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Beschwerden über Postbank und BHW

Finanzberater auf der Jagd nach leichten Opfern?

Hameln (fh). „Vorsicht Postbank“ hatte die Zeitschrift Finanztest bereits im November 2009 gewarnt. In ihrer neuen Ausgabe legt sie nach: Angesichts von Reaktionen auf einen Leseraufruf zum Thema kommt die Finanzzeitschrift der Stiftung Warentest nun zu dem Ergebnis: „Falschberatung hat bei der Postbank System.“ Das Finanzunternehmen widerspricht vehement.

veröffentlicht am 17.02.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 01.03.2018 um 17:01 Uhr

Ziel der Kritik ist die in Hameln ansässige Postbank-Tochter Postbank Finanzberatung. Die AG war 2006 bei der BHW-Übernahme durch die Postbank gegründet worden. Mit mehr als 4000 freien Handelsvertretern sei man der „größte bankgestützte Finanzvertrieb in Deutschland“, heißt es in einer Selbstdarstellung.

Finanztest sieht jedoch bereits in der Unternehmensstruktur der Postbank Finanzberatung die Ursache dafür, dass Kunden schnell in die Röhre schauen: Da die Finanzberater selbstständig arbeiten, seien diese auf Provisionen angewiesen – und erwiesen sich deshalb mitunter als skrupellose Verkäufer. „In unserem Vertriebsgebiet wurde vor allem Jagd auf ,Leos‘ gemacht“, zitiert Finanztest einen ehemaligen Finanzberater. „Leos“ stünde für „leicht erreichbare Opfer“, Alleinstehende oder ältere Menschen, denen sich beim Kaffeeklatsch Verträge aufschwatzen ließen. Bereits im November hatte Finanztest berichtet, dass Rentnern BHW-Bausparverträge vermittelt wurden, bei deren Auszahlung sie weit über 100 Jahre alt wären.

Häufig, so heißt es in der neuen Finanztest-Ausgabe, würden die Berater zudem empfehlen, gut verzinste BHW-Altverträge zu kündigen und schlecht verzinste Neuverträge abzuschließen. Eine Tendenz, die Rotraud Mahlo, Rechtsberaterin bei der Verbraucherzentrale Niedersachsen, gegenüber der Dewezet bestätigt. Teilweise würden dabei offenbar von den Finanzberatern wissentlich oder unwissentlich falsche Angaben gemacht, „aber das lässt sich im Nachhinein schwer nachweisen“, sagt die Expertin für Finanzdienstleistungen. BHW nehme aufgrund dieser Vorgehensweise derzeit bei der Zahl an Verbraucherbeschwerden einen Spitzenplatz unter den Bausparkassen ein.

Doch Finanztest zitiert noch andere Fälle fragwürdiger Beratung: Ein Rentnerpaar meldete dem Blatt, dass es 100 000 Euro für kurze Zeit sicher anlegen wollte. Der Postbank-Vermögensberater schlug daraufhin eine alles andere als kurzfristige Lebensversicherung oder einen spekulativen Investmentfonds vor. Einem 80-jährigen Rentner wurde eine riskante Schiffsbeteiligung verkauft – Laufzeit 17 Jahre. Hohe Verkaufsvorgaben würden die freien Finanzberater unter Druck setzen und deren Abschlusseifer unverhältnismäßig befeuern, argumentiert Finanztest. Ein Vertreter habe zudem sogar Geld unterschlagen, ein anderer Vertragsunterschriften gefälscht. Letzterer sei später befördert worden. „Das ist falsch“, widerspricht BHW-Sprecher Rüdiger Grimmert. „Der Mann wurde von uns aus versetzt und nicht befördert.“ Die Vorwürfe seien zudem nicht gerichtlich geklärt, die betroffenen Verträge aber rückabgewickelt worden.

Auch in den anderen Fällen bemühe man sich um Aufklärung – soweit die Kunden identifizierbar seien. „Wir haben Finanztest mehrfach aufgefordert, uns Ross und Reiter zu nennen, aber keine Angaben bekommen“, sagt Grimmert. Angesichts von 500 000 Kundengesprächen im Jahr bewege sich der Anteil der nun von Finanztest aufgegriffenen „bedauerlichen Einzelfälle“ im Promillebereich.

Das System, selbstständige Handelsvertreter zu den Kunden zu schicken, sieht Grimmert nicht infrage gestellt. Auch große Finanzberatungsunternehmen wie AWD oder die Deutsche Vermögensberatung würden selbstständige Berater auf Provisionsbasis beschäftigen. „Und auch die Mitarbeiter am Schalter einer Sparkasse oder Volksbank bekommen neben ihrem Gehalt eine Provision.“ Gleichwohl werde aber am bestehenden Anreizsystem für die Postbank-Finanzberater „sicher noch gearbeitet“, sagt Grimmert.

Die Zeitschrift Finanztest wirft freien Beratern der Postbank Finanzberatung AG fragwürdige Praktiken vor. Fotomontage: Wal



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