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Es grünt die Heide

Das Leben ist ein Jammertal. Diese nicht ganz neue Erkenntnis hat ihn mal wieder letzte Woche wie ein Blitzschlag getroffen: Arbeit ist blöd, arbeiten eh, Fernsehen ist nur noch für Gehirnamputierte erträglich, und die ganzen komischen „E’s“ in der Nahrung vermitteln auch kein besseres Lebensgefühl. Selbst der Fernsehsessel, dessen spezifische körperangepasste Ausformung vieler Jahre bedurfte, bietet keinen sicheren Rückzugsort mehr, da das holde Weib einen einfach nicht in Ruhe lassen kann.

veröffentlicht am 04.07.2009 um 07:41 Uhr

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Autor:

Gabriele Schmedesund Jens Tippel

Der letzte frauenfreie Ort im Haus, die männliche Höhle, oder besser gesagt „Die Werkstatt“, gibt einem zwar kurzfristig ein gutes Gefühl, doch das hält nicht lange vor. Es ist alles gebaut und repariert, die Werkzeuge hängen fein säuberlich an ihrem genau definierten Platz und die letzte Inventarisierung des Bestandes ist auch noch nicht lange her. Was nun, was um Gottes Willen nun???

Ob dieses unerträglichen Zustandes versinkt er in einen tiefen Erschöpfungsschlaf. Nach einer geraumen Weile entspannen sich seine Gesichtszüge, ein seliges Lächeln hebt die nach unten gezogenen Mundwinkel wieder an die richtige Stelle. Ein Traum hat von ihm Besitz ergriffen: Urlaub 1987, Spätsommer, Lüneburger Heide. Damals, als die Welt noch jung war, die Kraft noch reichte, um zumindest gedanklich drei Bäume täglich auszureißen und der Lammrückenbraten noch nach gewürzter Heidelandschaft geschmeckt hat. Und eben diese Landschaft! Ein einziges großes Gemälde. Überall kleine Hermann-Löns-Gedächtnisstätten, ach war das schön!

Plötzlich verfinstern sich seine Gesichtszüge, denn richtig, damals fing ja auch das Unglück an. Die Idee, diese Schnapsidee. Die Idee, dieses Stück Paradies nach Hause zu transportieren und im eigenen Garten die Heide wieder auferstehen zu lassen. Der Anfang war beglückend, und damals hat das Gärtnern auch noch Spaß gemacht. Die ersten Gänge ins Gartencenter, der Kombi danach immer voll bepackt mit Sommer- und Winterheide, Blaubeeren und Bärenfellgräsern. Dann die großen Pflanzen, die angeliefert wurden: Die Trauerbirke und die drei Raketenwacholder. Und zu guter Letzt als Krönung die Lieferung eines ganzen Lkws voller Findlinge vom Natursteinhändler. Eine schweißtreibende Arbeit, dessen Ergebnis den Heidedichter Löns stolz gemacht hätte.

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Farbige Teppiche aus verschiedenen Heidesorten, unterbrochen von
  • Farbige Teppiche aus verschiedenen Heidesorten, unterbrochen von filigranen Gräsern und säulenförmigen Wacholdern, prägen das Bild eines gelungenen Heidegartens. Foto: PdM

Auch die Nachbarn kamen aus dem Staunen nicht mehr raus. Danach entstanden eine Menge Heidegärten in der Nähe. Bei diesem Traumgedanken entspannen sich seine Gesichtszüge wieder etwas, ist doch „mitgegangen gleich mitgehangen“.

Leider entwickelte sich das, was anfänglich noch nach ganz großer Gartenkunst aussah, innerhalb weniger Jahre zu einem Desaster. Die Heidegewächse sind schon viermal ausgetauscht worden, weil sie trotz Schnittes immer wieder zu hoch wurden und von unten hässlich aufkahlten. Die Bärenfellgräser flatschern vor sich hin, die äußersten Spitzen haben dieses schöne satte Grün, während sie von der Mitte her ein gar nicht dezentes Braun aufzeigen. Über die Raketenwacholder zu schreiben, verbietet sich schon fast. Nur so viel: Sie heißen Ariane eins bis drei, und der Garten wurde bereits mit dem Weltraumbahnhof Baikonur verwechselt. Dies alles macht sehr, sehr traurig. Immerhin gut, dass die Birke auch so aussieht und ihrem Namen Ehre macht.

Seine Gesichtszüge verkrampfen sich bei diesen Traumerinnerungen, ein Knirschen und Malmen der Backenzähne ist fast akustisch vernehmbar. Doch da, ganz unerwartet glättet sich die Miene, ein freudiger Gedanke muss sich in diesen Albtraum, der der Realität doch so nahe kommt, geschlichen haben.

Es ist der Gedanke, dass bald alles besser wird. Der Antrag auf eine Genehmigung zum landwirtschaftlichen Nebenbetrieb läuft bereits. Ist dieser von der Behördenmühle ordentlich gemahlen und positiv beschieden worden, dann folgt der nächste Schritt: Zurück zur Natur! Denn das EU-Formular zur Stilllegung landwirtschaftlicher Flächen liegt schon ausgefüllt im Schreibtisch, und in diesen harten Zeiten auch noch Geld mit seinem Garten zu verdienen, das muss einem erst mal einer nachmachen.

Urplötzlich schiebt sich ein Misston in diese Gedankenwelt, eine krächzende Stimme wischt diesen doch noch gut endenden Traum beiseite: „Du kannst doch nicht den ganzen Tag im Sessel liegen. Vergiss nicht die Eriken zu schneiden, das hast Du mir doch versprochen!!!“

Das Leben ist ein Jammertal.

PS: Liebe Leserin, lieber Leser, sollten Sie zufälligerweise glückliche Besitzer eines tollen Heidegartens sein, dann freuen wir uns mit Ihnen! Senden sie uns Bilder per Email an: jtippel@web.de.



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