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Leben im Mittelbrink: Bewohner erzählen, was der Siedlung ihren besonderen Reiz verleiht - die Ruhe vor dem Wald

Fahrradtouristen verirren sich kaum einmal hierher

Niedernwöhren (gus). In Schaumburg und Umgebung existieren sie noch, die Oasen beschaulichen Landlebens, die Idealtypen des Idylls. Orte, besser: Siedlungen, ohne Vereine, Parteien und Feuerwehr, ohne Supermarkt, Schule und Arztpraxis. Heute sagen die Bewohner der Siedlung Mittelbrink bei Niedernwöhren, warum es sich trotzdem lohnt, dort zu leben.

veröffentlicht am 04.08.2008 um 00:00 Uhr

Friedhelm Bartels füttert sein Damwild. Die Tiere fressen ihm bu

In Niedernwöhren weist schwarze Schrift auf gelbem Schild den Weg zum Mittelbrink. Nach fast einem Kilometer Fahrt teils durch den Schaumburger Wald keimt der Gedanke auf, dass die Siedlung bereits passiert worden ist. Doch dann öffnet sich eine Lichtung - der Mittelbrink. Willkommen im vielleicht schönsten Fleck des Schaumburger Waldes. Etwa 20 Wohnhäuser bilden den Mittelbrink, schätzt Harald Heine. Ursprünglich seien es zwölf gewesen, als das Gebiet 1768 von Graf Wilhelm zu Schaumburg-Lippe als "Kolonie" gegründet wurde. Verdiente Soldaten wurden dort quasi im Zuge einer Beförderung untergebracht. In jüngerer Zeit sind einige Häuser hinzugekommen. Die ersten Gebäude stehen noch und haben die ursprünglichen Hausnummern behalten. Deshalb folgt nach Hausnummer 9 auch nicht die 10 sondern die 17, dann kommen Nummer 10 und 11, dahinter wieder 19. In den Häusern wohnen keine Soldaten mehr. Doch was für Menschen hat es dann hierher verschlagen? Ganz normale eigentlich. Heine ist im Finanzwesen tätig und betreibt nebenberuflich eine Gaststube im Mittelbrink. Das Kerngeschäft sind Familienfeiern. Radtouristen verirren sich nach Worten des Wirts nurselten in sein Lokal. Auf die Frage hin, was er am Leben im Mittelbrink schätzt, lotst Heine seine Gäste auf die Terrasse hinter der Gaststube. Eine riesige Weidefläche, 5000 Quadratmeter groß, umsäumt vom Schaumburger Wald, füllt den Horizont. "Ich bin hier geboren und hatte das Glück, dass meine Frau Elke zu mir gezogen ist." Er sei froh, dass somit nie zur Diskussion stand, das Idyll zu verlassen. Ein bisschen scheint Heine Stefanie Nolte und Fabienne Peek mit seiner Schwärmerei angesteckt zu haben. Auch die beiden jungen Frauen, die ab und zu in der Gaststätte aushelfen, aber andernorts wohnen, könnten sich vorstellen, später einmal im Mittelbrink zu leben - nach der Berufsfindung, schränkt Nolte ein. Das Berufsleben hat Günter Mienert bereits hinter sich. Der gelernte Elektriker hat vor 20 Jahren das Haus Nummer 11 b gekauft. "Als ich das Inserat in der Zeitung sah, war sofort klar, dass wir hierher ziehen", erinnert er sich. Jetzt genießen Mienert und dessen Ehefrau die Ruhe vor dem Wald, denn keine drei Meter von ihrem Grundstück entfernt beginnt die "Baumzone". Jeden Tag beginnt Mienert, der sich wie Heine als "echten Mittelbrinkler" bezeichnet, mit einem einstündigen Fußmarsch durch den Schaumburger Wald. Mit dabei hat derlizenzierte Jäger seinen Hund. Auf seinem Grundstück kann er nach Herzenslust seinem Hobby - dem Schnitzen - nachgehen. Ruhestörung ist nicht zu befürchten. Frieder Korff ist 1994 in den Mittelbrink gezogen. Seine Frau Doris und er haben sich damit den Traum vom "alten Fachwerkhaus" erfüllt. So eines hätten sie schon immer gern haben wollen. Mitten im Schaumburger Wald fühlt sich Frieder Korff, der als Glaskünstler über die Kreisgrenzen hinaus bekannt ist, keineswegs von der Welt abgeschnitten. Es gebe immerhin einen Naturwarenladen und sogar eine DSL-Leitung. Allerdings genieße er es, nach Reisen in große Städte in den Mittelbrink zurückzukehren. "Hier kann ich meine Gedanken konzentrieren", sagt der Künstler. "Ich brauche die Auseinandersetzung zwischen Kopf und Hand", so Korff. Für diesen Prozess könne er sich keinen besseren Ort als den Mittelbrink vorstellen. Ähnlich geht es Friedhelm Bartels. "Wo soll ich denn sonst wohnen?" fragt er verschmitzt, während er eine alte Milchkanne mit dem Bollerwagen zu seiner Alpaka-Herde zeiht. In der Kanne ist Wasser. Das brauchen die Tiere bei der Hitze, speziell zwei trächtige Weibchen. Auf mehreren Tausend Quadratmetern Weidefläche hält Bartels außerdem eine Herde Damwild. Für dieses Hobby hätte er woanders nicht genügend Platz, sagt er. "Hier ist es auch richtig schön für Kinder. Die können die Tiere streicheln und überall rumtoben." Besonders gern tobe sein Enkel mit dem Damwildhirsch. Ansonsten liebt es auch Bartels ruhig. Wie die übrigen Mittelbrinkler.

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