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Trotz Hoffnungsschimmer

Fluglinie Germania ist insolvent und stellt den Betrieb ein

Berlin (dpa) - Aus für Germania: Fast eineinhalb Jahre nach der spektakulären Air-Berlin-Pleite hat eine weitere deutsche Fluggesellschaft Insolvenz angemeldet. Betroffen sind fast 1700 Mitarbeiter, der Flugbetrieb wurde eingestellt.

veröffentlicht am 05.02.2019 um 21:31 Uhr
aktualisiert am 06.02.2019 um 07:11 Uhr

Germania ist eine deutsche Fluggesellschaft mit einer mehr als 30-jährigen Geschichte. Foto: Christoph Schmidt

Autor:

Stefan Heinemeyer und Anna Ringle, dpa

Auf deutsche Flughäfen wirkt sich das Ganze unterschiedlich aus - vor allem kleinere Airports sind zum Teil massiv betroffen. Deutsche Airlines boten Germania-Passagieren, die sich im Ausland befinden, verbilligte Tickets für die Rückflüge an. Germania war seit mehr als 30 Jahren im Geschäft und flog viele Touristen an Urlaubsziele im Mittelmeerraum.

Die Insolvenz umfasst die Germania Fluggesellschaft GmbH und ihr Schwesterunternehmen für technische Dienstleistungen, die Germania Technik Brandenburg GmbH, sowie die Germania Flugdienste GmbH, wie das Unternehmen in der Nacht zu Dienstag mitteilte.

Nach den Worten von Germania-Geschäftsführer Karsten Balke war es nicht gelungen, Finanzierungsbemühungen zur Deckung eines kurzzeitigen Liquiditätsbedarfs erfolgreich zum Abschluss zu bringen. «Wir bedauern sehr, dass uns als Konsequenz daraus keine andere Möglichkeit als die der Insolvenzantragstellung blieb», erklärte Balke. Der Geschäftsbetrieb der Schweizer Germania Flug AG und der Bulgarian Eagle geht dagegen weiter. Wie viele der zuletzt insgesamt 37 Flugzeuge bei Germania dort noch im Einsatz sind, blieb unklar.

Mit Germania ist nun erneut der Standort Berlin von einer Insolvenz im Luftverkehr betroffen. Erst Ende Oktober 2017 hatte die damals zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft Air Berlin ihren Flugbetrieb eingestellt, rund 8000 Mitarbeiter waren betroffen. Im Herbst 2018 ging die Charterfluggesellschaft Small Planet Airlines mit Sitz in Berlin in die Insolvenz.

Auf den deutschen Flughäfen bot sich ein unterschiedliches Bild. Stark betroffen sind kleinere Standorte - zum Beispiel der Flughafen Rostock-Laage. «Von den knapp 296.000 Passagieren im vergangenen Jahr flogen 46 Prozent mit Germania», sagte Flughafen-Geschäftsführerin Dörthe Hausmann. Auch dem Flughafen Münster/Osnabrück drohen Lücken, etwa ein Viertel der Passagiere sollte 2019 in Germania-Maschinen sitzen. In Friedrichshafen am Bodensee liegt der Passagieranteil von Germania nach Airportangaben sogar bei etwa einem Drittel. Stark betroffen ist zudem der Erfurter Flughafen, wo Germania die wichtigste Airline war.

Als vorläufiger Insolvenzverwalter wurde vom Amtsgericht der Berliner Jurist Rüdiger Wienberg bestellt, wie ein Sprecher Wienbergs am Dienstag sagte. Es handele sich um ein klassisches Regelinsolvenzverfahren und nicht um eines in Eigenverwaltung. Bei letzterem wäre das Management bis auf Weiteres an Bord geblieben, bei einer Regelinsolvenz übernimmt hingegen ein Insolvenzverwalter die Führung. Zuvor hatte die «Wirtschaftswoche» über die Personalie berichtet. Das Amtsgericht Berlin-Charlottenburg bestätigte den Eingang des Insolvenzverfahrens am Nachmittag.

Betroffen sind laut Mitteilung des vorläufigen Insolvenzverwalters fast 1700 Mitarbeiter: 1426 bei der Germania Fluggesellschaft mbH, 178 bei Germania Technik Brandenburg mbH und 74 bei Germania Flugdienste GmbH.

Wienberg wird sich nach eigenen Angaben nun einen Überblick über die Situation des Unternehmens verschaffen und dazu gehöre auch, Fortführungsaussichten zu prüfen. Allerdings stellte Germania den Betrieb bereits ein. Das Luftfahrt-Bundesamt teilte auf seiner Internetseite mit, dass Germania die Fluglizenz entzogen worden sei. Bezogen auf den Zeitraum der nächsten zwei Wochen sind laut Insolvenzverwalter rund 60.000 Reisende betroffen. «Wir sind derzeit mit anderen Marktteilnehmern im Gespräch, um den Passagieren, die an ihren Flugzielen festsitzen, kurzfristig und unbürokratisch bei der Rückreise zu helfen», sagte Wienberg.

Als viertgrößte deutsche Airline ist Germania bei vielen Touristen wegen ihrer Ferienflüge in den Mittelmeerraum bekannt. Sie beförderte jährlich mehr als vier Millionen Passagiere. Zum Vergleich: Bei der Lufthansa Group waren es im vergangenen Jahr mit 142,3 Millionen Passagieren erheblich mehr.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) sieht indes bisher keinen Anlass für staatliche Hilfen wegen der Insolvenz. «Das ist ein Anwendungsfall von Marktwirtschaft», sagte Altmaier in Berlin. Unterdessen wurden Stimmen lauter, die eine Insolvenzabsicherung bei Fluggesellschaften forderten. «Die erneute Insolvenz einer Airline zeigt, dass wir auch für Flugreisende, die nicht pauschal gebucht haben, eine Insolvenzabsicherung brauchen», sagte Staatssekretär Gerd Billen vom Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz dem «Handelsblatt» (online).

Anfang Januar waren die finanziellen Schwierigkeiten bei Germania bekannt geworden. Der Flugbetrieb ging jedoch zunächst planmäßig weiter. Zwischenzeitlich hatte die Firma von erfolgreichen Finanzierungsverhandlungen gesprochen. Ende Januar wurde aber bekannt, dass es bei der Auszahlung der Januar-Gehälter an die Mitarbeiter Verzögerungen gibt. Die Airline begründet den finanziellen Engpass mit

massiven Steigerungen der Kerosinpreise

und mit einer «außergewöhnlich hohen Anzahl technischer Serviceleistungen an der Flotte».

Noch am Montag hatte es einen Bericht über eine Investorengruppe aus Nordrhein-Westfalen gegeben, der hoffen ließ. Die «Neue Ruhr/Neue Rhein Zeitung» berichtete, dass eine Gruppe unter der Koordination von ehemaligen Airline-Managern helfen wolle und kurzfristig einen zweistelligen Millionen-Betrag bereitgestellt werden solle. Zu der Gruppe sollte auch der frühere Air Berlin-Chef Joachim Hunold gehört haben. Germania wollte zu dem Bericht keine Stellung nehmen, betonte aber noch am Montag: «Der Flugbetrieb verläuft stabil.» In der Nacht folgte dann die Mitteilung der Insolvenz.



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