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Konzert von Jethro Tull am Freitag, 26. Juni

Freie Bahn für den „Locomotive Breath“

Hameln. Für die Hamelner Marketingstrategen ist Ian Anderson der Rattenfänger der Rockmusik. Wenn sich die Experten da mal nicht täuschen… Weder Ratten noch Kinder sind den Flötentönen des Mister Anderson jemals hinterher scharwenzelt. Seine Gefolgschaften sind damals wie heute Rockmusikfans mit gehobenem Anspruch, ziemlich eindeutigen Jazzambitionen und sicher nur selten unter 30 Jahre alt. Aber es ist eben alles eine Frage der Werbung: Kaum spielt einer Querflöte und zieht eine Show in Hameln ab, schon wird er in dieser sagenumwobenen Stadt an der Weser als so eine Art Rattenfänger angesehen. Kann man ja heute noch froh sein, dass es vor 725 Jahren keinen Strom und infolgedessen keine E-Gitarren gab, sonst wäre die Welt heute voller potenzieller Rattenfänger der Rockmusik.

veröffentlicht am 05.06.2009 um 18:28 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:26 Uhr

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Jens Meyer

Autor

Jens Meyer Leiter Redaktion PR- und Sonderthemen zur Autorenseite

Wer spielt schon Flöte in einer Rockband…?

So aber nimmt Ian Anderson tatsächlich eine erstaunlich einmalige Stellung in diesem Haifischbecken ein, das sich Rockbusiness nennt. Er spielt Querflöte, nicht selten auf einem Bein stehend (in jungen Jahren mehr, heute weniger), gerade so, als wolle er den Flamingos im Erlebnis-Zoo Hannover Konkurrenz machen. Querflöte! Wer spielt die überhaupt, wenn nicht in einem klassischen Ensemble oder einer Jazzformation? Andersons tut’s in einer Rockband seit über 40 Jahren. Und abermals kommt der gebürtige Schotte, 61 Jahre alt und in Edinburgh das Licht der Welt erblickend, nach Hameln – er gibt am Freitag, 26. Juni, ab 20 Uhr mit seiner Band ein Konzert in der Rattenfänger-Halle.

Nun – hier schließt sich der Kreis zum Anfang dieser Geschichte: Tatsächlich konnten ihn Hamelns Werbewirkende um Tourismus-Chef Harald Wanger davon überzeugen, in der Rattenfänger-Halle aus Anlass des Rattenfängersagenjubiläums ein Jubiläumskonzert zu geben, und das ist aller Ehren wert, gilt Ian Anderson doch nicht gerade als unkompliziert. Aber Wanger, schon fast ein guter Bekannter des heute in Südengland wohnenden Musikers, hat’s zusammen mit seinem Team wieder geschafft, Anderson nach Hameln zu locken. Zu locken, um zu rocken. Freie Bahn für den „Locomotive Breath“.

Blickt man in die Geschichte der wilden sechziger Jahre zurück, dann lesen sich die Anfänge der Band Jethro Tull nicht gerade beneidenswert. Mit Jeffrey Hammond-Hammond (der heißt wirklich so) und John Evans (der heißt eigentlich John Evan) tat sich Ian Anderson 1963 zusammen. Die drei gründeten eine Band namens Blades, benannt nach dem Lieblingsclub von James Bond. Es war jazzorientierter Blues, den sie zum Besten gaben; auch tanzbare Soulmusik war ihr Metier. Die Gruppe benannte sich aber schon kurze Zeit später um in John Evan Band und auch in John Evans Smash. Namen waren damals noch Schall und Rauch, sollten es auch sein. Bis 1968 ging das so. „Damals hatten wir jede Menge Namen, die wir gewöhnlicherweise jede Woche änderten, weil wir so schlecht waren. So konnten wir immer vorgeben, eine neue Band zu sein, um in den Clubs, die wir als Tor zum Ruhm erachteten, erneut gebucht zu werden“, erinnert sich Ian Anderson an diese Zeit zurück. Bei einem Namen blieb es schließlich: Jethro Tull. Eigentlich ist Jethro Tull ein britischer Landwirtschaftspionier. Er erfand die Sähmaschine. Tja, der Manager der Band studierte damals Geschichte…

Single-Hits und der Segen, in Radiostationen rund um die Uhr und rund um den Globus Beachtung zu finden, blieben der Gruppe selten vergönnt. „Living in the past“ war so ein Smashhit. Ansonsten sind viele Stücke musikalisch zu anspruchsvoll und nichts zum täglichen Herumdudeln über den Äther. Dem Erfolg der Gruppe, die bis heute aus gut zwei Dutzend Musikern bestand, tat das keinen Abbruch. Die Langspielplatten wurden stets zu Bestsellern, die erfolgreichste war „Aqualung“ mit über vier Millionen verkauften Einheiten weltweit. Und an Ideen mangelte es dem Songschreiber Anderson anscheinend nicht. Vom Anfang ihrer Karriere bis 1992 wurden zum Beispiel in den USA 24 Alben veröffentlicht – macht so ziemlich genau eines pro Jahr. Schaffen nicht viele.

„Too old to Rock’n’Roll“ spielte Jethro Tull schon 1976. 33 Jahre später spielt es Ian Anderson mit seiner Band noch immer. „Es war weder damals noch heute ein autobiografisches Statement“, sagt Anderson. Kann man nur froh sein. Auch heute, mit 61 Jahren, fühlt sich Anderson nicht too old für den Rock’n’Roll.

Der Reiz liegt in den neuen Horizonten

Der Reiz seiner Musik, Ian Andersons Musik, liegt in den immer neuen Horizonten, die sich der Künstler bei jedem Konzert setzt. Nicht die Tatsache, „Locomotive Breath“ zum 500. Mal zu spielen, ist spannend, sondern es zum zigsten Mal in einer anderen Version darzubringen, das ist das wirklich überraschende daran. „Es gibt immer eine Chance für Variationen und Interpretationen bei jeder Performance“, sagt der Mann, der sich nie einer Mode unterworfen hat, nur um erfolgreich zu sein.

Die spröde Erkenntnis, einen Beruf auszuüben

Daran erkennt man den Vollblutmusiker, und daran erkennt man auch eine eingespielte Band. Der Geist, der „Spirit of Rock“, ist allgegenwärtig, und doch ist ein Gutteil dieser Tatsache auch nur die spröde Erkenntnis, schlicht einen Beruf auszuüben. „Ich bin Musiker, und ich liebe meinen Beruf“, sagt der Flötist, Gitarrist, Songschreiber und Sänger. Die Loyalität der Fans gebe der Band Jethro Tull Arbeit und Taschengeld. Das ist zwar eine sehr kühle Darstellung der Dinge, aber wenn’s der Sache dient – bitteschön, gegen ein gutes Konzert ist nichts einzuwenden.

Eintrittskarten für das Konzert von Jethro Tull am Freitag, 26. Juni ab 20 Uhr in der Rattenfänger-Halle gibt es im Vorverkauf (siehe Hinweis „Ticket-Service“ im Veranstaltungskalender auf der nächsten Seite).

Flötist Ian Anderson – mal beseelt von den Klängen seines Instruments, mal auf einem Bein stehend wie ein Flamingo (Foto unten): Der Sänger und Songschreiber der Rockband Jethro Tull wird als „Rattenfänger der Rockmusik“ am Freitag, 26. Juni, in der Rattenfänger-Halle Hameln ein Konzert aus Anlass des sagenhaften Jubiläums geben.



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