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Entrümpler hatten in der einstigen Spitzenfabrik drei Monate lang zu tun / Kein Mieter in Sicht

Fast 30 Tonnen Abfall – was von Corvett bleibt

Lügde. Eigentlich muss Sofia Rüb froh sein über jeden Auftrag. Denn die Schrottpreise gingen im letzten Jahr so den Bach ’runter, „dass ich meinen Betrieb schon dichtmachen wollte“, erzählt die 48-Jährige, die ihr Geld mit dem Entrümpeln von verwaisten Häusern und dem Sortieren und Verkaufen vorwiegend von Altmetall verdient.

veröffentlicht am 09.03.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 01.03.2018 um 17:01 Uhr

Endspurt: Sofia Rüb sichtet die letzten Aktenordner im ehemalige
Juliane Lehmann

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Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite

Seit Ende 2009 haben die Pyrmonterin und ihre Helfer im Auftrag des Insolvenzverwalters „Corvett“ entrümpelt. Der Job in den Hallen und Büros des einst international renommierten Dessousspitzen-Herstellers in Lügde war alles andere als ein Vergnügen. Nicht nur, weil er sich über Monate hinzog. Sondern auch, weil Sofia Rüb Leute kennt, die hier gearbeitet haben. „Als wir eine Halle leergeräumt haben, war da eine Frau, die hörte gar nicht wieder auf zu weinen“, erinnert sich die Altmetallhändlerin.

Im Foyer des Flachbaus an der Siemensstraße stand bis zum Schluss noch das flache schwarze Dreiersofa, das früher für wartende Besucher reserviert war. Und auch die olivgrünen Deko-Waben mit ein paar liebevoll drapierten Spitzenmustern darin hingen noch an der Stirnwand. Aber jetzt muss alles raus.

„Wir machen alles besenrein“, erzählt die Entrümplerin, während sie einen Aktenordner nach dem anderen sichtet und beim Blättern entscheidet, welche Art Abfall in welchem ihrer roten Rollwagen zu landen hat. „Da hängen fast überall Stoffmuster drin“, stellt sie fest. „Die dürfen nicht ins Altpapier.“ Für die zarte Wirkware darf die 48-Jährige keinen Blick haben. Denn dann würde sie nie fertig mit diesem Job. Und so landen bisher auf dem Dachboden gebunkerte Uralt-Bestellungen oder Rechnungen mit den hauchfeinen Musterstückchen in einem der Container, der später zur Müllverbrennung fährt. Dabei scheint es, als nähme das Ausmisten kein Ende. Denn immer wieder liefern Rübs Leute neue Kartons und Kisten ins Foyer.

Die unverkäuflichen Überbleibsel aus fast 40 Jahren Spitzenprodu
  • Die unverkäuflichen Überbleibsel aus fast 40 Jahren Spitzenproduktion in Lügde landen jetzt im Container. Drei Monate lang hatten die Entrümpler bei „Corvett“ zu tun.

Auf dem Parkplatz vor dem Haupteingang des grau verblendeten Flachbau-Komplexes mit dem blauen Baldachin davor standen früher die Autos von Geschäftsführung, Kunden und Mitarbeitern. Dann rollte der nachtblaue Jaguar des Insolvenzverwalters an. Jetzt, am Ende, prägen die Container das Bild.

Was aus dem Gebäudekomplex wird, ist derweil noch völlig offen. Das sagt jedenfalls Unternehmensgründer Hans Otto Siekmann, den es an diesem Tag in seine ehemalige Firma gezogen hat. Ansonsten möchte er nichts sagen. Und er findet, jetzt etwas zu schreiben, „bringt doch nichts“. Es sei ohnehin schon zu viel geschrieben worden. Fest stehe aber: „Ich habe immer versucht, so viele Mitarbeiter wie möglich so lange wie möglich in Lohn und Brot zu halten.“

Das bestätigen viele aus seiner ehemaligen Belegschaft. Und doch sind sie dem heute 75-Jährigen, der im Herbst 2008 den Insolvenzantrag für die fast 40 Jahre zuvor von ihm gegründete Firma stellen musste, nicht ausschließlich dankbar. Denn aus ihrer Sicht gebar genau die gute Absicht einen Fehler: „Er hat in den letzten Jahren zu viele Leute beschäftigt“, sagt heute mancher über den einstigen „Spitzenpapst“, der irgendwann den Blick für den Markt verloren habe. „Mit einer kleinen Mannschaft hätten wir bestimmt weiterproduzieren können“, glaubt heute noch mancher. Allerdings schwingt in dieser Sicht eher Kritik in Richtung Insolvenzverwaltung mit. Denn der gelang es nicht, einen Investor für den Betrieb zu finden.

So, wie der Firmengründer sein Lebenswerk in Scherben sieht, haben seine Leute mit ihren Jobs die Existenzgrundlage verloren. „Wer nimmt einen denn noch, wenn man 40, 50 Jahre alt ist und so lange einen so spezialisierten Beruf ausgeübt hat?“, fragt ein Betroffener. Er weiß von nur wenigen, die eine neue Stelle haben. Und die wurschteln sich zumeist als Leiharbeiter durch, für einen Bruchteil des einstigen Lohns. Denn: „Bezahlt hat der Chef immer gut, als der Laden noch rundlief.“

Die, die inzwischen auf Hartz IV sind, werden ihre Abfindung – nach mitunter 20, 30 Jahren bei Corvett – jetzt auch noch auf ihr Arbeitslosengeld II angerechnet bekommen.

Und was bleibt von der ausgeschlachteten Spitzenfabrik, jetzt wo die Insolvenzmasse bald verteilt ist? „Fast 30 Tonnen Abfall“, schätzt Sofia Rüb, die den Gebäudekomplex entrümpelt hat. 17 Tonnen gehen ins Altpapier, elf Tonnen „Wannenmüll“ werden verbrannt.

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