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Christian Meyer hält Rede bei zentraler Gedenkfeier an der Paschenburg / Afghanistan thematisiert

Form des Gedenkens "mit Konflikten verbunden"

Landkreis (wm/jp/sig/la). Auf dem Weg zur zentralen Gedenkfeier des Kreisverbandes der Deutschen Kriegsgräberfürsorge auf dem Ehrenfriedhof an der Paschenburg meldete der NDR im Autoradio: Attentäter attackiert Bundeswehrkonvoi in Afghanistan - zwei deutsche Soldaten verletzt, einer davon schwer.

veröffentlicht am 17.11.2008 um 00:00 Uhr

Feierliche Kranzniederlegung im Bückeburger Schlosspark. Foto: j

Mag sein, dass Christian Meyer, Vorsitzender des Stiftungsrates der Bürgerstiftung und Redner an diesem Tag auf der Paschenburg diese Meldung gehört hat. Auf alle Fälle setzte Meyer - anders als seine Vorredner in den vergangenen Jahren - den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr unmissverständlich mit in den Mittelpunkt seiner mahnenden Worte. Bisher sei Afghanistan bei Gedenkfeiern vermutlich eher ausgeblendet worden, weil auch die Bundesregierung immer den Eindruck vermittelt habe, hier handele es sich um Entwicklungshilfe, nicht um einen militärischen Einsatz. Und bisher habe Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung es vermieden, in Verbindung mit Afghanistan von "Gefallenen" zu sprechen - das habe er erst jüngst getan. Meyer mahnte, nach vier Jahrzehnten "Abstinenz" sei die Bundesrepublik wieder in Kriegseinsätze verwickelt - das habe auf dem Balkan begonnen - und der Diskurs darüber sei zu wichtig "um ihn allein den Politikern zu überlassen." Meyer erinnerte in seinem Rückblick auf die Geschichte des Gedenktages an dessen Rückentwicklung vom "Heldengedenktag" im Dritten Reich zurück zu seiner Ursprungsform in der Weimarer Republik, nämlich als einen Tag der Mahnung. Noch heute seien beide Weltkriege bei den Menschen auch deshalb unvergessen, weil durch die Kriege in fast jeder Familie Tote zu beklagen gewesen seien, damit Brüche in den Familienbiografien - auch in seiner. Und Meyer machte deutlich, dass die neue Form des Gedenkens nach wie vor "mit Konflikten" verbunden sei,wie die jüngste öffentliche Diskussion um die Inschrift auf dem Findling vor der Realschule am Kollegienplatz in Rinteln gezeigt habe. Es war bei der Gedenkfeier an der Paschenburg, als würde auch der Himmel Trauer tragen - es regnete während der Feierstunde, die von den Vereinigten Chören Rinteln und der Kreisjugendmusikschule musikalisch gestaltet wurde. Schüler der Schule am Schlosspark in Stadthagen sprachen das Totengedenken. Mit einer unbequemen Frage eröffnete Pastorin Anne Riemenschneider von der evangelisch-lutherischen Stadtkirchengemeinde Bückeburg die Gedenkfeier zum Volkstrauertag am Ehrenmal im Bückeburger Schlosspark. Der Volkstrauertag werde begangen, damit das Volk der Kriegstoten und der Opfer von Gewalt gedenke. Aber: "Wo ist das Volk?" Gerade bei der jungen Generation, die doch in einigen Jahren die Verantwortung in Deutschland übernehme, vermisste die Pastorin ein gemeinsames Gedenken. Dieses sei jedoch weiterhin erforderlich, um Hass zu überwinden und damit sich ein Töten wie in den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts nie wiederholen könne. Und das nicht nur an Gedenktagen wie dem Volkstrauertag, sondern auch und gerade im Alltag: Überall dort, wo sich Hass und Intoleranz offenbare, sei Zivilcourage erforderlich. "Wir brauchen Aufmerksamkeit für Töne, die dem Frieden widersprechen." Anschließend legten Vertreterder Stadt und der Bundeswehr am Ehrenmal Kränze nieder. Umrahmt wurde die Gedenkfeier vom Männergesangverein Bückeburg, einem Ehrenzug der Bundeswehr sowie einem Ehrenzug der Ortsfeuerwehr Bückeburg-Stadt. Luhdens Bürgermeister Peter Zabold erinnerte bei der Gedenkfeier vor dem Ehrenmal in Luhden daran, dass der Erste Weltkrieg vor 90 Jahren zu Ende ging. Er kostete 8,5 Millionen Menschen das Leben. 21 Millionen wurden verwundet oder verletzt. Die Zahl der Vermissten und Gefangenen bezifferte Zabold auf 7,5 Millionen. Diese grausigen Erfahrungen hätten leider nicht ausgereicht, um einen Rückfall zu verhindern. Der Zweite Weltkrieg forderte 62 Millionen Opfer. Dazu kamen 20 Millionen Verschleppte und Vertriebene. Der Bürgermeister erinnerte daran, dass noch am 8. April 1945 wenige Meter vom heutigen Ehrenmal entfernt zwei Busse mit jungen Luftwaffenanwärtern von den Amerikanern zusammengeschossen wurden. Dabei gab es 18 Tote. In den letzten Kriegstagen habe es, so Zabold, auch um Buchholz, Steinbergen und Deckbergen herum noch viele schwere Kämpfe gegeben. Trotz der erfreulich langen Friedensperiode würden die Waffen noch längst nicht überall schweigen. Zabold erinnerte an den Kongo, wo regelrecht Jagd auf Menschen gemacht wird, und an Afghanistan, wo auch deutsche Soldaten ihr Leben verloren und selbst zivile Helfer nicht geschützt werden können. Bürgermeister Heinz Grabbe berichtete bei der Feier am Ahnser Ehrenmal, dass vor einigen Jahren deutsche Touristen auf einem großen englischen Soldatenfriedhof der Insel Kreta einen trockenen Strauß mit einem Zettel entdeckten. Er galt einem Soldaten, der bei den Kämpfen mit den deutschen Fallschirmjägern getötet worden war. Darauf standen nur die Worte: "Wir können Charly nicht vergessen." "Dieser Tote hätte auch Heinrich oder Wilhelm heißen können", fuhr Grabbe fort. Er sei eines von Millionen Opfern eines sinnlosen Krieges gewesen und soll die nachfolgenden Generationen vor dem Vergessen bewahren. Die zehnjährigen Mädchen Leoni Keller und Laura Hussong nahmen anschließend die Totenehrung vor. Eine Bläsergruppe aus Liekwegen begleitete die Trauerfeier mit Chorälen. "Was wäre, wenn niemand an den Volkstrauertag erinnert und zur Gedenkfeier eingeladen hätte. Was wäre, wenn dieser Tag nicht im Kalender stehen würde", fragte der ehemalige Rehrener Schulleiter Jörg Landmann die Besucher in der Friedhofskapelle, die gestern im Auetal der Opfer der Weltkriege, der Terroranschläge und der kriegerischen Auseinandersetzungen in der heutigen Zeit gedachten. Würden dann noch viele an den Volkstrauertag denken? "Bei vielen Menschen heißt es heute, wir müssen im Interesse der Jugend endlich einen Schlussstrich ziehen unter die Schrecken zweier Weltkriege und unter die ständige Vergangenheitsbewältigung. Schluss mit dem Blick zurück, Schluss mit der Trauer und der Besinnung." Doch Landmann, der diesen Thesen eine klare Absageerteilt, fordert vielmehr: "Wir brauchen diesen Rückblick, um unsere Verantwortung für das Geschehene zu erkennen und daraus Konsequenzen für unser Handeln abzuleiten. Wenn persönliche Erfahrung und Betroffenheit mit den Kriegsgenerationen und der Erinnerungsgeneration verschwinden, brauchen wir umso mehr gemeinsame Gedenktage wie den Volkstrauertag". Die Gedenkfeier endete mit der Kranzniederlegung am Ehrenmal durch Auetals Bürgermeister Thomas Priemer und Rehrens Ortsvorsteherin Imke McGinty, sowie den Vertretern der Freiwilligen Feuerwehr, der Kyffhäuser-Kameradschaft und des Sportclubs Auetal.



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