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Sascha Behrens feiert den heutigen Tag privat / Stasi-Bespitzelung hätte ihn am meisten gestört

Für 20-Jährige ist die DDR kaum vorstellbar

Hameln (CK). „Ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie das damals in der DDR war.“ Sagt Sascha Behrens und zuckt ratlos die Schultern. Für den in Bad Pyrmont geborenen Hilligsfelder – er besucht in Hameln das Fachgymnasium Wirtschaft – hat der heutige Tag, der Tag, an dem die Mauer fiel und die Wiedervereinigung in greifbare Nähe rückte, denn auch politisch gesehen eine eher untergeordnete Bedeutung. Für Sascha Behrens ist der 9. November 1989 vielmehr ein Schicksalstag, den er aus einem anderen Grund feiert: Er wird heute 20 Jahre alt.

veröffentlicht am 08.11.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 19.03.2010 um 10:31 Uhr

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Ja, sicher, in der Schule, der Handelslehranstalt, habe er schon was über die ehemalige DDR gelernt, sagt Sascha. „Allerdings ging es da meist um den 3. Oktober, den Tag der Wiedervereinigung. Und meistens ging’s im Geschichtsunterricht ohnehin um das Dritte Reich oder die Kolonialzeit.“ So stammt das Wenige, was Sascha über den ostdeutschen Staat und dessen Lebensverhältnisse weiß, lediglich aus ein paar Stunden Unterricht und den dort gezeigten Filmen.

„Ziemlich hart“, so glaubt der 20-Jährige, müsse das Leben für die DDR-Bürger damals gewesen sein. Und meint damit vor allem die Spitzelmethoden der Stasi, das Abhören zum Beispiel. „Das war schon heftig, und das hätte mich auch am meisten gestört, wenn ich damals dort gelebt hätte. Ich mag es auch nicht, eingegrenzt zu sein und nirgendwo frei hingehen zu können. Mir hätte vermutlich einfach die Freiheit gefehlt.“

Was Sascha „überhaupt nicht nachvollziehbar“ findet: dass die Teilnehmer der Montagsdemonstrationen in Leipzig und anderswo seinerzeit eine gehörige Portion Mut aufbringen mussten, um überhaupt gegen das Regime auf die Straße zu gehen. „Demonstrationen sind doch dazu da, dass man seine Meinung kundtun kann, sofern sie gewaltlos bleiben“, so der Schüler. Auch die Tatsache, dass die DDR-Bürger oft an einem Mangel an Konsumgütern litten, dass sie auf Autos etwa viele Jahre warten mussten, dass es lange Schlangen vor den Läden gab, und nicht nur dann, wenn wieder einmal solche Dinge wie Orangen verfügbar waren – auch das liegt außerhalb von Saschas Vorstellungsvermögen.

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Verwandte oder Bekannte im Osten hat Sascha kaum, lediglich einen entfernten Onkel in Mecklenburg-Vorpommern. Dennoch hat er bereits vier- oder fünf Mal die neuen Bundesländer besucht, hat auf dem Weg nach Leipzig noch marode Straßen gesehen und graue Häuser. „Das war interessant. Aber da wussten wir sofort: Wir sind im Osten“, erinnert er sich.

Dass es heute wieder etliche gibt, die die „Ostalgie“ pflegen, die sagen, es sei ja nicht alles schlecht gewesen – Sascha kann’s verstehen, auch wenn er sich für Politik „überhaupt nicht interessiert“. Was er immerhin weiß: „Alle hatten damals Arbeit.“ Gewählt hat der Zwölftklässler, der viel Sport treibt und später mal Physiotherapeut werden möchte, allerdings nicht. Und ob jemand die Linke wählt, die unter anderem aus der PDS, der Nachfolgeorganisation der SED, hervorgegangen ist, das ist ihm egal. „Jeder soll wählen, was er will. Sonst hätten wir ja wieder Verhältnisse wie in der DDR.“

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