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Bückeburger Rocker vom MC Skull räumen mit Vorurteilen auf / Chorknaben sind sie nicht

Freundschaft im Zeichen von Gevatter Tod

Gruppenbild ohne Damen: 13 Vollmitglieder gehören zum MC Skull. Wer ebenfalls "Member" werden will, muss sich als "Prospect" seine Sporen verdienen. Foto: ly Von Stefan Lyrath

veröffentlicht am 25.11.2006 um 00:00 Uhr

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Bückeburg. Schläger seien sie, Raser und Säufer sowieso, allesamt. Tausendmal hat Micha diese dummen Vorurteile über Rocker schon gehört, mindestens. Heute stellt er die Ohren meist auf Durchzug. Lass sie reden. "Wir ticken bloß anders", sagt Micha. "Und wir sind eine große Familie", fügt "President" Leiche hinzu. Einmal im Monat, jeden dritten Freitag, kann die Bevölkerung sich davon überzeugen. "Open Day", offenes Haus, beim MC Skull, den Bückeburger Rockern mit Domizil am Bahnhof. Es ist 20 Uhr, aus den Boxen wummert Hard rock.Über den Tresen wandern die ersten eisgekühlten Biere, Männer in schwarzem Leder prosten sich zu. Partykeller-Atmosphäre wie in den glorreichen Siebzigern. Hinten im Kaminzimmer sitzen Leiche, seit 13 Jahren "Presi" des 1979 gegründeten Clubs, Leiches "Vice" Schappi, Gründungsmitglied Norbertund Micha, als "Secretary" zuständig für die Kommunikation mit anderen Clubs. Plötzlich öffnet sich die Tür, herein kommt überraschender Besuch, die "Sons" aus München. Händeschütteln, herzliche Umarmungen. Freunde sind immer willkommen. Die Party kann beginnen. Gerade hat "Bikers News", das Zentralorgan der deutschen Rocker, den 13 Skulls einen ganzseitigen Artikel gewidmet. Freundschaft bedeutet diesen Männern alles, ein Ehrenkodex schweißt sie eng zusammen, das ungeschriebene Gesetz der Rocker. "Es dient dem stressfreien Miteinander", erklärt Leiche. "Man hat sich vernünftig zu benehmen." Ihr Abzeichen auf der Kutte ist den Skulls heilig. Es steht für Zusammenhalt, zeigt zwei Gevatter Tod mit Sensen in der Hand, dazu den Schriftzug. "Außer im Job trage ich mein Color den ganzen Tag", sagt Micha. Spurlos ist die Zeit an den Bückeburger "Schädeln" nicht vorbeigegangen. Älter sind sie geworden (im Schnitt 40) und ruhiger. Doch wer sich partout mit ihnen anlegen will, könnte den Kürzeren ziehen. "Von uns geht die Aggression nicht aus", betont Micha. "Aber Rocker sind auch keine Chorknaben." Für alle im Raum ist Rockersein erstens "positiv besetzt" und zweitens "Spiegelbild einer Lebenseinstellung", wie Norbert erklärt. An erster Stelle: "Zusammen Motorrad fahren, unterwegs sein, Spaß haben. Wir versuchen, unser Leben zu genießen." Die Frauen gehören dazu. "Wenn sie nicht mitziehen, klappt's nicht." Skull ist Englisch und heißt Totenschädel, das MC steht für Motorradclub. Und damit wären wir beim Lieblingsthema: den Maschinen. Vier von fünf Skulls fahren Harley-Davidson, die Kultmarke aus den USA. "Alle unsere Motorräder sind Einzelstücke, umgebaut und einmalig auf der Welt", erzählt Leiche stolz. Warum Harley?"Weil sie lebt", meint Schappi. "Und weil du sie schön umbauen kannst." Micha hat sich einmal draufgesetzt und "sofort gewusst, dass ich nie wieder ein anderes Moped haben werde". Ein Treueschwur. Dennoch: Harley-Zwang gibt's nicht, akzeptiert werden alle Marken. Einzige Ausnahme: Bikes mit weniger als 500 Kubik. Dabei geht's nicht einmal um Tempo, im Gegenteil. "Wir fahren geruhsam, um sicher von A nach B zu kommen." Wer rast, ist auf der falschen Veranstaltung. Im Mai, zum Start in die neue Saison, hat die Maschine fertig zu sein. "Das ist Pflicht", sagt Leiche. Auch bei Rockern sind die ersten Jahre keine Herrenjahre. Wer Vollmitglied werden will, ein Member, muss sich als Anwärter, "Prospect" genannt, seine Sporen verdienen. Das Credo dahinter: "Klasse statt Masse". Prospects arbeiten mehr als Members. Logisch: "Wir haben einen Wert geschaffen", sagt Norbert mit Blick auf das Clubhaus in einem alten Lokschuppen am Bahnhof. "Dessen muss sich ein Prospect bewusst sein und den Wert erhalten." Frühestens nach zwei Jahren fällt die Entscheidung, ob der Anwärter aufrückt in der Hierarchie. Wie ein Lakai behandelt wird er in dieser Zeit nicht. Warum auch? "Der Prospect", sagt Leiche, "soll ja mal ein vollwertiger Bruder werden."

Freiheit, die sie meinen: Vier von fünf Skulls fahren Maschinen
  • Freiheit, die sie meinen: Vier von fünf Skulls fahren Maschinen der Kultmarke Harley-Davidson. Foto: ly

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