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Zum 60. Geburtstag hat der Sozialverband so viele Gäste, dass im Auetal gefeiert werden muss

"Es geht nicht um das Recht des Stärkeren"

Obernkirchen (rnk). Milliardengewinne auf der einen Seite, eine wachsende Armut andererseits - Helmut Laux, Kreisverbandsvorsitzender des Sozialverband Deutschland, hatte neben den obligatorischen Glückwünschen zum 60. Geburtstag des Ortsverbandes Obernkirchen noch etwas mehr mitgebracht: deutliche Worte zur gesellschaftlichen Großwetterlage. Hochkonjunktur beim Export, steigende Einnahmen der Großkonzerne, anziehende Preise in allen Bereichen - von den Lebensmitteln und Bus und Bahn bis zu Gas- und Strom: "Nur die Löhne und Renten steigen nicht." Wenn man heute auf einem Lohnstandard von 1988 sei, so betonte Laux, "haben wir es bald geschafft, die Armut in unserem Lande noch höher zu treiben." Die wachsende Zahl der Besucher der "Tafeln" beweise täglich, dass die Armut steige - "besonders immer mehr Kinder sind davon betroffen." Laux hatte in diesem Zusammenhang mal eine Frage: "Wo bleibt hier die soziale Gerechtigkeit, mit der sich Politiker gerne schmücken?" Daher bedeute dies für den Sozialverband, dass man in Zukunft noch stärker für die sozial Schwachen kämpfe müsse. Und die Politiker, so endete Laux, würden sicherlich alle in den Himmel kommen - für ihre Freundlichkeit. Möglich aber, dass sie von dort an einen anderen, tiefer gelegenen Ort geschickt würden - wegen ihrer Übertreibungen.

veröffentlicht am 05.11.2007 um 00:00 Uhr

Rosemarie Fichtner

Gefeiert wurde das 60-jährige Jubiläum des Ortsverbandes im Auetal: Der Zuspruch nach Verschicken der Einladungen war so groß gewesen, dass wegen der größeren Räumlichkeiten in die "Süße Mutter" gewechselt werden musste. Das sei doch auch ein schönes Indiz für die Anerkennung, hatte Bürgermeister Oliver Schäfer richtig interpretiert. Schäfer umriss kurz die heutigen Aufgaben des Sozialverbandes: Im Bereich der gesellschaftlichen Solidarität und der sozialen Gerechtigkeit dafür Sorge zu tragen, dass Menschen ein Recht auf ein Leben in Würde bei freier Entfaltung der Persönlichkeite hätten - unabhängig von Alter, Geschlecht, Behinderung, Krankheit oder sozialen Status. Der Sozialverband mache auf soziale Missstände aufmerksam und nehme Einfluss auf die Sozial- und Wirtschaftspolitik, um so die Ursachen von Benachteiligung und Ungleichheit aus der Welt zu schaffen. Schäfer: "All das, was der Sozialverband und der Ortsverband Obernkirchen bewirkt haben, das verdankt sich ganz vornehmlich vielen ehrenamtlich tätigen Frauen und Männern. Sie knüpfen die Netze, sie betreuen die Mitglieder, sie organisieren die Kampagnen, sie bereiten die Veranstaltungen vor. Sie sorgen dafür, dass ein Mitglied mit einer Frage oder einem Problem eine Antwort bekommt, sie geben einem großen Räderwerk ein menschliches Gesicht." Schäfer wusste durchaus, wovon er hier sprach: Er ist Mitglied im Ortsverband. Das ist auch Sebastian Edathy, allerdings in Nienburg: Seit 11 Jahren gehöre er dem Sozialverband an, erklärt der SPD-Bundestagsabgeordnete. Edathy verwies auf zwei bedeutende Entscheidungen der deutschen Nachkriegsgeschichte, bei denen der Sozialverband entscheidend beigetragen habe: bei der Koppelung der Renten an die Löhne und der Gleichbehandlung der Behinderten. Denn die soziale Gerechtigkeit brauche Menschen, die sie vertreten - in der reinen Marktwirtschaft würde sie sich ohne Fürsprecher nicht halten können. Edathy brachte es auf eine griffige Formel: "Es geht um die Stärkung des Rechts, nicht um das Recht des Stärkeren." Obernkirchens Sozialverband-Vorsitzende Rosemarie Fichtner, die mit ihren Vorstandskollegen und Helfern im voll besetzten Saal der "Süßen Mutter" jeden einzelnen Besucher auf dem Samtkissen der Gastfreundschaft durch die Veranstaltung trug, würdigte in einem kurzen Referat die Arbeit der Gründungsmitglieder. Die Gründungsversammlung des Ortsverbandes Obernkirchen fand am 10. September 1947 im Ratskellersaal statt. Denn seitAnfang 1946 waren insgesamt 2200 Vertriebene überwiegend aus Schlesien nach Obernkirchen gekommen - es fehlten Wohnraum, Heizmaterial, Kleidung und vor allem Nahrungsmittel. Da die Gründungsmitglieder ihre Arbeit außerordentlich sorgfältig dokumentiert haben, konnte Fichtner berichten, dass sich die Probleme über die Jahre hinweg sich zumindest recht ähnlich waren: Schon 1952 wurde in einem Protokoll auf die gestiegenen Lebenshaltungskosten, die in keinem Einklang zu den Rentenbezügen stehen würden, verwiesen. Dass der Ortsverband gute Arbeit leiste, habe sich bei der Bundestagung gezeigt, erklärte Ursula Pöhler für den Landesverband: Schließlich sei Obernkirchen ausgezeichnet worden. Einen dritten Preis im Rahmen der Kampagne "Gut tut gut" gab es für die Zusammenarbeit von Jung und Alt: Die Computer im Jugendzentrum wurden mit Spenden von Senioren modernisiert, im Gegenzug nutzen Senioren die Räume für ihre Computerkurse. Dieter Schmidt und Horst Reiter wurden jüngst in Berlin dafür geehrt.

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