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Feldlerche, Igel und Reh – und Wolf

Er ist wieder da – und nicht alle freuen sich über die Rückkehr des Wolfes, sie weckt alte Ängste. Aber in einigen Jahren, so prophezeien Experten, werde es Wölfe in allen deutschen Bundesländern geben.

veröffentlicht am 02.07.2012 um 11:28 Uhr
aktualisiert am 29.05.2017 um 17:46 Uhr

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Wie eine Schockwelle ging an einem Dezemberabend des Jahres 2007 die Nachricht durch die Nacht – von Naturschützer zu Naturschützer, von Nachrichtenagentur bis Zeitungsredaktion: Es hatte geknallt. Ein Wolf war geschossen worden – in Lüchow-Dannenberg! Der Schock saß tief. Kaum waren – nach fast hundertfünfzig Jahren, nach Jahrhunderten der Verfemung, der geschürten Angst und des Hasses – die ersten Wölfe aus dem sich langsam wieder besiedelnden Ostdeutschland auch auf niedersächsischen Boden gekommen, da wurde bereits die Flinte angelegt.

Dabei hatte alles so verheißungsvoll begonnen: Der Wolf zog seine Fährte zunächst durch Brandenburg, dann durch weitere Bundesländer östlich der Elbe. Schon darin lag eine Sensation: Galt er doch als ausgerotteter großer Beutegreifer, von dem man selbst in Naturschutzkreisen viele Jahrzehnte nur träumen konnte – allenfalls sah man ihn im Zoo, im Wildgehege oder in Nationalparks anderer Länder. Und nun: Der Wolf! In Niedersachsen! Bei uns.

Eine Erfolgsgeschichte – vergleichbar höchstens mit der Rückkehr des Braunbären in Teilen der Alpen, des Seeadlers in einigen Teilen Norddeutschlands und des Wanderfalken. Damit begannen auch die Probleme.

Wird er bald seine Pfote ins Weserbergland setzen? Fotos: rnk

Denn der Wolf wird zwar gern getragen, im Vor- oder Nachnamen, auch Städte schmücken sich gern mit ihm. Aber das Bild, das sich der Mensch von ihm macht, stammt aus dem Märchen: Dort liegt er heimlich am Wegesrand auf Lauer, um die kleine Prinzessin zu fressen, wenn sie vorbeikommt, um ihr krankes und tief im Walde lebendes Großmütterlein mit einer Handvoll Hamburger aufzupeppeln. Allein 80 Seiten im Handbuch des Aberglaubens befassen sich mit dem Wolf.

Nachdem am 16. Juni ein Wolfspaar in eine Fotofalle auf dem niedersächsischen Truppenübungsplatz Munster getappt ist, ist klar: Niedersachsen ist Wolfsland. Heute sind mindestens drei frei lebende Wölfe, von denen berichtet wird, in Niedersachsen unterwegs – wahrscheinlich noch mehr Tiere. Der Truppenübungsplatz Munster ist ein idealer Lebensraum, denn Wölfe haben einen riesigen Revierbedarf. Auch in Lüchow-Dannenberg gab es eine Sichtung, denn im Mai 2011 wurde die Wölfin Zora entdeckt, die aus einem in Sachsen-Anhalt lebenden Wolfsrudel stammt. Eines ist dabei sicher: Der Wolf befindet sich, wie Biologen formulieren, „in steter Westausbreitung“, ursprünglich aus Polen kommend. Erst das Ende der DDR und damit das dortige Bejagungsgebot ließen ihm die Chance, weiter nach Westen zu gelangen.

Mit dem Wolf kommen die Bedenken, die Ängste, kommen die Bilder wieder, die wir in den Köpfen haben.

Der Naturschutzbund dagegen hat Markus Bathen. Er ist Leiter des Nabu-Projektbüros Wolf in der Lausitz und ein anerkannter Experte, wenn nicht sogar der Fachmann für Wölfe. Schon vor elf Jahren hat der Mann, der Forstwirtschaft ebenso studiert hat wie Naturschutz, in der Lausitz das Fressverhalten der Wölfe mituntersucht, heute geht er für den Nabu auf Tour und ist an diesem Wochenende im Wisentgehege Springe, um das zu leisten, was Nabu-Vorsitzender Dr. Holger Buschmann als Kärrnerarbeit bezeichnet hat: Die Öffentlichkeit informieren und aufklären. „Klar“, sagt Bathen, „wenn eine Mutter am Wald wohnt und dort spielen ihre Kinder, dann will sie wissen, wie gefährlich Wölfe sein können. Das ist doch nachvollziehbar.“

Und dass Aufklärung dringend vonnöten ist, zeigt sich nicht zuletzt anhand der zahlreichen Anfragen, die den Nabu-Landesverband Niedersachsen dazu aus der Bevölkerung erreichen. Dass der Mensch eben nicht auf dem Speisezettel des Wolfes, in seinem Nahrungsspektrum, steht, dürfte sich mittlerweile genau so herumgesprochen haben wie die Möglichkeiten, Schafherden zu schützen, etwa durch Herdenschutzhunde oder wolfssichere, mobil aufzustellende Zäune, die Schafsverluste enorm verringern, mancherorts sogar gegen Null bringen können.

Und noch etwas ist sicher: Die Westausbreitung des Wolfes, der bereits in immer mehr Bundesländern aufgetaucht ist, ist noch lange nicht vorbei. Niemand kann heute freilich orakeln, wann er seine Fährte durch welche Landschaft Niedersachsens zieht: In Lüchow-Dannenberg ist er bereits ebenso wie in der Lüneburger Heide, und im niedersächsisch-hessischen Grenzgebiet des Reinhardswaldes war er auch schon – und starb dort an Altersschwäche.

Wird er bald oder in zehn oder zwanzig Jahren auch durch andere Bereiche unseres Bundeslandes streifen, vielleicht seine Pfote ins Ochsenmoor, an die Gestade des Dümmers, in Emsländer Moore oder das Weserbergland setzen? All das erscheint nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich, sagt Wolfsexperte Bathen, „der Wolf wird in einiger Zeit in jedem Bundesland anzutreffen sein.“

Grund genug für den Nabu, diese Entwicklung aufmerksam zu beobachten – und beratend zur Seite zu stehen. „Wir müssen bereits heute Antworten geben können“, sagt Helmut Weiß, der die inzwischen über 70 ehrenamtliche Mitglieder starke NABU-Landesarbeitsgruppe (LAG) Wolf als Sprecher leitet. „Niemand hätte zweierlei für möglich gehalten: dass die Rückkehr des Wolfes so schnell auch nach Niedersachsen erfolgen würde, und dass er auf eine so große, positive Resonanz in der Bevölkerung stößt.“ Auch daraus erklärt er sich den ungeheuren Zulauf zur LAG Wolf, und das „geradezu sprühende Interesse der Ehrenamtler, sich darin einzubringen; bundesweit sind es 220 Wolfsbotschafter“, sagt Bathen, der den Begriff mag: „Wolfsbotschafter, das klingt gut.“

Nabu-Vorsitzender Buschmann sieht es so: „Der Weg ist noch lang für den Wolf. Aber er wird beschritten, wenn er auch manchmal holprig und schwierig sein mag. Wir sind es diesem verfemten Säugetier schuldig, das zu unserer heimischen Tierwelt gehört wie Feldlerche, Igel und Reh. Der Nabu wird diesen Weg gehen. Für den Wolf!“

Die Aktivitäten der Nabu-LAG Wolf sind entsprechend vielfältig: Von Beratung aller Interessenten bis zu spezieller Klientel über Gruppentreffen, Seminaren, dem Wochenend-Workshop bei Markus Bathen bis zu Stellungnahmen. Außerdem hat der Nabu eine bundesweite Informationstournee zur Rückkehr freilebender Wölfe nach Deutschland ins Leben gerufen: die ’Nabu-Tour de Wolf‘. Wie erforscht man die Tiere, die man wegen ihrer großen Vorsicht so gut wie nie zu Gesicht bekommt? Was unterscheidet einen Zoowolf von einem wilden Wolf? Wie viele frei lebende Wölfe gibt es in Deutschland und wo und wie leben sie?

Was sie fressen, ist seit drei Monaten geklärt, erklärt Bathen und verweist auf Senckenberger Wissenschaftler, die die Fressgewohnheiten von Wölfen in den ersten acht Jahre nach ihrem Erscheinen in Deutschland untersucht haben. Die Ergebnisse sind beruhigend: Der Anteil von Nutztieren auf dem Speiseplan liegt bei unter einem Prozent. Wilde Huftiere stellen laut der Auswertung mehr als 96 Prozent der Beutetiere. Dabei dominieren Rehe (55 Prozent), gefolgt von Rotwild (20 Prozent) und Wildschweinen (17 Prozent). Einen eher geringen Anteil am Speiseplan hat der Hase mit knapp drei Prozent. Hermann Ansorge, Abteilungsleiter Zoologie am Senckenberg Forschungsinstitut in Görlitz, gab daher Entwarnung: „Solange Schafe und Co. gut geschützt werden und es genug Auswahl unter den Wildtieren gibt, gehen Wölfe nicht die Gefahr ein, mit Elektrozäunen oder Herdenschutzhunden konfrontiert zu werden.“

Aber nicht nur, was auf der Speisekarte der Wölfe steht, sondern auch wie sich das Fressverhalten über die Jahre hinweg geändert hat, hat man in Görlitz untersucht und einen Wandel in den Fressgewohnheiten festgestellt, der auf Veränderungen der Umweltbedingungen zurückzuführen war. Wölfe passen sich also schnell an und brauchten weniger als zwei Generationen, um sich an die neuen Verhältnisse in der Kulturlandschaft im Osten Deutschlands zu gewöhnen.

Seit der Einführung des gesetzlichen Wolfschutzes 1990 hat es über zehn Jahre gedauert, bis die Wölfe in Deutschland ihr Lager aufschlugen und Welpen in der Muskauer Heide geboren wurden. Aktuell leben in der Lausitz neun Wolfsfamilien mit etwa 34 Jungtieren. „Das Konfliktpotenzial zwischen Mensch und Wolf ist sehr gering“, resümiert Ansorge die Ergebnisse der Studie in einer Pressemitteilung. „Einer Wiederbesiedlung durch die Wölfe sollte nichts im Wege stehen.“

Zurück nach Springe, zurück zu Markus Bathen, für den das Wolfspärchen in der Lüneburger Heide ein Glücksfall ist: „Weil die Paarungszeit im Winter liegt – und nur dann weichen sie sich nicht von der Seite.“ Mit dem Wolfsnachweis in Niedersachsen beweist sich wieder einmal, dass Wölfe ausgesprochene Langstreckenwanderer sind. Studien zeigten, dass sie bis zu 70 Kilometer am Tag zurücklegen und bis zu 1500 Kilometer weit ziehen, um ihr eigenes Rudel zu gründen. Nun da die beiden gemeinsam fotografiert wurden, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass diese die Eltern des ersten Wolfsrudels in Westdeutschland seit der Ausrottung der Wölfe werden. „Bei den beiden handelt es sich wahrscheinlich um zwei alte Bekannte. Der Rüde ist wohl ein Nachkomme aus dem Nochtener Rudel in der sächsischen Lausitz und das Weibchen wurde im Rudel Altengrabow östlich von Magdeburg geboren“, sagt Bathen.

Aber das mit dem Nachwuchs, das kann dauern, wie Bathen weiß: In der Lausitz hatten sie auch ein Pärchen, dass erst ein ganzes Jahr miteinander ging, ehe es sich paarte. Man muss Geduld haben.

Gar nicht glücklich ist der Nabu über eine Kooperationsvereinbarung zum Umgang mit dem Wolf in Niedersachsen, die im November von der Landesjägerschaft Niedersachsen und dem Niedersächsischen Umweltministerium geschlossen wurde. Damit habe man die Zukunft des Wolfes in Niedersachsen in die Hände der Landesjägerschaft gelegt, obwohl es sich um eine streng geschützte Art handelt, die nicht dem Jagd- sondern dem Artenschutzrecht unterliegt. Das Nabu-Urteil fiel hart aus: Fachlich widersinnig, rechtlich äußerst bedenklich – und damit lasse man zudem alle ehrenamtlich im Wolfsschutz Engagierten außen vor. Buschmann unterstrich, dass durch die Zuordnung des Wolfes zur Jägerschaft, das heißt einem Interessenverband, der Wolf in Niedersachsen als natürlich vorkommendes Tier der heimischen Natur nachhaltig Schaden nehmen werde.



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