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Kreisrätin stellt sich im Interview zur Zukunft der Bildung / Es geht um die Wackelkandidaten Aerzen, Emmerthal und Hessisch Oldendorf – und warum Lehrer auch auf Eltern hören sollten

Frau Broistedt, wollen Sie wirklich alle Schulen erhalten?

Frau Broistedt, in Aerzen, Emmerthal und Hessisch Oldendorf sollten nach ursprünglichen Plänen der Kreistagsmehrheit zwei Integrierte Gesamtschulen entstehen. Nach einem Jahr liegen Konzepte auf dem Tisch, die keine einzige IGS vorsehen. Haben Sie das Klassenziel verfehlt? Interview: Christian Branahl und Robert Michalla

veröffentlicht am 18.11.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 13.01.2015 um 11:11 Uhr

Der Auftrag lautete zum Glück nicht, es innerhalb eines Schuljahres hinzubekommen. Die Verwaltung hatte vorgeschlagen, aus Aerzen und Emmerthal eine IGS zu machen und in Hessisch Oldendorf eine IGS beziehungsweise eine Modellschule mit einem gymnasialen Angebot einzurichten. Die Politik hat die Verwaltung beauftragt, einen beteiligungsorientierten Prozess einzuleiten und die Menschen vor Ort daran mitwirken zu lassen, wie ihre Schule künftig aussehen soll. Dabei sind interessante Modelle entstanden, die Perspektive haben. Heute sind wir jedoch noch nicht so weit, dass wir bis zum nächsten Sommer eines der Modelle umsetzen können. Aber wir haben das getan, was sich die Politik gewünscht hat. Wir haben Lehrer, Eltern und Schüler beteiligt.

Dumm gelaufen. Jetzt haben Sie die Menschen vor Ort angehört, doch die wollen etwas ganz anderes als die Politik.

Ich finde es grundsätzlich richtig, die Beteiligten an den Schulen zu fragen: Was könnt ihr euch vorstellen, was wollt ihr? Und vor allen Dingen die Eltern zu fragen: Welche Form von Schule wollt ihr in Hessisch Oldendorf? Das ist richtig. Wir stellen doch nicht Schulraum zur Verfügung, und keiner geht hin. Wir wollen, dass die Eltern sagen: Das ist genau die richtige Schule für mein Kind.

Kreisrätin Petra Broistedt äußert sich im Dewezet-Interview zu den Schulplänen. Foto: Dana

Eltern sind das Stichwort. Wird es noch eine weitere Elternbefragung geben?

Für die beiden im Augenblick in Aerzen und Emmerthal favorisierten Modelle braucht es keine Elternbefragung. Das sind Konzepte, die beide Schulen einfach umsetzen können, sofern sie nicht zu Mehrkosten bei den Schulträgern führen.

Und wie sieht es in Hessisch Oldendorf aus?

Dort ist es möglicherweise anders, das wissen wir aber heute noch nicht genau. Will man dort eine IGS haben, dann bräuchte es eine Elternbefragung. Das müsste der Kreistag entscheiden.

Viele Eltern wünschen sich ein gymnasiales Angebot in der Stadt.

Ja, besonders Eltern von Schülern der Grundschule am Rosenbusch wollen eine IGS. Mit der Modellschule konnten sie noch mitgehen, weil sie ein gymnasiales Angebot vorsah. Die Oberschule Technik hingegen ist nicht das, was sie sich gewünscht haben.

Es entspricht auch nicht dem Wunsch der Kreistagsmehrheit. Sie wollte entweder eine IGS oder eine Modellschule.

Aber wir wissen nicht, sind es nur 20 Eltern, die sich das wünschen, oder sind es 100? Deshalb haben wir uns dazu entschieden, eine Informationsveranstaltung zu organisieren. Das ist keine Elternbefragung. Aber wenn dabei herauskommt, dass 15 Eltern sagen, wir wollen eine IGS und sich 75 für die Oberschule aussprechen, dann ist das ein eindeutiger Trend. Und wir werden dann besser wissen, in welche Richtung wir gehen müssen. Es macht aber wenig Sinn, eine Schulform umzusetzen gegen ein komplettes Votum eines Lehrerkollegiums. Schließlich lebt Schule davon, dass sie von engagierten und motivierten Lehrkräften gestaltet wird. Das kann nur mit und nicht gegen die Lehrerinnen und Lehrer funktionieren.

Können Sie sich die Haltung der Lehrer in Hessisch Oldendorf erklären? Die IGS ist eine vom Land gewünschte Schulform, Rinteln und Hameln haben das erkannt.

Das stimmt. Alle Landkreise um uns herum halten das Thema Gesamtschule hoch. Es gibt wissenschaftlich erwiesen viele Vorteile von Gesamtschulen, aber es gibt auch immer Gegner. Und ich stelle mich nicht dahin und sage: Das ist die eine und einzige Schulform.

Warum eigentlich nicht?

Ich bin davon überzeugt, dass die IGS eine gute Schulform ist, ich nehme aber auch die Skeptiker sehr ernst. Die Schule in Hessisch Oldendorf hat sich viele Gedanken gemacht und hat an einzelnen Punkten festgemacht, warum sie eine Gesamtschule nicht gut findet. Wichtig ist aber immer, was die Akteure aus der Schule machen.

Laut einer Umfrage sind rund 75 Prozent der Lehrer in Hessisch Oldendorf gegen eine IGS. Damit hat sich das Thema also erledigt.

Ich glaube, dass auch Lehrerinnen und Lehrer wissen, dass Schule nicht ein Selbstzweck für sie ist, sondern dass Schule für junge Menschen da ist. Daher müssen Lehrer auch berücksichtigen, was junge Menschen und ihre Eltern wollen. Wenn es eine Vielzahl junger Menschen und Eltern gibt, die eine IGS wollen, dann müssen wir uns mit diesem Thema auseinandersetzen. Ich bin gespannt, wie das ausgeht.

Aber es gibt nicht nur den Elternwillen, es gibt auch den politischen Willen. Da müssen Sie wahrscheinlich noch Überzeugungsarbeit leisten.

So ist das immer. Aber, und das haben wir der Politik gesagt, wenn sie einen beteiligungsorientierten Prozess bestellt, dann bekommt sie ihn auch. Aus diesem Grund gehe ich nicht daher und sage: Liebe Leute, eure Meinung wollten wir einholen, ich nehme sie aber nicht ernst. Ich nehme sie ernst, sehr sogar. Am Ende aber entscheidet die Politik. Das wird keine leichte Entscheidung.

Dass es nicht leicht wird, hat sich abgezeichnet. Gerade aus den Reihen der Grünen im Kreistag gibt es mit Blick auf die Emmerthaler Schule noch eine ganze Menge Nachfragen.

Die Fragen, die gestellt worden sind, waren berechtigt. Wenn es das Bildungshauskonzept in Emmerthal gibt, kommt es auf die enge Zusammenarbeit der Johann-Comenius-Schule mit der Grundschule in Kirchohsen an. Das kann nur im Wege der Kooperation funktionieren.

Zumindest scheint es politischer Wille in Emmerthal zu sein, dass die Grundschulen Börry und Amelgatzen mit eingebunden werden müssen.

Genau. Es ist doch wichtig, dass alle Grundschüler der Gemeinde im Übergang zur weiterführenden Schule begleitet werden. Zum jetzigen Zeitpunkt ist das im Konzept aber noch nicht genau durchdacht. Das ist Aufgabe aller Beteiligten, miteinander ins Gespräch zu kommen.

War es nicht zu erwarten, dass es so schnell keine bis ins letzte Detail durchdachten Ergebnisse geben kann?

Für Hessisch Oldendorf lautete der Wunsch, bis zum Schuljahr 2015/2016 eine IGS oder eine Modellschule einzurichten. Wenn man sich relativ schnell hätte einigen können, dann wäre eines der Konzepte bis zum Sommer umsetzbar gewesen. Da wir aber im Augenblick einen Dissens haben – ein Teil der Arbeitsgruppe setzt sich für ein gymnasiales Angebot ein, die Mehrheit möchte das Konzept einer Oberschule mit technischem Profil und Angliederung der Fachoberschulen Technik und Gestaltung umsetzen –, wird das bis 1. August möglicherweise nichts. Was man bis dahin in Hessisch Oldendorf realisieren könnte, ist eine Fachoberschule Technik an die Oberschule anzudocken. Der Kreistag wird am 9. Dezember darüber entscheiden.

Und wie sieht es in Aerzen und Emmerthal aus?

In Aerzen und Emmerthal haben beide Schulleitungen deutlich gemacht, dass sie ihre Schulkonzepte nach dem neuen Modell noch konkretisieren müssen, dass sie noch viel Vorarbeit leisten müssen und dass das voraussichtlich nicht bis zum 1. August klappt. Schade, ich hätte es mir gewünscht. Aber ich glaube, es ist besser, gute Vorarbeit zu ermöglichen, als einen Schnellschuss abzufeuern.

Die Konzepte sind das eine, die Kosten das andere.

Das stimmt. Man kann nicht sagen, ich möchte ein Luftschloss haben, um hinterher festzustellen, dass ich es nicht bezahlen kann. In Holzminden ist es so gelaufen. Dort ist entschieden worden, gefühlte 50 Integrierte Gesamtschulen zu schaffen sowie das Campe-Gymnasium neu zu bauen – und am Ende war nicht genug Geld in der Kasse. Das ist wenig hilfreich.

Was lernen sie daraus für Hameln-Pyrmont?

Wir werden sehr genau gemeinsam mit den Schulleitungen anschauen: Was ist erforderlich, was ist Kür? Und an welchen Stellen können wir, gerade mit Blick auf den hohen Investitionsbedarf in Emmerthal, sparen? Mit dem Konzept, an dem Emmerthal im Augenblick arbeitet, wird die Schule nicht mehr so groß sein müssen, wie sie einmal war. Einen Teil können wir dann zurückbauen und müssen ihn nicht mehr energetisch sanieren und inklusiv herrichten.

Und Sie als Kreisrätin sagen: „Wir wollen beide Schulstandorte in Aerzen und Emmerthal erhalten“?

Das ist der Auftrag der Politik, genau. Unser Vorschlag war – und den haben wir uns nicht ausgedacht, weil wir die Schulen schlecht finden, sondern weil die Schülerzahlen das nicht hergeben – aus zwei Standorten einen zu machen. Doch die Politik hat gesagt: Nein, das wollen wir nicht. Also ist unser Ziel nun, beide Standorte durch Bildung von Profilen zu erhalten.

Jetzt haben sie sich schön rausgeredet.

Ich glaube, ich habe sehr klar gesagt, dass die Schülerzahlen Anlass dazu geben, über die Schulstandorte nachzudenken. Wir können Aerzen, Emmerthal und Hessisch Oldendorf wirklich gut stärken, wenn es uns gelänge, gymnasial empfohlene Kinder dort zu unterrichten. Das geht mit den drei Konzepten, die im Augenblick diskutiert werden, aber nicht. Sie werden bestenfalls zur Konsolidierung der Standorte auf jetzigem Niveau beitragen. Aber das ist ja auch schon ein Schritt.

Warum überarbeiten Sie die Konzepte nicht einfach?

Glauben Sie mir, in allen Arbeitsgruppensitzungen, in allen drei Prozessen, haben wir immer wieder die Zahlen an die Wand geworfen und haben mit diesen Zahlen gezeigt, wie viele Schüler abwandern. Wir haben deutlich gemacht: Aus unserer Sicht habt ihr eine wirklich gute Chance, wenn ihr versucht, diese Kinder durch ein gymnasiales Angebot zu halten. Ich weiß nicht, wie oft ich das gesagt habe.

Doch weil die Schulen – wenig überraschend – andere Pläne auf den Tisch legen, bleibt alles beim Alten.

Nein, ich sage ganz deutlich: Das ist kein Selbstläufer. Es reicht nicht, dass Schulleitungen ein Konzept entwickeln und wir am Ende sagen: Ja, das setzen wir so um. Wir werden die Investitions- und Folgekosten sehr genau berechnen und darauf achten, was umsetzbar ist. Und dann muss die Politik Entscheidungen treffen.

Blicken wir auf das Jahr 2020. Wo steht der Landkreis in sechs Jahren?

2020 liegt nach der nächsten Wahl und man sagt ja immer, nach jeder Wahl gibt es eine neue Schulform, zumindest hier in Niedersachsen. Warten wir das mal ab. (lacht) Aber im Ernst: Da wir sinkende Schülerzahlen haben, werden wir im Kreisgebiet möglicherweise weniger Schulen haben. Diese sind dann nach meiner Vorstellung aber Leuchtturmschulen, die sich inhaltlich und konzeptionell voneinander unterscheiden. Damit die Eltern die Qual der Wahl haben, auf welche Schulen sie ihr Kind schicken. Und es ist mein Wunsch zu versuchen, sehr individuell auf jedes Kind einzugehen.

Und das am besten an Integrierten Gesamtschulen?

Ob das am Ende alles Integrierte Gesamtschulen sind, weiß ich nicht. In jedem Fall ist es unser ganz großes Ziel, gemeinsam mit der Stadt Hameln die IGS dort sehr gut aufzustellen.

Hameln braucht aber auch starke Umlandgemeinden.

Das sieht Hameln aber manchmal nicht. Allerdings ist das ein ganz normaler Streit, den haben alle Kreise mit ihren Kreisstädten. Die Kreisstädte sagen: Wir sind Paris, alle müssen zu uns. Und alle Kreise sagen: Es gibt aber auch noch andere Kommunen neben euch.

Da sind wir beim Thema Schulträgerschaft.

Ja, wir sind dabei, auch das Thema Schulträgerschaft zu diskutieren. Wir haben Eckpunkte zur Schulentwicklungsplanung mit Hameln und Bad Pyrmont abgestimmt. Ob wir am Ende in die gemeinsame Schulträgerschaft kommen, das kann ich heute noch nicht sagen, das ist ein politischer Beschluss. Ich würde mich sehr freuen, und ich würde mich dafür auch starkmachen. Aber, ob die beiden anderen Schulträger da mitgehen, bleibt offen.



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