weather-image
×

An der „Heimatfront“ tragen Frauen die Hauptlast des Krieges

„Frauen, die tüchtig anpacken können“

Der Alltag von Frauen verändert sich mit Beginn des Ersten Weltkriegs stark. Auch in Hameln verlassen Wehrpflichtige, Reservisten, Landsturm-Angehörige und Freiwillige ihre Familien, Arbeitsplätze und Geschäfte. Einerseits fällt den zurückbleibenden Frauen damit große Verantwortung zu, andererseits entwickeln sich neue Perspektiven.

Von Dr. Gesa Snell

veröffentlicht am 14.07.2014 um 11:59 Uhr

Ein Kernproblem, dem sich Frauen aller Schichten im Ersten Weltkrieg stellen müssen (wenn auch in unterschiedlicher Dramatik), ist die immer schwieriger werdende Ernährung der Familie. Mit Kriegsbeginn brechen auch wirtschaftliche Verbindungen ab, dringend benötigte Nahrungsmittel können nicht mehr importiert werden. Das ist umso schwerwiegender, als aus dem privaten Anliegen, seine Familie zu versorgen, nun eine quasi nationale Aufgabe geworden ist. Dabei hilft auch der Verzicht der Frauen: „Im stillen Heldentum mögen Millionen Mütter, Gattinnen, Schwestern es verstanden haben, beim Mahl dem männlichen Teilnehmenden die besten und reichlichsten Bissen zuzuschieben, mit heuchlerischen Gesten tuend, als langten sie selber zu. – Lächelnd geleistete, immer wiederholte Beweise der Liebe zugleich zum Manne und zum Vaterlande. Rührend und nie genug zu preisen!“


Solcher Verzicht wird im Lauf des Krieges immer schwerer gefallen sein, denn auch die Qualität der wenigen Lebensmittel, die gekauft werden können, lässt immer weiter nach. Aber nicht nur die Ernährungslage setzt Familien unter Druck. Immer wieder werden Einquartierungen von Soldaten dekretiert. Die Frauenverbände rufen ihrerseits dazu auf, Verwundete einzuladen und sie so aus der Tristesse der Lazarette herauszuholen. Das System Familie ist vielerlei Ansprüchen ausgesetzt, denen man angesichts der starken sozialen Kontrolle nur schwer ausweichen kann.
Neben die traditionelle Rolle der Hausfrau und Mutter tritt sehr schnell nach Kriegsausbruch eine weitere: die Zuständigkeit für die finanzielle Absicherung der Familie. Schon am 5. August 1914 berichtet die Dewezet über eine „Tat von vorbildlicher Bedeutung“ in Hannover. Dort bietet die Direktion der Straßenbahn den Frauen ihrer Angestellten an, „zur Ausübung des Schaffnerdienstes an Stelle ihrer Männer zu treten.“ Tatsächlich bleibt den Frauen aus wenig abgesicherten Verhältnissen oft keine Wahl, als umgehend eine Stelle zu suchen.


Zunächst herrscht jedoch große Arbeitslosigkeit. Je länger der Krieg dauert, desto stärker macht sich allerdings – vor allem in der Industrie – ein Arbeitskräftemangel bemerkbar. Stellenanzeigen richten sich nun an alte, sogenannte militärfreie Männer, Jugendliche und Frauen, die „tüchtig anpacken können“. Die körperlich oft harte Arbeit dauert jetzt auch für Frauen zwischen elf und zwölf Stunden pro Tag, viele Arbeitsschutzbestimmungen werden aufgehoben.
Doch auch in der Mittelschicht müssen Frauen sich neu zurecht finden. Was tun mit einem Handwerksbetrieb, einem Geschäft oder einem Hof, wenn der Mann eingezogen wird oder stirbt? Die Hamelner Freimaurer der Loge „Zur königlichen Eiche“ bieten an, Frauen in einer solchen Situation mit kaufmännischem Fachwissen zu unterstützen.
Wie schwer eine solche Umstellung sein kann, formuliert die unfreiwillige Chefin der Kunst- und Bauglaserei Hanke: „Seit Ausbruch des Krieges befindet sich mein Mann im Felde und sehe ich mich gezwungen, der geehrten Kundschaft mitzuteilen, daß es mit dem besten Willen mir nicht möglich ist, das Geschäft mit fremder Hilfe fortzuführen.“ Anders entscheidet sich „Frau Carl Brombach“, die mitteilt, sie führe das Café auch ohne ihren Mann in „alter Weise“ fort.
Der Landrat warnt bald nach Kriegsausbruch vor Händlern, „die für geringe Preise solche ländlichen Besitzungen an sich zu bringen versuchen, die infolge Einberufung der Ehemänner oder Söhne zum Heer der Obhut von vielfach ratlosen Frauen überlassen werden mußten.“ Ein Verkauf solle erst nach reiflicher Überlegung stattfinden, schließt er seine Warnung. Sie deutet den immensen Druck an, unter dem die beileibe nicht unselbstständigen Frauen in der Landwirtschaft stehen.
wohlhabende Frauen haben größere Freiräume, damit aber auch mehr Verantwortung, wie es in einer Zuschrift an die Dewezet heißt. Es sei ihre patriotische Aufgabe, ihre Dienstboten nicht zu entlassen, denn diese fänden keine neue Arbeit. Die Arbeitslosigkeit sei ein ebenso großer Feind wie die Armeen an den Grenzen. Außerdem: „Wer nicht so schlimm daran ist, mache es sich zur Pflicht, auch solche Luxusbedürfnisse möglichst aufrecht zu erhalten, von denen andere Menschen gelebt haben. Gebt nicht die Musikstunden auf.“

Frauen im Sanitätseinsatz – ein beliebtes Postkartenmotiv. Foto. pr


Gerade gut gestellte Frauen haben auch die Möglichkeit, sich wohltätig einzusetzen. „In jeder Frau ist heute der brennende Wunsch, ihre Kraft für das Vaterland einzusetzen. Jede fragt sich, was sie tun kann, um dem Ganzen zu nützen, jede möchte die große Sache, für die unsere Gatten, Söhne und Brüder ihr Leben einsetzen, so viel sie irgend kann, fördern helfen.“ Frauenvereine stricken nicht nur Strümpfe, sondern auch Topfhüllen, mit denen das Essen an der Front transportiert und warm gehalten werden soll – eine sehr romantische Hilfsaktion.
Besonders beliebt ist aber die praktische Unterstützung, zum Beispiel in einem der Hamelner Lazarette oder bei der Betreuung durchreisender Truppen. Allerdings kommt es zu Kriegsbeginn aufgrund der großen Zahl bereitwilliger Frauen beinahe zur Konkurrenz und zu Unmut unter den Hilfswilligen. Das Rote Kreuz erklärt in einer Stellungnahme: „Zur Verteilung der Liebesgaben auf dem Bahnhof war der Andrang z.B. sehr groß, und trotzdem öfter ein Wechsel stattgefunden hat, haben doch nicht alle jungen Mädchen, die sich gemeldet, eintreten können.“ Der Verband achtet außerdem darauf, dass eher die Frauen von Soldaten mit einer bezahlten Arbeit bedacht werden, als dass man Freiwillige beschäftigt. Denn: „Denkt daran, daß nichts so niederdrückend ist wie die vergeblichen Wege, die tausende von Menschen täglich machen, um eine Möglichkeit zu finden, sich durch ihrer Hände Arbeit ehrlich zu ernähren!“
Auch über diese Aufgaben hinaus eröffnet die Kriegssituation Chancen. Frauen äußern sich zum Beispiel in der Zeitung. Marie Seiffert veröffentlicht kämpferische Gedichte, Mathilde Reinhardt beschreibt die Ankunft von Verwundeten am Bahnhof, andere äußern sich zur Frauenfrage als solcher. Frauen werden sichtbar, machen ihre Position deutlich. Als in einer Zuschrift die zu elegante Kleidung gerügt wird, die Frauen beim Abmarsch der Soldaten tragen, hält eine Frau dagegen: „Begeistert ziehen unsere tapferen deutschen Krieger aus. Durch Gesang und Hurrarufen zwingen sie sich über den Abschiedsschmerz von ihren Lieben hinweg. Und da sollten die zurückbleibenden Frauen […] düstere Kleider anziehen? Nein!“

Gegen Ende des Krieges wird das Frauenwahlrecht breit thematisiert und Frauen eine politische Betätigung nahe gelegt. Auch an kleinen Veränderung wird deutlich, dass die Frauenfrage tatsächlich in Bewegung gekommen ist. Im November 1918 teilt die Dewezet mit: „Vom Kriegsministerium in Berlin ist […] der Haustochter Lieschen Benze, Bäckerstraße 62, die Genehmigung zur Führung des Titels ‚Frau‘ erteilt worden.“



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2021
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige