszipliniert immer am Tisch isst, statt sich auf dem Sofa zu fläzen - man liebt sie schon, bevor die tragische Geschichte ihren Lauf nimmt, ist dem freundlichen Zivi so dankbar für seine Freundlichkeit und möchte fast die zappelige Nachbarin (Josephine Merkatz) rauswerfen, die zwar ebenfalls hilft, aber doch zu deutlich zeigt, dass sie Martha gerne in einem Pflegeheim sähe, weil ihr die Martha-Wohnung viel besser gefällt als die eigene. Eines Tages sieht die alte Frau in einer Werbebroschüre ihres Dienstes "Essen-auf-Rädern" das Foto eines Mannes, von dem sie durch den Zivi Thomas schon einiges gehört hat, ein Meckerfritze, der eigenartigerweise genau denselben Namen trägt, wie ihr im zweiten Weltkrieg gefallener und das ganze Leben lang immer schmerzlich vermisster Halbbruder Franz. Sie liest in den letzten traurigen Briefen des Bruder, die sie zum Teil in der Tasche ihres Kittels mit sich herumträgt, liest dem Zivi vor, dass der Bruder Zeuge wurde, wie sein SS-Hauptmann grundlos ein kleines französisches Kind erschießt, und immer deutlicher wird: Der andere muss dieser Mörder sein und hat die Identität des Bruders übernommen. Mit entsetzlichem Mut lädt sie den Fremden (Holger Schwiers) zu sich ein und konfrontiert ihn mit ihrer Entdeckung. Der aber, kalt wie eh und je, lässt die alte Frau abfahren, demütigt sie und gibt zu erkennen, dass er es war, der den richtigen Franz ermordete, um nach dem Krieg als unschuldig dastehen zu können. Dass er dieses Taten nun doch noch mit seinem Leben bezahlen muss, weil Martha Morphium im Haus hat, welches eigentlich zur Einschläferung ihres Hundes gedacht war, dass sie am Ende still ihre Sachen packt, um die Polizei zu erwarten - nun gut - jedes Theaterstück braucht eine Geschichte, und die versierte Autorin Beate Langmaack, die so viele preisgekrönte Fernsehstücke und "Polizeiruf"-Drehbücher schrieb, sie zeigte bereits in ihrem allerersten Stück, über was für eine große Begabung sie verfügt. Und doch - man hätte das Theater ebenso tief beeindruckt verlassen, wäre das Lebensportrait der alten Frau zum Beispiel an einer kleinen gescheiterten Romanze zwischen Senioren festgemacht worden. Standig Ovations erhielt die Schauspieltruppe rund um Ellen Schwiers, die nicht umsonst kürzlich für ihre Rolle der Martha den 1. Preis der "Interessengemeinschaft der Städte mit Theatergastspielen (Inthega) erhielt. Einen Sonderapplaus übrigens bekam der kleine Schauspielerhund Maitai, der von Ellen Schwiers aufgezogen wurde und sich den Ruhm sichtlich gefallen ließ.

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