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Jörg Unkair – erster und bekanntester Baumeister der heimischen Weserrenaissance

Es begann in Stadthagen

Sie hatten keinen Bagger, keine Betonmischmaschine und keinen Computer – trotzdem haben die mittelalterlichen Baumeister architektonische Glanzleistungen vollbracht, angesichts derer sich die Erzeugnisse vieler heutiger Architekten wie phantasielose Fließbandprodukte ausnehmen. Einer der kreativsten seiner Zunft war der im 16. Jahrhundert hierzulande tätige Jörg Unkair.

veröffentlicht am 15.06.2013 um 00:00 Uhr

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Als der gelernte Steinmetz 1553, also vor 460 Jahren, starb, hatten sich Gesicht und Aussehen der hiesigen Region nachhaltig verändert. Vielerorts waren prachtvolle Gebäude hochgezogen worden. „Meister Jürgen von Tübingen“, wie Unkair wegen seiner Herkunft in alten Rechnungsbüchern bezeichnet wurde, hatte die so genannte „Weserrenaissance“ nach Schaumburg gebracht und über das hiesige Territorium hinaus populär und bekannt gemacht.

Sein Startdebut gab der bis dato weitgehend unbekannte Meister 1534 in Stadthagen, damals Residenz und Machtzentrum des heimischen Grafengeschlechts. Der kurz zuvor auf den Thron gestiegene Adolf X. war bei einem Besuch in Paderborn auf den jungen Mann aus dem Schwäbischen aufmerksam geworden. Unkair bekam den Auftrag, einen neuen, vorzeigbaren Regierungssitz zu entwerfen.

Der ging die Sache mit Präzision, Umsicht und Kühnheit an. Die bis dato genutzte Wasserburg wurde – mit Ausnahme des bis heute erhalten gebliebenen Torhauses – abgerissen und durch eine weitläufige, vierflügelige Schlossanlage ersetzt. Aus dem geplanten Einzug des Bauherrn Adolf in die neue Bleibe wurde allerdings nichts. Der Graf wurde zum Erzbischof von Köln ernannt und verlegte seinen Wohnsitz an den Rhein. Statt seiner zog 1544 sein jüngerer Bruder und Nachfolger Otto IV. in den kurz zuvor fertig gewordenen Prachtbau ein.

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Art und Umfang der während der zehnjährigen Bauzeit geleisteten planerischen, handwerklichen und logistischen Leistungen sind aus heutiger Sicht kaum nachvollziehbar. Nahezu alle Arbeiten mussten von Hand erledigt werden. Bei großen Lasten und Materialtransporten halfen Ochsen und Pferde. Wichtigste technische Hilfsmittel waren Leitern, Seilrollen und Tretrad-Kräne.

Unkair soll sich das Knowhow für den Stadthagen-Job auf diversen Kirchen-Großbaustellen angeeignet haben. So gibt es Hinweise, dass er eine Zeit lang am Straßburger Münster im Einsatz war. Zu seinen wichtigsten Aufgaben als Planungschef gehörten Auswahl und Einkauf des Baumaterials und der für Bau und künstlerische Bearbeitung geeigneten Steine. Überliefert ist, dass er regelmäßig mit seinem Maulesel in den Obernkirchener Sandsteinbrüchen unterwegs war.

Nach Einschätzung der Fachleute wurde Unkair auf der Stadthäger Baustelle bis zum Schluss gebraucht und hat dort auch während der zehnjährigen Bauphase gehaust und gelebt. Wie in den mittelalterlichen Dombauhütten üblich, dürfte er dabei eine Schar von Lehrgesellen und Spezialisten um sich gehabt haben. Einzelheiten sind nicht bekannt. Gegen Ende des Schloss-Projekts sollen Unkair und/oder seine Mitstreiter bei anderen, in der näheren und/oder weiteren Umgebung geplanten Projekten eingestiegen sein. Dafür spricht auch die Tatsache, dass das Gros der anschließend in der hiesigen Region hochgezogenen Vorhaben unverkennbar die „Handschrift“ des Meisters aus Tübingen trägt. Als besonders charakteristische Ausdrucksformen Unkairs gelten „welsche Giebel“ (treppenförmige Giebel mit Halbkreisaufsatz), „Utluchten“ (erkerartige Vorbauten), Fächerrosetten (Halbkreise mit Fächerornamenten), Zwerchhäuser (kleine Dachaufbauten) und Treppentürme mit schrägen Fenstern. Wohlhabende Interessenten und Liebhaber der neuen Architekturrichtung gab es genug. Als Auftraggeber traten vor allem Landesherren, auf Repräsentation bedachte adlige Großgrundbesitzer und zunehmend auch Städte und selbstbewusste Kaufmannsfamilien auf den Plan.

Kein Wunder, dass das Ergebnis des Start- und Vorzeigeobjekts Stadthagen einen wahren Bauboom auslöste. In Schaumburg und Umgebung wurde im Laufe der folgenden Jahrzehnte eine Vielzahl schmucker Herrensitze und prachtvoller Bürgerhäuser hochgezogen. Zu den bis heute bekanntesten zählen Hülsede (1548), Bückeburg (1564), Lauenau (1572), Varenholz (1582) Oldendorf und Brake (um 1585) sowie Hämelschenburg (1588). Als besondere städtebauliche Highlights dieser ersten Renaissance-Epoche gelten auch das Münchhausen-Archivhäuschen in Rinteln (1565) und das 1568/69 mit einer neuen Prachtfassade ausgestattete, heute als „Rattenkrug“ bekannte Patrizierhaus des Johann Rike in Hameln.

Ob, wo und an welchen Vorhaben Unkair nach Erledigung des Stadthagen-Auftrags beteiligt war, ist unbekannt. Seine Initialen tauchen erst wieder an dem Ende der 1540er Jahre durchgeführten Schlossbau im nahen Petershagen auf. Der letzte Auftrag führte ihn an den lippischen Hof nach Detmold, wo er bis zu seinem Ableben mit der Rundumerneuerung des herrschaftlichen Anwesens der Fürsten zu Lippe beschäftigt war. Wie alt Meister Jürgen wurde, weiß man nicht. Sein Geburtsjahr ist – wie vieles andere aus dem Leben des Mannes, der die Architektur hierzulande wie kaum ein anderer prägte – unbekannt.

Schloss Stadthagen, erster Unkair-Bau in Schaumburg: Von der alten, aus dem 13. Jahrhundert stammenden Burganlage ließ Unkair nur das Torhaus mit seinem gotischen Spitzbogen stehen. Die Zugbrücke wurde durch einen festen Zugangsweg ersetzt.gp (4)

Solche Handwerker dürften auch bei der Herstellung der heimischen Weserrenaissance-Bauten dazugehört haben: Ein Maurer übernimmt und setzt einen mittels Kran beförderten Stein (1428).

Ein Steinmetz mit Spitzhacke, Klopfholz, Hebeeisen; Winkel, Meißel und Setzwaage; im Hintergrund ist ein (Tretrad-) Kran zu sehen (Buchmalerei 1575).



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