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Die Welt zu Hause in Schaumburg: Serie zur Fußball-WM / Jubel über den ersten Titel - Miss WM kommt aus Togo

Freude in die Herzen: Togo hofft auf "Wunder von Berlin"

Obernkirchen. Den schönsten Titel hat Togo schon. Geholt haben ihn nicht elf harte Männer, sondern eine zarte Frau: Edwige Madze Badakou. Seit dem 1. Juni trägt die 24-jährige Miss Togo den Titel, den über 1500 Frauen aus der ganzen Welt wollten: Die Studentin ist zur "schönsten Frau der Fußball-Weltmeisterschaft" gewählt worden. Größter Fan der Miss WM ist ein Deutscher: "Die Dame aus Togo hat mich gleich vom Stuhl gehauen", bekennt Walter Eschweiler, früherer WM-Schiedsrichter und Jury-Mitglied.

veröffentlicht am 08.06.2006 um 00:00 Uhr

Im Garten des Sonnenhofs in Obernkirchen: Masalo Bouyo (v.l.), A

Autor:

Christiane Riewerts

"Das ist ein guter Anlauf für die WM", freuen sich Akila Ahouli, Masalo Bouyo und Yawa Bolo beim Kaffeetrinken im Sonnenhof in Obernkirchen über den Erfolg ihrer Landsmännin. Die drei jungen Togoer studieren Germanistik und sind über Stipendien des DAAD und der Hanns-Seidel-Stiftung nach Deutschland gekommen. Masalo (28)und Yawa (29) sind für ein halbes Jahr hier, um für ihre Magisterarbeit zu forschen; Akila (28) lebt und arbeitet bereits seit drei Jahren in Hannover: Seine Promotion in interkultureller Germanistik hat er gerade abgegeben. Durch das Engagement von Sonnenhof-Leiter Werner Hobein bei den Togo-Freunden Hannover sind sie nach Obernkirchen gekommen. EineÜberraschung, nein, eine Überraschung sei die Qualifikation nicht gewesen. "Wir haben uns ja nach und nach darauf vorbereiten können", lächelt Akila Ahouli. Denn nach und nach zeigte die Nationalmannschaft ihre Stärken: In der Gruppe 1 der Afrikazone verlor Togo bis auf das Eröffnungsspiel gegen Sambia keine einzige Partie, in insgesamt zehn Begegnungen gab es lediglich zwei Unentschieden. "Mali, Senegal, Kongo - wir haben immer gewonnen", sagt Akila. Und da ahnte er schon: "Vielleicht wird etwas Gutes daraus." Es wurde. Am 8. Oktober 2005 gewinnt Togo das entscheidende Spiel gegen Kongo mit 3:2 und wird damit vor Senegal souverän Gruppenerster. Zum allerersten Mal ist das kleine afrikanische Land bei einer Fußball-Weltmeisterschaft dabei, fünf Millionen Menschen in der Hauptstadt Lomé und auf den Dörfern sind im kollektiven Freudentaumel. "An dem Tag haben wir richtig gefeiert", erinnern sich Masalo Bouyo und Yawa Bolo, "auf den Straßen, in den Kneipen, auf den Dächern - das ganze Land war voller Begeisterung." Akila war zu diesem Zeitpunkt bereits in Deutschland, "aber ich habe alles mitbekommen, über Internet und Telefon". Und er freut sich, sagt er, jetzt in Deutschland sein zu dürfen: "Ich habe eben hier auf meine Mannschaft gewartet." Die ist mittlerweile angekommen. Im Mannschaftsquartier in Wangen im Allgäu wurde das Team begeistert empfangen. Mit dabei ein Deutscher als Nationaltrainer: Otto Pfister, 1937 in Köln geboren, hat in Deutschland nie eine Mannschaft trainiert, im Ausland aber ist er einer der erfolgreichsten Fußball-Lehrer. Unter anderem trainierte Pfister die Nationalmannschaften von Ruanda, Senegal, Ghana und 1998 die Olympiamannschaft von Saudi-Arabien. Seit dem 18. Februar dieses Jahres ist Pfister Nationaltrainer von Togo. Denn nach dem katastrophalen Abschneiden beim Afrika-Cup in Kairo trennte sich das Team vom nigerianischen Trainer Stephen Keshi - eine Woche, nachdem dieser für die erfolgreiche WM-Qualifikation zu Afrikas Trainer des Jahres gewählt worden war. In Togo ist Fußball ein populärer Breitensport. "Als Kinder haben wir alle gespielt", sagt Akila, barfuß, im Sand, und dabei mussten es nicht immer Fußbälle sein: "Notfalls reichten uns auch Mandarinen..." Und die Nationalspieler seien Menschen wie du und ich, erzählt Masalo: "Es kommt schon vor, dass man sie auf der Straße trifft." Außer auf Südkorea und die Schweiz trifft Togo in Gruppe G auch auf Frankreich als ehemalige Kolonialmacht. Berührungsängste haben die drei jungen Exil-Togoer deswegen nicht. Einen gesunden Optimismus bringen sie jedenfalls mit: "Korea und Schweiz sind von uns zu kriegen", meint Akila, Frankreichhingegen dürfte schwieriger werden. Seine persönlichen Hoffnungen für die WM packt Akila in einen einzigen schlichten Satz: "Ich wünsche mir, dass wir die WM gewinnen. " Denn ein "Wunder von Berlin" hätte für Togo die gleiche Bedeutung wie der WM-Sieg 1954 für die deutsche Nationalmannschaft: In Togo leben über 40 Ethnien, es gibt ein Defizit an Demokratie und schwere politische Spannungen. "Das Volk ist durch die desolate politische Lage enttäuscht", sagt Akila. "Die WM ist eine gute Gelegenheit, ein Stück Freude in die Herzen zu bekommen. Wir brauchen den Erfolg bei der WM zur Wiedervereinigung unseres Volkes." Und das wäre der wichtigste Titel.

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