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Bad Eilser Kriegschronik: Neuauflage bietet doppelt so viele Informationen / Ab sofort erhältlich

Erschütternde Details aus einer dunklen Zeit

Bad Eilsen (thm). Fast drei Jahre ist es her, dass die Erstauflage der Chronik "60 Jahre danach - Der Zweite Weltkrieg in Bad Eilsen und Umgebung - Geschichte und Geschichten" erschienen ist. Die Dokumentation umfasste 77 Seiten im DIN-A4-Format. Zwischenzeitlich ist das Historiker-Trio Ralf-Markus Lehmann, Friedrich Winkelhake und Günter Döring nicht untätig geblieben. DieZweitauflage - sie ist ab sofort erhältlich - wurde erheblich erweitert und bietet nun auf 146 Seiten Informationen aus der damaligen Zeit.

veröffentlicht am 01.08.2008 um 00:00 Uhr

Nur noch wenige Baureste erinnern an die mehr als 60 Jahre zurüc

Buchholz am Sonntag, 8. April 1945, 9 Uhr morgens: Hinter dem Hotel "Auetal" gehen zwei Panzerwerfer der Wehrmacht in Stellung und beschießen die von Heeßen aus vorrückenden US-Verbände. Die erwidern das Feuer. Granaten treffen das Hotel, andere schlagen unmittelbar neben einem Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein. Dort im Keller hat die Bewohnerfamilie Schutz gesucht. Der Beschuss versetzt Mutter und Kind in Panik.Obwohl der Vater und Ehemann versucht, sie zurückzuhalten, glauben beide, im Bierkeller des Hotels vis-à-vis sicherer zu sein. Sie rennen über die Straße und haben den Kellereingang des Hotels schon erreicht, als eine weitere Granate das Hotel trifft. Das Mädchen ist sofort tot, seine Mutter liegt schwer verletzt am Boden. Doch es soll noch schlimmer kommen. Die Opfer werden in den Bierkeller geschafft. Den ganzen Tag lang und die folgende Nacht müssen die Überlebenden dort wegen der Kampfhandlungen ausharren. Erst am nächsten Morgen naht Hilfe: Eine Ärztin aus Bad Eilsen und eine Helferin fahren in einem mit einem rotem Kreuz gekennzeichneten Privatwagen nach Buchholz, um die Schwerverletzte zu bergen. Die Verwundete wird ins Auto gelegt, Ärztin und Helferin nehmen Platz und machen sich zur Abfahrt bereit. Plötzlich MG-Feuer. Aus nicht einmal 100 Metern Entfernung nimmt ein Wehrmachtsposten das Fahrzeug unter Beschuss. Die Schwerverletzte ist sofort tot, die Helferin stirbt wenig später am Ort des Geschehens. Der absurde Irrsinn des Krieges - eines jeden Krieges - wird am Beispiel dieser von Augenzeugen erzählten Episode besonders deutlich. Bombenkrieg und Kampfhandlungen im Raum Eilsen haben zivile Todesopfer gefordert - auch ihrer wird mit diesem Buch gedacht. Berichte von damals beteiligten US-Offizieren geben Auskunft über die Kampfhandlungen aus Sicht der US-Armee, denen der Sieg an den Wesergebirgspässen zunächst verwehrt blieb. Darüber hinaus gewährt der Bericht eines ehemaligen Häftlings des Arbeitserziehungslagers in Ahnsen Einblicke in den Lageralltag. Am Beispiel der Ortschaft Heeßen wird berichtet, wie sich unter der Naziherrschaft zwischen 1933 und 1945 das Leben in einem kleinen Bauerndorf veränderte und auf welch mitunter subtile Weise Menschen um ihr Recht gebracht wurden. Das Jahr 1933 brachte auch in den Orten der heutigen Samtgemeinde Eilsen tief greifende Veränderungen mit sich. Vorbei war es mit der Möglichkeit der freien Meinungsäußerung, Parteien und Verbände wurden verboten. Die Menschen bekamen zwölf Jahre lang den Druck des NS-Regimes und dessen Manipulationen zu spüren. Für Bad Eilsen war die Zeit des Flugzeugherstellers Focke-Wulf von besonderer Bedeutung. Über die Beweggründe, weshalb ausgerechnet Bad Eilsen im Jahr 1941 als Standort für die Entwicklungszentrale des Rüstungskonzerns ausgewählt wurde, wird noch heute spekuliert. Militärhistorisch ebenso interessant ist die Tatsache, dass Bad Eilsen, obwohl in der amerikanischen Kampfzone gelegen, in den amerikanischen Tagesberichten nicht erwähnt wurde. Welche Rolle spielte der britische Geheimdienst bei der Besetzung Bad Eilsens? Welche Eindrücke nahmen die amerikanischen GIs mit, als sie im April 1945 in unseren Dörfern den deutschen Widerstand brechen sollten? Licht ins Dunkel bringt nun die zweite Auflage des ersten Bandes der Buchreihe "60 Jahre danach", welche vom Heimat- und Kulturverein Eilsen herausgegeben wird. Anlässlich des 60. Jahrestages des Kriegsendes in Europa im Jahr 2005 erstmals erschienen, bildet "60 Jahre danach" einen Fundus deutscher und alliierter Kriegsberichterstattung für die Orte der heutigen Samtgemeinde Eilsen. Auch wurden zahlreiche Augenzeugenberichte verarbeitet und mit Bildmaterialangereichert.

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