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Klein, fein und gemein: Bernd Gieseking punktet bei der ersten "Nachtausgabe"

Erinnerung an Zeiten, als Nassrasur noch kein Mädchenkram war...

Rinteln (ur). Er hat Zimmermann gelernt und das auch noch in Ostwestfalen. Bernd Giesekings Talent zum Sprüchekloppen wurde denn auch prompt bei Richtfest-Ritualen entdeckt und die Zuhörer bei der ersten "Nachtausgabe" des Jahres in der Volksbank waren sich schon nach den sprachlichen Parforceritten der ersten Minuten darin einig, dass es gut ist, dass er seinerzeit nicht nach dem dritten Hammerschlag und dem viertem Schluck vom Dachstuhl gefallen ist.

veröffentlicht am 09.02.2008 um 00:00 Uhr

Sein Talent zum Sprücheklopfen wurde bei Richtfesten entdeckt. U

Ob er sich nun als lippischer Minnesänger versuchte, plattdeutsche Ratschläge seiner Oma bzw. "Omma" preisgab oder sich und sein Publikum an der Heilslehre der Anthroposophie spöttischen Anteil nehmen ließ: der im Kampf mit der Waage und dem Samsonite-Koffergebirge seiner Freundin sich abmühende Herr Kabarettist mit einem Gardemaß, das ihn von vornherein beim Basketballer-Casting ausschließt, erwies sich jenseits der Körperlichkeit als wahrhaft gigantischer "ostwestfalien Alien". Wie er das Auditorium mit Verweisen auf die Pinghelwurst am Schlachtetag und den Köpper vom Dreier im molchbevölkerten Freibad in seine kleine heile Welt von Kutenhausen einführte, schuf allemal die Kulisse für Reminiszenen an der Liebe frühes Leid. An die ersten Gehversuche als Küchenchef mit dem Instant-Programm von Miracoli als Alternative zur Currywurst in "Clemens sein Grillimbiss" und die Tücken der Nassrasur, die in der Generation von Dreifachklingen zum Wegwerfen kaum noch vorstellbar sind, aber von ihm doch in drastischer Weise aktualisiert wurden, inklusive der wunderbaren Misanthropenweisheit des Jahres 2008: "Die Nassrasur ist zum Mädchenkram verkommen." In seinen Kajütengeschichten bekennt er sich als Bernd Seegang zur Seekrankheit. Mit Lkw-Lyrik - frisch abgelesen von Truckerplanen auf dem Autorasthaus - demonstriert Gieseking, dass Pointen mitunter nur aufgelesen werden müssen, aber auch, dass dieses "Nur auflesen" auch bedeutet, stets als Beobachter am Puls der Zeit zu sein. Wie er sich denn im Zu- gabeblock mit diversem Biker-Latein in die nahende Frühlingssaison im lippisch-schaumburgischen Bergland verabschiedet, zog das erfreulich zahlreich erschienene Publikum zum guten Schluss vollends auf seine Seite und machte klar: Das pralle Leben ist überall - und beginnt in seinen exotischen Formen gerade mal eine Handvoll Kilometer vom niedersächsischen Rinteln entfernt. Kräftiger Beifall für einen, der es dabei mit allen Zwischentönen krachen ließ und kaum politische Querverweise in die schnöde Tagesaktualität benötigte, um zu zeigen, wie genau er die Welt kennt, in der er gerade lebt- inklusive der Pappenheimer, die sich lachend und kichernd vor ihm auf den Stühlen lümmeln.



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