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Traurig-fröhliche Tanzmusik: "Hora!" spielen am Sonntag jiddische Lieder im Garten Brockmann

Fahrende Musikanten der Herzensmusik

Obernkirchen (rnk). Der russische Komponist Dimitrji Schostakowitsch sagteüber die jüdische Musik: "Jede Volksmusik ist schön, aber von der jüdischen muss ich sagen, sie ist einzigartig!" Gerichtet war dieses große Kompliment an eine Tanzmusik, die fröhlich und traurig zugleich ist. Eine Musik, die von Herzen kommt und zu Herzen geht. Die trotz erfrischendem Schwung, trotz mitreißendem Rhythmus und eingängiger Melodien immer auch die tragischen Seiten des Lebens beleuchtet.

veröffentlicht am 27.02.2009 um 14:21 Uhr

Die Schönheit der jiddischen Sprache, die schillernde Vielfalt d

Susanne Reerink und Martin Rumprecht würden dieses Kompliment sicherlich ausdehnen: auf die jiddische Musik, die ihren Ursprung in Osteuropa hat. Denn die jiddische Sprache entwickelte sich aus dem Mittelhochdeutschen. Im 15. Jahrhundert begannen Juden in großen Zahlen, gezwungen durch Pogromwellen, in den deutschen Ansiedlungsgebieten, nach Polen zu ziehen. In dem von hebräischen Worten durchsetzten Mittelhochdeutsch begannen slawische und romanische Worte aufzutauchen. "Es ist eine Herzensmusik", erklärt Reerink in ihrem Haus in Wennigsen, wo sie mit Rumprecht das Repertoire einübt: "Hora!" nennt sich das Duo nach einem musikalischen Element der Klezmermusik der osteuropäischen Juden. Ursprünglich wurde Klesmermusik von den fahrenden Musikanten gespielt, die von Dorf zu Dorf zogen. Sie erklang und erklingt vor allem auf Hochzeiten, Festen und Feiertagen außerhalb der Synagogen. Und ein bisschen sehen Reerink und Rumprecht sich auch als Nachfahren dieser singenden und fahrenden Musikanten. Sicher, es ist viel von Trauer die Rede in den jiddischen Liedern, vom Leid, das das Volk über Jahrhunderte erfuhr, aber eben auch von der Freude, vom Stolz, von der Ausgelassenheit - und eben von der Liebe, die sich so ganz ohne Worte mitteilen kann, allein über die wunderschönen Melodien. "Wir stellen nicht den politischen Aspekt der jiddischen Musik in den Mittelpunkt, nicht den religiösen Ansatz, sondern nur die Musik", erklären beide. Die Welt der Musik hat Susanne Reerink früh kennen gelernt. 1969 in Frankfurt am Main geboren, wuchs sie mit klassischer Musik, Geige, Klavier und Kinderchor auf. Auf die Bühne ging sie zunächst stumm mit der "Roten Nase", bis die Stimme mit Texten und Liedern aus der jiddischen Kultur ihre Leidenschaft weckte und die Oberhand gewann. Martin Rumprecht ist 1972 in Braunschweig dazu gestoßen und verlebte eine musikalische Jugend mit Gesang, Akkordeon, Klavier und Gitarre. Nach mehrjähriger Bühnenerfahrung als Musiker für Kinder (mit fünf eigenen CD-Produktionen) ließ er sich anstecken von der Liebe - zuerst zu Susanne Reerink und später dann zur jiddischen Musik. Seit 2002 musizieren die beiden gemeinsam durchs Leben. Sofern es nicht regnet, werden Reerink und Rumprecht als "Hora!" am kommenden Sonntag, 26. August, ab 11 Uhr im Garten Brockmann ihre jiddischen Lieder vortragen und werden gut 80 Minuten mit Gitarre, Akkordeon, Geige und Gesang belegen, wie viel Humor, Wortwitz und Pfiffigkeit in eine Musik zu packen ist, die erst das Herz und dann den ganzen Menschen anrührt. Sollte es regnen, wird das Konzert um eine Woche verschoben. Der Eintritt kostet sechs Euro. Beide freuen sich auf das Garten-Konzert: "Im kleinen undüberschaubaren Rahmen ist es besonders schön zu spielen", sagt Reerink. Man ist sich näher, das Konzert ist intensiver. Wohl auch ein Grund, warum die beiden gerne Wohnzimmerkonzerte geben: Fahrende Musikanten, die von einer fast vergessenen Kultur singen und erzählen.

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