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Lesen Sie mal, was passiert, wenn der Vermieter die Nebenkosten einfach in die eigene Tasche steckt

Frohes Osterfest in der kalten und leeren Wohnung

Obernkirchen. Kalt ist es. Nur in der Küche spendet der Radiator ein bisschen Wärme. Und ruhig. Ihre beiden Kinder und den Enkelsohn, der bei ihr in Pflege lebt, hat Tamara Vogt-Finger bei Verwandten untergebracht. Das war vor gut zwei Wochen, mittlerweile hat die Vehlenerin Sehnsucht. "Ich würde sie gerne wiedersehen." Doch in der Vier-Zimmer-Wohnung in der Maschstraße wird die Familie nicht weiterleben können: Das Gas ist seit Ende März gesperrt, nächste Woche soll das Wasser abgestellt werden - weil der Vermieter zwar für die Nebenkosten kassiert hat, aber das Geld nicht an E.ON weitergegeben hat.

veröffentlicht am 13.04.2006 um 00:00 Uhr

Ein kleiner Heizungsradiator und vier frierende Bewohner des Hau

Autor:

Frank Westermann

Seit anderthalb Jahren wohnt Frau Vogt-Finger mit ihren Kindern Lukas und Anika sowie dem eineinhalbjährigen Enkelkind, das sie als Pflegekind betreut, in der Maschstraße Nummer 9. Im Mietvertrag steht eine Frau, die nicht in diesem Haus lebt. Sie ist mit ihrem Lebensgefährten, dem Vermieter, verschwunden. Seit 18 Monaten hat Frau Finger-Vogt ihre Miete und die Nebenkosten stets auf das im Mietvertrag eingetragene Konto geleistet. "Da habe ich mir nichts vorzuwerfen", sagt sie. Weil der Vermieter aber seinerseits an die Firma E.ON keine Zahlungen mehr geleistet hat, wurde vor drei Wochen das Gas abgestellt. Auch die anderen drei Mietparteien im Haus saßen dann im Kalten. Eine, so erzählt Frau Vogt-Finger, ist mittlerweile ausgezogen. Doch es ist schwer, von heute auf morgen eine Wohnung zu bekommen, vor allem, wenn es drei Kinder gibt und ein, zwei Katzen. Seit gut zwei Wochen hat Frau Vogt-Finger gesucht, gefunden hat sie auf die Schnelle nichts. Noch vor der neuen Wohnung hat sie das Gespräch gesucht, hat den Mitarbeitern von E.ON Westfalen erklärt, dass sie keine Schuld hat, und dass ihr Enkel schwer herzkrank ist. Er leidet an einem fünffachen Herzfehler, hat bereits eine künstliche Herzklappe und ist wegen der sehr schlechten, krankheitsbedingten Durchblutung extrem kälteanfällig. "Sobald es kühler wird, läuft er blau an und holt sich sofort eine heftige Erkältung", erklärt sie und zieht an ihrer Zigarette. Fahrig wirkt die Vehlenerin, dunkle Striche zeugen unter den Augen vom Schlafmangel und von Sorgen. Einen Vorschlag hat sie den Mitarbeitern des Energieriesen auch unterbreitet. Sie würde die Nebenkosten im gesamten Haus einzusammeln und an E.ON überweisen. Das sei aus rechtlichen Gründen nicht möglich, wurde ihr gesagt: Sie sei keine Vertragspartnerin. Das sei der Vermieter. Und: Wenn bis April nicht die gesamten Rückstände ausgeglichen würden, dann werde man die gesamte Energiezufuhr abdrehen - dann gibt es auch kein Wasser mehr. Was sie denn tun könne, um das abzuwenden, hat sie noch gefragt: "Ich soll 6000 Euro überweisen, hat mir der Mitarbeiter gesagt." Danach ist sie zum Rechtsanwalt gegangen. Jürgen Hillebrecht vom "Anwaltshaus am Stadttor" hat sofort einen Antrag auf Erlass einer einstweiligen Verfügung gestellt, doch die musste der Jurist wieder zurücknehmen: Frau Vogt-Finger sei kein Vertragspartner, damit fehle die Anspruchsgrundlage, ließ der Richter durchblicken. Der Obernkirchener Rechtsanwalt hat dann im Gespräch mit E.ON vorgeschlagen, Mieten und Nebenkosten einsammeln zu lassen und an den Energieversorger zu überweisen. Was, so Hillebrecht, abgelehnt worden sei - mit dem bekannten Vertragspartner-Argument. Dabei wäre dieser Vorschlag sogar im Sinne von Mieter und Vermieter gewesen, meint Hillebrecht: Der Vermieter hätte seine Schulen abbauen und der Mieter weiterhin wohnen können. Das Verhalten des Vermieters sei natürlich eine "echte Gemeinheit", wertet Hillebrecht. Aber E.ON habe sich ebenfalls falsch verhalten - und zwar schon lange Zeit vorher: "Es ist überhaupt nicht nachvollziehbar, warum E.ON sich erst gemeldet hat, als die Schulden bei 6000 Euro lagen." Sie sei niemals jemand gewesen, der schnell aufgebe, meint Tamara Vogt-Finger und zündet sich noch eine Zigarette an, "aber das kostet schon viel Kraft." Das, das ist für sie alles eine einzige "Sauerei". Und: "Was ist das eigentlich für ein Staat, in dem sowas möglich ist?", fragt sie und blickt aus dem Fenster. Das Osterfest steht vor der Tür. Ruhig ist es. Und kalt. Nachtrag. Drei Stunden, nachdem unsere Zeitung bei E.ON und dann bei den Stadtwerken Schaumburg-Lippe zum Sachverhalt nachgefragt hatte, meldete sich Friedrich Schleef. Der Geschäftsführer der Stadtwerke erklärte, dass Frau Vogt-Finger die Nebenkosten aller Mieter einsammeln und dann treuhändlerisch einem Rechtsanwalt übergeben solle. Dann, so Schleef, werde man auch eine Lösung finden. Nachtrag zwei: Ausziehen will Tamara Vogt-Finger dennoch aus der Wohnung. Wer ihr helfen kann, kann sie unter 0162 / 785 64 71 erreichen.

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