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„Die große Reise“ vom Theater Anu

Fesselnd und befreiend: der Weg des Lebens

Hameln. „Es ist der ewige Weg, den jeder Wanderer geht, den jeder Lebensreisende beschreitet: Für eine Nacht liegt er hier ausgebreitet“ – der Weg in die berührende Inszenierung wurde freigegeben vom Lampenträumer des Berliner Theaters „Anu“. 2500 Kerzen säumen den Weg der Lebensreisenden im Innenhof des Hotels Stadt Hameln an diesem Abend. Ein Labyrinth, das Leben, mit seinen Sackgassen, den Begegnungen mit anderen Reisenden, die überraschen.

veröffentlicht am 10.05.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:47 Uhr

Im Innenhof des Hotels Stadt Hameln entführten die Künstler des
Birte Hansen

Autor

Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite

Hameln. „Es ist der ewige Weg, den jeder Wanderer geht, den jeder Lebensreisende beschreitet: Für eine Nacht liegt er hier ausgebreitet“ – der Weg in die berührende Inszenierung wurde freigegeben vom Lampenträumer des Berliner Theaters „Anu“. 2500 Kerzen säumen den Weg der Lebensreisenden im Innenhof des Hotels Stadt Hameln an diesem Abend. Ein Labyrinth, das Leben, mit seinen Sackgassen, den Begegnungen mit anderen Reisenden, die überraschen. und den Stationen, die einladen innezuhalten und nachdenklich stimmen. Ein jeder Reisende mit seinem Koffer in der Hand, gefüllt mit dem, was ihm am Eingang für seinen Weg mitgegeben wurde: ein Ei, ein Spiegel, eine Uhr oder eine Feder. Alle versehen mit Kärtchen, die wie wohlgemeinte Wünsche wirken: „Jenem, der auf der Reise ist … und seine Träume niemals aufgibt“, hängt an den Koffern mit Feder; „Jenem,… der um seine Zeit weiß“ an denen mit Uhr.

Dort begegnet einem der Prinz, der hadert, zögert, die Krone zu übernehmen und das Reich zu regieren. Der Freiheit erlebt, als er wagt, die Aufgabe anzunehmen, um nach vielen prüfenden Blicken in den Spiegel zurückzukehren in die vertraute Ängstlichkeit. Vorbei an der Frau, gefangen im Turm der ewigen Erinnerungen, die sich zaghaft vorwagt, heraus aus der Enge, verhalten freudig nach der Hand eines Reisenden greift, der ihr hinüber helfen könnte – um sie im letzten Moment zurückzuziehen. Zurück in die Sicherheit. Vorbei an der Weltenkammer, aus der heraus eine Nackte dem einen oder anderen Reisenden ein rohes Ei reicht – „wie vorsichtig gehst du mit dem um, was dir gegeben wird, und bist du bereit, deine Gaben der Welt zu schenken?“ Die zwei senkrechten Blutspuren an den Rücken der verzaubernden Darsteller lassen schnell erahnen, wohin die Reise führt, welche Wahl bevorsteht. Träume leben oder träumend leben? Fessel oder Flügel? „Fliegen Sie nur in dem für Sie beherrschbaren Windbereich“, bekommen die von der Magie der Szenerie gebannten Kofferträger als Rat bei der Vogelfrau, die von ihrer Leiter aus halb mutig, halb unsicher Flugversuche unternimmt. „Wer noch nie geflogen ist, übe am besten im eigenen Wohnzimmer, wo der Wind nicht so um die Ohren bläst.“

Groß ist die Versuchung, die niedrigen Lichtergrenzen zu ignorieren, sie zu übersteigen, Abkürzungen zu nehmen, wohlwissend, dass es sie auf der wahren Reise nicht gibt. Der Versuchung widerstehen viele, teils respektvoll, nicht alle. Landung im Zentrum des Labyrinths, um selbst auf die Leiter zu steigen, wenn nicht um zu fliegen, dann doch, um einen Blick zu wagen hinweg über bestehende Grenzen.

Wer sich die Zeit nimmt, sich einlässt, wird hinein gezogen in die Szenen, in die eigenen Träume, auf sich zurückgeworfen, mahnend, aber sanft. Eine großartige, stille und kraftvolle Inszenierung, die bereichernd für Hameln und die Reisenden war. Und die nachwirkt. Auch noch, wenn der Koffer mit dem wegweisenden Inhalt schon wieder abgegeben ist.



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