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Erstauflage der „Heimatgrüße aus der Grafschaft Schaumburg“ vor 100 Jahren

„Es ist aber in unseren Dörfern sehr still geworden“

Grüße aus der lieben, teuren Schaumburger Heimat will dieses Blatt Euch bringen“, kündigte Schriftleiter Velbinger in der Startausgabe einer im März 1915 neu aufgelegten Info-Schrift an. „Denn diese Heimat liebt Ihr, an dieser Heimat hängt Ihr, für diese Heimat kämpft Ihr und, wenn es sein muss, für diese Heimat sterbt Ihr“. Adressaten der monatlich erscheinenden Hefte waren die in Belgien, Frankreich und Russland kämpfenden Soldaten. Der seit August 1914 tobende Erste Weltkrieg war grausamer und verlustreicher, als dies vom kaiserlichen Generalstab vollmundig vorausgesagt worden war. Der anfangs schnelle Vormarsch war ins Stocken geraten. Statt Sieges- und Erfolgsmeldungen bekamen die Angehörigen zu Hause immer öfter Todes- und Vermisstenanzeigen zu lesen.

veröffentlicht am 28.03.2015 um 00:00 Uhr

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Die zunehmenden Schreckensmeldungen lösten zahlreiche Solidaritäts- und Unterstützungsinitiativen aus. Besonders willkommen an der Front waren Nachrichten aus der Heimat. Das brachte die Kirchengemeinden im damals preußischen Kreis Rinteln auf die Idee, einen regelmäßigen Briefpostdienst einzurichten. Die Beiträge für die monatlich unter der Überschrift „Heimatgrüße aus der Grafschaft Schaumburg“ zusammengestellten und abgeschickten Hefte brachten die Ortspastoren zu Papier. Auf diese Weise wurden die in der Fremde kämpfenden Väter, Söhne und Brüder das Neueste aus ihren Gemeinden gewahr. Als offizieller Herausgeber trat der „Presse-Ausschuß des Diözesanvereins für Innere Mission“ in Erscheinung. Um die Zusammenstellung der Einzelberichte kümmerte sich Pfarrer Velbinger aus Kathrinhagen. Den Druck besorgte C. Bösendahl jun. in Rinteln, der auch die Schaumburger Zeitung herausgab.

Die über vier Jahre hinweg jeden Monat auf bis zu elf Seiten festgehaltenen und – je nach Einstellung, Mitteilungsbedürfnis und Schreibtalent der Ortsgeistlichen – sehr unterschiedlichen Schilderungen dürfen als wichtige, hochinteressante und bis heute weitgehend unbekannte Fundgrube für heimat- und regionalgeschichtlich interessierte Zeitgenossen gelten (siehe Quellenhinweis). Sie können an dieser Stelle naturgemäß nur ansatz- und auszugsweise vorgestellt und wiedergegeben werden.

„Möchte die Ostersonne Licht, Friede und Hoffnung in die Herzen geben, vor allem in die Herzen derer, die um teure Gefallene weinen“, beginnt Pastor Bührmann aus Exten seinen im März 1915 abgefassten und in Heft 1 abgedruckten Bericht. „Auch in unserem Kirchspiel hat der Krieg viele Opfer gefordert. Am Mittwoch, den 3. März, waren wir wieder zu einer Gedächtnisfeier in unserem Gotteshause zusammengekommen. Gefallen sind aus Exten: Heinrich Semel, Franz Kütemann, Wilhelm Fuhrmann, Fritz Hasper, Wilhelm Entorf, Heinrich Schulz, Bruno Schade; aus Strücken: Heinrich Redeker, Wilhelm Heidmann; aus Krankenhagen: Fritz Kehmeier, Heinrich Rehmert, Hermann Klemme, Hermann Kampmeier, Friedrich Frevert; aus Friedrichshöhe: Heinrich Kreie; aus Uchtdorf: Fritz Winter, Heinrich Drewes, Hermann Wehrhahn, August Hasper, Heinrich Hoppe; aus Rott: Wilhelm Petri; aus Bremke: Hermann Asmus. Den tapferen Helden ein ehrendes Andenken! … In unseren Gemeinden geht alles seinen gewohnten Gang. Trotz des Krieges hat jeder Arbeit und Verdienst. Ihr braucht Euch also um die Lieben daheim keine Sorgen zu machen. Für Euch werden Strümpfe usw. fleißig gestrickt. In Exten kommen an jedem Montag und Donnerstag Abend die Frauen und Jungfrauen bei Heinrich Rohe zusammen; es wird emsig gearbeitet, und mancher innige Wunsch und freundlicher Gruß wird in die Gaben hineingestrickt. Wie es in Exten ist, so auch in den anderen Gemeinden: viele fleißige Hände regen sich für die Lieben in der Ferne“.

Pfarrer Tewaag aus Hohenrode beschreibt die Stimmungslage und das Geschehen in seinem Kirchspiel vor hundert Jahren so: Es ist aber in unseren Dörfern sehr still geworden, seit dem so viel Mannschaft ausgezogen ist, und man beim Gottesdienst auf den Priechen nur noch die ganz Jungen und Alten sieht. Doch ist keine Not da und keine Angst, unsere Seele ist stille zu Gott, der uns hilft und wir hoffen von ganzem Herzen, dass seine Hilfe bald übermächtig wird und wir einen Sieg bekommen werden, der den Frieden in sich trägt. Nur dass wir Sorge haben um Einzelne, die vermisst gemeldet sind oder von denen schon lange keine Nachricht mehr gekommen ist: So Fr. Brinkmann, Gelhaus und W. Schwitzer von hier, M. Bünte aus dem Knickkrug, der von Beginn des Krieges an nicht mehr geschrieben, und August Hoppe aus Friedrichswald. Gott möge den bekümmerten Angehörigen bald Gewissheit schenken! (…) Sonst ist von hier nicht viel zu melden. Wir haben bisher einen milden Winter gehabt mit viel Regen und viel Wasser, das uns allerdings nicht so lästig gewesen wie Euch in den Schützengräben. Aber dem Winterkorn hat das Wetter wohlgetan; es ist bis jetzt ohne allen Schaden geblieben und steht frisch und völlig dar.“

Auch mehrere andere Ortsgeistliche wiesen auf die große Zahl der „im Felde stehenden“ Gemeindemitglieder hin. In Obernkirchen waren laut Pastor Fischer bis Ende 1915 „360 Mann zu den Fahnen eingezogen; von den haben, soweit sicher festgestellt, bis jetzt 27 den Heldentod für das Vaterland erlitten (gegenüber 2 von 1870/71)“. Ein ähnlicher Vergleich taucht auch im Beitrag von Pfarrer Heermann aus Fischbeck auf. „Aus unserm Kirchspiele sind nach der von mir geführten Liste insgesamt 206 Mann zu den Waffen berufen. Nach den in der Kirche angebrachten Gedächtnistafeln nahmen an den (napoleonischen) Freiheitskriegen 22 und am Feldzuge 1870/71 insgesamt 51 Männer aus unserm Kirchspiel teil.“ Von den während der letzten Monate eingezogenen 206 Mann seien „bisher 19 gefallen, 21 verwundet und 7 gefangen“.

Mit zunehmender Kriegsdauer wurde die Tonlage in den Berichten deutlich nachdenklicher und gedrückter. „Die Erde ist zu einem großen Gräberfeld geworden, der Tod zu einer furchtbaren alltäglichen Erscheinung“ schlug Pastor Werner aus Hessisch Oldendorf 1916, also zwei Jahre nach der Mobilmachung, pessimistische Töne an. Und auch Pfarrer Wendebourg, Seelsorger der lutherischen Kirchengemeinde Rinteln, ahnte offenbar nichts Gutes. „Alle Welt fühlt es: jetzt kommt der Schlussakt des Dramas“, heißt es in einem von ihm Anfang 1918 abgefassten Beitrag.

Eine ganz andere Einstellung zu Krieg und Kampfgeschehen hatte offenbar Schriftleiter Velbinger. Der als stramm nationalkonservativ geltende Geistliche aus Kathrinhagen sah den Fremdeinsatz seiner jungen Mitbewohner von Anfang an als eine Art „Bildungsabenteuer“: „Ihr lieben Freunde im Osten und Westen, an der Nordsee und in den Karpaten! Ja, wie weit kommt Ihr doch jetzt in der Welt herum! Wer hätte je gedacht, dass Ihr Söhne unseres stillen Dorfes noch mal ein so großes Stück Welt zu sehen bekämet!“ Und auch noch kurz vor dem von den Gegnern erzwungenen Waffenstillstand am 11. November 1918 ließ er keine Zweifel am Endsieg erkennen. In dem gerade einmal drei Monate zuvor erschienenen August-„Heimatgruß“ fasste er seine ungebrochene Zuversicht als „Unsere Losung für das neue Kriegsjahr“ in Reimen zusammen:

„Hindurch, hindurch mit Freuden Das soll die Losung sein!

Hindurch durch alle Leiden Durch Kreuz und Not und Pein!

Hindurch, hindurch mit Freuden Mit Gottes Helm und Sieg

Durch Leiden und durch Streiten In seinem heiligen Krieg!

Hindurch! Hindurch mit Freuden Selbst durch des Todes Nacht

Hindurch die letzten Leiden, Bis dass es heißt: „Vollbracht.“

Quellenhinweis: Eine komplette Sammlung der insgesamt 44 zwischen März 1915 und Oktober 1918 erschienenen „Heimatgrüße aus der Grafschaft Schaumburg“ ist im Staatsarchiv Bückeburg auf Mikrofiche einsehbar. Die Einzelseiten können an Ort und Stelle ausgedruckt werden. Übrigens: Eine ähnlich aufgemachte Serienbrieffolge („Schaumburger Heimatbriefe“) ist während des Zweiten Weltkriegs von der NSDAP-Kreisleitung Rinteln unter Federführung von Kreispresseamtsleiter Reinhold Börner auf den Weg gebracht worden. Auch diese, von November 1939 bis Dezember 1944 erschienenen Ausgaben werden im Staatsarchiv aufbewahrt.



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