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„Auf Position“: NDR und Arte drehen Dokumentarfilm im Museum Bodenwerder / Ein Drehbericht

Fernsehteam rückt Münchhausen ins Licht

Bodenwerder. „Ruhe bitte. Auf Position. Und los.“ Dieter Schroer setzt sich in Bewegung, schreitet durchs Museum, wirft einen kurzen Blick auf das Porträt von Münchhausen und stoppt dann vor dem Fenster, die Kamera fährt mit. Mehrere Male wiederholt er diesen Gang, Kleinigkeiten werden geändert, dann ist Regisseur Kai Christiansen zufrieden.

veröffentlicht am 10.02.2011 um 18:07 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 08:21 Uhr

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Autor:

Karin Beißner
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Nächste Einstellung vor der Vitrine mit den Münchhausenbüchern. Jetzt quetscht sich Kameramann Torben Müller, der eigentlich als Double von Richard Gere vor der Kamera stehen könnte, dicht an die Wand, um von schräg hinten durch die Scheiben der Vitrine mit den Münchhausenbüchern den Akteur Schroer vor die Linse zu bekommen. Bücher werden anders positioniert, das Licht stimmt noch nicht, es blendet. Ein schwarzes Tuch wird über die Linse der Kamera gehängt. Jetzt ist das Mikrofon noch im Bild. Nachdem auch das verschwunden ist, heißt es wieder: „Und los.“ Schroer nimmt Bücher aus der Vitrine.

Ein Aufnahmeteam von NDR und Arte dreht derzeit auch im Museum einen Dokumentarfilm über den Freiherrn von Münchhausen. Schauplätze, an denen er gelebt hat oder die mit seinem Leben zu tun haben, wie Moskau, Riga, London, Kassel, Göttingen und natürlich Bodenwerder sind Teil der Dokumentation und somit Drehorte. Hier lagern in den verschiedenen Archiven auch Originaldokumente, die im Film eine Rolle spielen werden. Nach dem Abdrehen der Szenen nimmt Werner Koch vorsichtig Münchhausens Pistole, seine Meerschaumpfeifen und einen Brief mit seiner Unterschrift aus der Vitrine. Das Team setzt jedes Teil einzeln auf einem Tisch in Szene und nimmt es für die Dokumentation auf. Bis alles nach dem Geschmack des Regisseurs ist, muss ständig wieder etwas geändert werden. Und dann heißt es zum Abschluss wieder: „Ruhe bitte.“ Die Toningenieurin hält das große Mikrofon mitten in den Raum und nimmt die Stille auf. „Auch wenn wir es nicht hören, aber der Raum atmet“, sagt sie zur Begründung.

Dieser Besuch des Fernsehteams kam zustande, weil Dieter Schroer sich gerade in Bodenwerder aufhielt. Der pensionierte Sonderschullehrer aus dem Münsterland ist im Besitz einer umfangreichen Sammlung von Münchhausenbüchern. Vor eineinhalb Jahren besuchte er den Münchhausenforscher Bernhard Wiebel in Wien und dieser hatte die Idee, gemeinsam ein Projekt zu starten. Sämtliche deutschsprachigen Münchhausenbücher werden nun katalogisiert. Wiebel übernimmt dabei die alten wertvollen Ausgaben bis zum Jahr 1850, Schroer beschäftigt sich mit allen folgenden Büchern. Da er seine eigenen 1200 Exemplare bereits digitalisiert hat, macht er nun im Münchhausen-Museum weiter. „Eine Woche hat mir meine Frau freigegeben“, berichtet er, „aber ich werde viel länger brauchen und noch einmal wiederkommen müssen.“ Das bodenwerdersche Archiv umfasst etwa 1000 Bände. Akribisch notiert er alles, was an dem Buch wichtig ist, neben Erscheinungsjahr auch Widmungen und andere Besonderheiten. Der Einband wird anschließend gescannt.

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Wie ist er als Privatmann zu dieser Sammlung gekommen? „1992 war ich mit meinen Söhnen im Harz und machte auf der Rückfahrt in Bodenwerder Halt. In der Sparkasse haben wir uns die Ausstellung „Bilder und Bücher“ über Münchhausen angesehen. Ich habe mir den Katalog zur Ausstellung gekauft und mein ältester Sohn, damals zehn Jahre alt, wollte unbedingt ein Münchhausenbuch haben. Wir haben dann zu zweit zu sammeln begonnen“, erzählt Schroer. Der Sohn verlor bald das Interesse, der Vater aber sammelte weiter, nun schon 20 Jahre lang.

Zu seinem diesjährigen Besuch in Bodenwerder kam Schroer daher auch nicht mit leeren Händen. Er übergab Koch fünf Münchhausenbücher aus seinem Bestand. Mit den Geschichten in Afrikaans, Armenisch und Ukrainisch machte er Koch eine besondere Freude. Sie fehlten dem Museum noch. „Insgesamt haben wir die Münchhausengeschichten nun in 41 Sprachen“, sagt der Museumsleiter erfreut, „aber es fehlen immer noch einige, und wir werden weiter auf der Suche bleiben.“ Wer weiß, vielleicht bringt Schroer bei seinem nächsten Besuch weitere Exemplare mit. Das Museum gefällt ihm, hat er doch dort auch einen alten Bekannten entdeckt. Der letzte Münchhausen-Preisträger Götz Alsmann hat im Folk-Club in Münster in Schroer’s Skiffle-Band gespielt. „Seit Götz uns damals unterstützt hat, stieg unsere musikalische Qualität stetig, und außerdem habe ich ihm eine Zeit lang Nachhilfe in Latein und Mathematik gegeben“, sagt er schmunzelnd.

Nun ist aber vorerst wieder Ruhe ins Museum eingekehrt. Zu weiteren Aufnahmen kommt das Team im April wieder. Ob Bodenwerder dann Neues über den „Lügenbaron“ erfährt, wird an einem Samstagabend auf Arte zu sehen sein, wenn es heißt: „Film ab.“

Torben Müller setzt die Pistole ins rechte Licht (Foto oben). Während der Aufnahmen übergibt Dieter Schroer (links) ein Münchhausenbuch an Museumsleiter Werner Koch.

Dann filmt das Fernsehteam Schroer noch bei seiner Arbeit. Fotos: kb

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