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Frauen im Einsatz in der Männerwelt Jugendknast

Sie war die Erste: Am 1. Juni 1989 trat die heute 51-jährige Susanne Wolter ihren Job im Allgemeinen Vollzugsdienst (AVD) in der Haftanstalt für junge Männer vor den Toren Hamelns an. Wenn sie an diesen Tag zurückdenkt, wird ihre Mimik zum Spielball ihrer Erinnerungen. „Spannend war es“, sagt sie schließlich und fügt mit einem Lächeln hinzu: „Der Empfang war ausgesprochen herzlich. Fast alle Kollegen sind mir sehr offen gegenübergetreten.“

veröffentlicht am 18.07.2011 um 00:00 Uhr

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Als Pionierin habe sie sich damals auch gefühlt. Ähnlich wie bei Bundeswehr und Polizei sei der Anblick von Frauen in Uniform in der Gesellschaft insgesamt und natürlich auch für die männlichen Kollegen ein Novum gewesen, an das man sich erst gewöhnen musste. „Ja, es gab sie, die skeptischen Blicke einiger weniger Kollegen“, räumt sie auf Nachfrage ein, aber die überwiegende Mehrheit habe sich gefreut. Und Vorbehalte gegenüber Frauen in klassischen Männerberufen, so betonen die Frauen im AVD, sei ohnehin ein branchenübergreifendes Phänomen und keines, das nur den Strafvollzug betreffe.

Vorbehalte bei den Männern resultierten laut Wolter vor allem aus den besonderen Umständen ihres Arbeitsplatzes: „Einige männliche Kollegen sahen sich mit der zusätzlichen Herausforderung konfrontiert, neben den Gefangenen auch die weiblichen Kolleginnen zu bewachen.“ Dieter Spier arbeitet seit 1977 im Justizvollzug und seit 1980 in der Jugendanstalt Hameln. Seit 2006 ist er der Leiter des AVD und erinnert sich noch gut an die Zeit, als im damals männlichen Kollegenkreis im Vorfeld über weibliche Mitarbeiter im AVD diskutiert wurde: „Damals wie heute haben wir es hier in der Jugendanstalt auch mit Insassen zu tun, deren bisheriges Leben vor allem durch Gewalterfahrungen geprägt ist“, führt er aus. „Natürlich haben sich die Kollegen im Vorfeld Sorgen um die Sicherheit der Frauen gemacht.“ Insgesamt gehören dem AVD, so Spier, aktuell rund 300 Mitarbeiter an, 70 davon seien Frauen.

Bereits vor 1989 gab es Mitarbeiterinnen in der Jugendanstalt, wie Pressesprecher Dietmar Müller erklärt: „Frau Wolter war zwar die erste Frau im AVD, aber bereits davor gab es Sozialarbeiterinnen, Lehrerinnen und Psychologinnen, um nur einige Beispiele zu nennen.“ Die Quote der weiblichen Mitarbeiter läge bei 33 Prozent, so Müller und weiter: „Bei den Nachwuchskräften im AVD beträgt der Frauenanteil sogar 38 Prozent.“

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„Wir versuchen, hinter Gittern Lebensverhältnisse zu schaffen, die denen in Freiheit ähneln“, sagt Christiane Jesse, Leiterin der Jugendanstalt Tündern. Also treffen die ausschließlich männlichen Gefangenen auch auf weibliche Vollzugsbeamte. Foto: Dana

Mit Unterbrechungen arbeitet Christiane Jesse bereits seit 1982 in der Jugendanstalt. Seit 2002 ist sie deren Leiterin. Sie stellt fest: „Ich habe zu keiner Zeit das Gefühl gehabt, dass ich es als Frau schwerer habe als meine männlichen Kollegen.“ Natürlich habe es auch Kollegen mit Vorbehalten gegeben, jedoch nicht aufgrund der Tatsache, dass sie eine Frau sei, so Jesse weiter. Auf die Frage, welche Bedeutung den Frauen in der Jugendanstalt zukomme, antwortet Jesse: „Zur Erfüllung unseres Erziehungsauftrages versuchen wir, hinter Gittern Lebensverhältnisse zu schaffen, die denen in Freiheit ähneln.“ Und reine Männer- oder auch Frauengesellschaften neigten eben dazu, „eigene Kommunikations- und Umgangsformen zu entwickeln“. Spier ergänzt: „Das Klima hier in der Haftanstalt ist über die Jahre immer besser geworden. Das betrifft vor allem die Kommunikation zwischen den Gefangenen und den Bediensteten, aber der gestiegene Anteil an weiblichen AVD-Kräften hat sich auch positiv auf den Kollegenkreis ausgewirkt.“

Seit 1999 arbeitet Jessica Jäger im AVD. Die 34-Jährige, die derzeit als Tourendienstleiterin im Fachbereich Sicherheit für viele Koordinationsaufgaben, unter anderem für die Planung von Fahrten der Inhaftierten zu Ärzten und Gerichtsverhandlungen und den Personaleinsatz zuständig ist, hat damals in einer Abteilung mit den „ganz schweren Jungs“ begonnen. Bevor sie sich beruflich Richtung Strafvollzug orientierte, hat sie eine theoretische Ausbildung im kaufmännischen Bereich absolviert: „Die Chancen auf dem Arbeitsmarkt in dieser Branche nach meiner Ausbildung waren aber nicht so toll, also habe ich mich nach einer Alternative umgesehen.“ Ein wichtiger Faktor, der sie motivierte, im Justizvollzug ihre berufliche Heimat zu suchen, war der verlässliche Arbeitgeber: „Als ich vor einigen Jahren meine Lebzeiturkunde bekam, da war das schon ein ganz besonderer Moment in meinem Leben.“ Wie Wolter hat es auch Jäger mittlerweile zur Amtsinspektorin gebracht. Spier: „Frauen im AVD verrichten, abgesehen von wenigen Ausnahmen, die gleichen Tätigkeiten wie ihre männlichen Kollegen. Wenn es um die Besetzung eines Arbeitsplatzes geht, dann entscheidet vor allem die Eignung des Mitarbeiters und auf keinen Fall das Geschlecht.“ Grenzen gibt es dennoch: Urinproben dürfen Frauen bei den Insassen nicht durchführen, ebenso keine Körperdurchsuchungen, bei der sich die Gefangenen komplett entkleiden müssen.

Erst seit einigen Wochen gehört die 36-jährige Jessica Budde zum Mitarbeiterstab der Jugendanstalt, eine gelernte Groß- und Einzelhandelskauffrau. Wegen eines Umzugs in den Landkreis musste sie ihre Stelle aufgeben. Schließlich „stolperte“ sie über die Anzeige, „Obersekretäranwärter im Allgemeinen Vollzugsdienst“, schrieb kurzerhand eine Bewerbung und wurde prompt zu einem Info-Tag in der Jugendanstalt eingeladen. „Schon direkt nach Betreten der Jugendanstalt war mir klar: Das sollen meine Kollegen werden. Hier möchte ich arbeiten“, sagt sie. Nach einem hausinternen Grundlagenseminar arbeitet Budde derzeit in einer der Abteilungen der Haftanstalt und wird in Kürze ihre Ausbildung beginnen.

Die Familien und Freunde der drei Frauen haben zum Teil mit gemischten Gefühlen reagiert, als sie von den beruflichen Perspektiven der Tochter oder Freundin erfuhren. „Natürlich gab es auch Sorgen, aber die häufigsten Fragen betrafen den Arbeitsalltag“, erinnert sich Wolter. Budde erzählt: „Eine meiner Freundinnen war sogar so sehr begeistert, dass sie am liebsten selbst in diesen Beruf gewechselt wäre. Sie fand das richtig schade, dass sie zu alt für den Einstieg war.“ Als Jäger ihren Freunden von ihrer Berufswahl berichtete, waren die Reaktion zunächst mal große Augen: „Meine Freunde sind davon ausgegangen, dass ich in einer Haftanstalt für Frauen arbeiten werde. Die haben nicht schlecht gestaunt, als ich ihnen sagte, dass ich in der Jugendanstalt arbeite, in der ausschließlich junge Männer inhaftiert sind.“

Und die Inhaftierten? Jäger: „Der Umgangston mir gegenüber ist in der Regel respektvoll. Klar kommt es mal vor, dass ein Gefangener beim Wecken die Beherrschung verliert und mich beschimpft, aber das sind eher die Ausnahmen.“ Spier: „Insgesamt hat sich die Einbeziehung von Frauen in den AVD ausgesprochen positiv auf den Umgangston in der Jugendanstalt bemerkbar gemacht, wobei es naturgemäß einen Unterschied macht, ob ein Bediensteter alleine mit einem Inhaftierten spricht oder ob eine Gruppe Gefangener zusammenstehe. In solch einer Situation gelten ganz bestimmte Regeln unter den jungen Männern, die sich auch auf die Kommunikation auswirken.

Anstaltsleiterin Jesse berichtet: „Für junge Inhaftierte mit deutschen Wurzeln sind weibliche Erziehungspersonen nichts Neues. Mancher moslemischer Inhaftierter wird mit einem für ihn fremden weiblichen Rollenverständnis konfrontiert. Für die, die es gewohnt waren, dass Mutter und Schwestern das Zimmer aufräumen, die Wäsche machen und alles putzen, beginnt die Umstellung schon damit, dass sie ihren Haftbereich selbst reinigen müssen. Sie müssen schnell lernen, dass Frauen ihnen Weisungen erteilen, denen sie Folge leisten müssen.“ Und angesichts des üppigen Maßnahmenkatalogs, der AVD-Mitarbeitern bei Regelverstößen zur Verfügung steht, sind sich Budde, Jäger und Wolter einig: „Die meisten lernen das ganz schnell.“

Als vor mehr als 20 Jahren die erste Frau im Allgemeinen Vollzugsdienst der Jugendanstalt Tündern ihren Job antrat, war das sowohl für sie als auch für die männlichen Kollegen und Inhaftierten eine neue Situation. Heute sind mehr als ein Viertel der in diesem Bereich in Tündern Tätigen Frauen. Normal ist das nicht für jeden Straftäter.



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