weather-image
17°
Über den Alltag von Familien, die minderjährige Flüchtlinge bei sich aufgenommen haben

„Es ist ein Wagnis“

Hameln. Unbegleitete Flüchtlinge, so heißen die jugendlichen Migranten, die ohne Eltern und damit ohne gesetzlichen Vormund nach Deutschland einreisen. Einer von ihnen ist der 17-jährige Amal. Der junge Afghane ist bei einer Hamelner Familie untergekommen. Wie der Alltag für solche Familien aussieht, haben sie uns geschildert.

veröffentlicht am 29.01.2016 um 18:04 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:06 Uhr

270_008_7827159_hm203_Fluechtlinge_dpa_3001.jpg
Dorothee Balzereit

Autor

Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Ziemlich leer findet Amal* es in dem kleinen Dorf bei Hameln, in dem er seit einiger Zeit lebt. „Wo sind all die Leute“, fragt er dann seine Pflegemutter Margret Harting*. Amal nennt sie Mama, ihren Ehemann Rolf Harting* Papa. Für den 17-jährigen Afghanen ist vieles fremd, doch er will in Deutschland ankommen, auf allen Ebenen. Er lernt fleißig Deutsch in einer Sprachlernklasse, spielt Fußball im Verein und will später mal Koch werden. Die Verbindung zu seiner Familie hat er gekappt.

Margret und Rolf Harting haben nicht lange gezögert, als der Landkreis im November Vormünder und Pflegeeltern für die unbegleitete Minderjährige suchte. Für Margret Harting waren die Bilder von kleinen Kindern auf der Flucht, die bei Erstürmung eines Zuges eingequetscht wurden, „ein Schlüsselerlebnis“. Gemeinsam mit ihrem Mann entschied sie, zwei Minderjährige aufzunehmen. „Wir haben Platz, Zeit, und wir waren uns schnell einig“, sagt sie. Mit den beiden jungen Männern, die einzogen, hatte das Paar nicht gerechnet.

Der zweite Sohn auf Zeit, der zusammen mit Amal im Hause Harting ankam, wohnt inzwischen nicht mehr dort. Es hat nicht funktioniert. Zu sehr sei der 16-Jährige in hierarchischer Tradition verhaftet gewesen, sagt die 46-Jährige. Der Junge, von dem sie annimmt, dass er aus guter Familie stammt, habe den Westen komplett abgelehnt. Gekommen sei er, weil er vollkommen falsche Vorstellungen von Deutschland hatte, vermutet sie. Behar habe eine hohe Erwartungshaltung gehabt, wollte weder Deutsch lernen, noch zur Schule gehen oder sich Gedanken um eine Ausbildung machen. Der Vater, mit dem Behar per Skype Kontakt hatte, sei sehr streng gewesen, die Mutter still, sagt Margret Harting. Nur einmal sei sie Behar näher gekommen, da habe er geweint wie ein hilfloses Kind. Die Hartings haben sich durch das Erlebnis mit Behar nicht abschrecken lassen, sie würden noch einen minderjährigen Flüchtling aufnehmen, sagen sie.

„Es ist ein Wagnis“, sagt Andreas Kopp, Leiter des Hamelner Jugendamtes, „und ich finde es super, dass sich Familien auf darauf einlassen.“ Kopp weiß aus langjähriger Erfahrung, wie viel schiefgehen kann, wenn eine Familie ein Pflegekind aufnimmt. Handelt es sich um einen unbegleiteten minderjährigen Flüchtling, kommen die Sprachbarriere und die fremde Kultur, auf die sich beide Seiten einlassen müssen, hinzu. Darüber hinaus ist das Jugendamt derzeit kaum in der Lage, so zu verfahren, wie gewohnt. Ein langer Vorlauf mit aufwendigem Abchecken der Familienverhältnisse oder Schulung der Pflegeeltern ist nicht immer leistbar, man ist froh, wenn man überhaupt Familien findet. Natürlich werde auch geschaut, ob es passt, die Mitarbeiter des Jugendamtes tun was sie können, doch manchmal bleibt für die langen bürokratischen Wege einfach keine Zeit.

Vieles läuft derzeit auf Improvisationsebene. Die Ämter in den Kommunen sind heillos überlastet. Das fängt bei den Verhandlungen mit den Krankenkassen über die Chipkarte für Flüchtlinge an und hört bei der Registrierung auf. So wurden beispielsweise die Daten von Jugendlichen, die bereits registriert waren, wieder gelöscht, weil es von Landesebene die Vorgabe kam, es müsse erst ein Vormund für diesen Vorgang gesucht werden. „Wir wissen nicht, was morgen ist“, sagt Amtsleiter Kopp. Viele Entscheidungen, darunter auch Gesetzesgrundlagen, seien nach kurzer Zeit wieder hinfällig, „das ist für eine Behörde nicht leicht zu schultern.“

Auch für die Albrechts ist es manchmal frustrierend, wenn nichts vorangeht. Gesa und ihr Mann Kai haben ebenfalls einen minderjährigen Flüchtling aufgenommen. Auch er war nicht registriert. Für das Paar, das im sozialen Bereich einer Behörde tätig ist, ist es nicht unbedingt neu, aber durchaus frustrierend, die Bürokratie aus Sicht des Wollenden zu erleben.

Eine gute Erfahrung sei es, wie viele Leute ein Auge zudrückten, kulant seien, Dinge möglich machten, sagt Kai Albrecht. Der Alltag mit dem 16-jährigen Amar sei bereichernd. Abgesehen davon, dass Kai nun endlich jemanden hat, der seine Vorliebe für die Playstation teilt, wird viel erklärt und diskutiert im Hause Albrecht. Auch über Köln. Amar hat mitdemonstriert in Hameln, um zu zeigen, wie sehr ihn aufregt, was da passiert ist. Er hat Angst, dass viele Deutsche über solche Vorfälle sagen: „Seht ihr, wir hatten recht, das habt ihr nun davon“. Aber nicht alle sind so, sagt Amar, wir wollen vor allem arbeiten. Er selbst möchte Mechaniker werden.

Die kritische Haltung vieler Bürger gegenüber Flüchtlingen hat Kai Albrecht im privaten Umfeld durchaus schon zu spüren bekommen. Im Verein zum Beispiel. „Da kippt die Diskussion ganz schnell ins Negative“, sagt der 39-Jährige. Meist seien es Leute, die keine Berührungspunkte mit Flüchtlingen hätten. Andere sagen: „Wir haben auch schon darüber nachgedacht, jemanden aufzunehmen“. Das tue dann wieder gut. Denn für das Paar ist es wichtig einen Anstoß zu geben, mit gutem Beispiel voranzugehen. Erstaunt haben beide die Ängste ihrer Mütter: Ob sie nicht fürchten, dass ihr Heim Ziel eines Anschlags werden könnte, hätten sie gefragt. „Daran habe ich nie gedacht“, sagt Kai. Die Hartings schon. Sie haben die Versicherungssumme für ihr Haus hochgesetzt, weil sie wissen, dass es im Dorf auch ausländerfeindliche Menschen gibt. „Allerdings stehen 75 Prozent der Dorfgemeinschaft stehen hinter uns, sagt Margret Harting kämpferisch.

* Alle Namen wurden von der Redaktion geändert.

Wer einen unbegleiteten minderjährigen Flüchtling aufnehmen möchte oder eine Vormundschaft übernehmen will, kann sich beim Landkreis bei Anette Wehrmann, Tel. 05151/9033421 melden. Interessierte werden auf ihrem Weg auf vielfältige Weise begleitet und unterstützt.

Fakten: Minderjährige Flüchtlinge

Derzeit leben rund 67 000 unbegleitete Minderjährige in Deutschland, im Oktober waren es rund 42 000. Aufgeteilt wird nach dem Königssteiner Schlüssel: Danach bekommt Niedersachsen 10 Prozent der jungen Flüchtlinge. Davon wiederum entfallen zwei Prozent auf den Landkreis Hameln-Pyrmont. Derzeit befinden sich 120 Minderjährige in Obhut: Rund 80 davon sind in der Erstaufnahmeeinrichtung der Linsingen-Kaserne untergebracht, 37 befanden sich bereits vor der „Grenzöffnung“ in Jugendhilfeeinrichtungen im Landkreis. Sieben Jugendliche haben Gastfamilien gefunden.

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare