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Seit 25 Jahren protestieren Gläubige am Atommülllager Gorleben – eine Erfolgsgeschichte, wie sie meinen

Erhörte Gebete

Es ist schon erstaunlich, wenn sich ein durchaus altes und auch recht bürgerlich wirkendes Ehepaar wie Christa und Hans-Dieter Kuhl aktuell als „Widerstandskämpfer“ bezeichnet. Das ist ein starkes Wort, erst recht in Deutschland, wo es eine Zeit gab, wo man den Widerstand so sehr vermissen musste.

veröffentlicht am 02.07.2014 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 29.05.2017 um 17:24 Uhr

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Reporterin zur Autorenseite

Christa Kuhl, 74 Jahre alt, war Lehrerin an der Hamelner Klütschule, ihr 78-jähriger Mann Sozialarbeiter an der Jugendstrafanstalt. Dass sie seit elf Jahren im Wendland leben, in einem Dörfchen ganz nahe am Atommüll-Zwischenlager Gorleben ist kein Zufall. Genau dort manifestiert sich ihr Widerstand – gegen die Atomkraft und gegen die Einrichtung des dortigen Salzstocks als Endlager für radioaktive Abfälle. Eine ihrer Waffen ist das „Gorlebener Gebet“, das am vergangenen Wochenende sein 25-jähriges Jubiläum feierte.

Mit diesem „Gorlebener Gebet“ hat es etwas Besonderes auf sich. Durchgängig, seit 25 Jahren, auch bei Wind und Wetter, Eis und Schnee, findet es jeden Sonntag statt mitten im Wald, dort, wo in einer Schneise drei hohe Holzkreuze stehen, hinter denen sich bedrohlich der Bohrturm des nahen Erkundungsbergwerkes erhebt.

Das erste der Kreuze hatten Demonstranten im Jahr 1988 über tausend Kilometer quer durch Deutschland aus dem bayrischen Wackersdorf ins abgelegene Wendland geschleppt und in Gorleben aufgestellt. Ein Jahr später entstand die Idee für das „Gorlebener Gebet“ in Form einer Andacht, die Bezug nimmt auf die Bitte von Jesus Christus, die er im Garten Gethsemane kurz vor seiner Gefangennahme an seine Jünger richtete: „Bleibet hier, wachet und betet“.

Anders als die Jünger der Bibel, die immer wieder einschliefen, statt zu wachen und zu beten, wollten die Atomkraftgegner dafür sorgen, dass kein einziger Sonntag vergehen sollte, wo sich nicht mindestens zwei oder drei in Gottes Namen zusammenfinden. So lange sollte das geschehen, bis allen klar würde, dass der Salzstock von Gorleben sich nicht dafür eignet, um den bis in weiteste Zukunft strahlenden Atommüll aufzunehmen. So kam es, dass sich manchmal an die hundert Betende und unzählige Male nur ein kleiner Trupp Getreuer im Waldstück einfanden – ab und zu von öffentlicher Aufmerksamkeit begleitet, meistens aber ohne einen anderen Zeugen als Gott.

Damals lebten die Kuhls noch in Hameln und ihr Augenmerk galt dem Atomkraftwerk Grohnde. Noch bevor der Meiler gebaut wurde, besetzten sie schon mit anderen Demonstranten den Bauplatz. „Da war so eine Art Protest schon nichts Neues mehr für uns“, sagt Hans-Dieter Kuhl. „Wir hatten da in Hameln schon gegen Hunger und Ausbeutung in der Welt demonstriert, tausend jugendliche Mitstreiter zogen mit uns durch die Stadt, ja, wir hätten nicht gedacht, dass man so viel Aufmerksamkeit erlangen kann.“ Politisch engagiert waren die beiden schon immer, sozusagen von Haus aus, nicht dezidiert links, sondern vorwärtsgetragen durch ihren starken Glauben als Angehörige der Baptistischen Gemeinde Hamelns.

Hans-Dieter Kuhls Vater, der aus Ostpreußen kam, war Pastor in der Freikirche gewesen, auch Christa Kuhls ebenfalls aus Ostpreußen stammende Familie gehört traditionell zu den Baptisten. „Wir können gar nicht anders, als unsere christliche Verantwortung wahrzunehmen“, so Kuhl. „Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung – das ist der Wahlspruch, der uns antreibt.“ Dafür waren sie bereit, auf die Straße zu gehen, sich in das Demonstrationsgetümmel im Sinne von „Atomkraft – nein, danke“ zu stürzen und auch angesichts von mit Schild, Helm und Stock ausgestatteten Polizei-Hundertschaften nicht zurückzuweichen. „Bei uns hat sich eine große Furchtlosigkeit gegenüber der Polizei entwickelt“, sagt er. „Wir wissen mit denen umzugehen, wir haben so viele Gespräche geführt, und wir sahen ja auch, wie viele Polizisten nur ihre Pflicht taten und selbst die Gefahren der Atomkraft sahen.“

In Gorleben, bei der Jubiläumsveranstaltung des „Gorlebener Gebetes“, trafen sie auf zahllose „alte Kämpfer“ gegen die Atomkraft, deren „Widerstands“-Geschichte gar nicht so viel anders verlief als ihre eigene. Da war zum Beispiel die jetzt 90-jährige Marianne Fritzen, eine höchst lebendige alte Frau, die bereits bei der allerersten Andacht dabei war und jetzt in warme Decken gewickelt das Geschehen unter den drei Holzkreuzen verfolgte. An ihrer Seite die beste Freundin, die fast 80-jährige Evelyn Stendel, die 1988 zu den Kreuzträgern gehörte. „Aber nur kurz“, sagte die zierliche Frau, „man will die Sache ja schließlich gesund überleben.“

Was sie und die anderen Veteranen eint, spricht Christa Kuhl aus: Das Bedürfnis, nicht beschämt und sprachlos dazustehen, wenn Kinder und Kindeskinder fragen: „Was hast Du gemacht, damals, als sie bereit waren, die Zukunft zu verraten?“

Auch, als sie noch in Hameln lebten, beteiligten sich die Kuhls an Protestgebeten, gegen das Atomkraftwerk Grohnde, vor dem Hamelner Rathaus. „Uns wurde allmählich klar, dass sich Glaube und Politik gar nicht trennen lassen“, sagt Christa Kuhl. Umso härter traf die beiden ein Vorwurf, der lange allgemein von staatlicher und von kirchlicher Seite erhoben wurde, wenn es um Kreuzwege und Gebete ging, bei denen sich christliches Engagement kaum von politischem Engagement unterscheiden ließ. „Ihr missbraucht das Kreuz!“ hieß es. „Ihr werdet doch wohl nicht in Gottes Namen eine Technik behindern wollen, die so viel Gutes für die Zukunft bringen wird.“ Die evangelische Landeskirche sah es damals gar nicht gern, dass sich viele ihrer Pastoren am Protest gegen die Atomkraft beteiligten und hätte speziell das „Gorlebener Gebet“ am liebsten irgendwie verhindert.

Wem vielleicht das Wort „Widerstand“ in diesem Zusammenhang etwas pathetisch vorkommt, zumal es fast untrennbar verbunden ist mit der Zeit des Nationalsozialismus, wo Widerstand höchste Gefahr für Leib und Leben bedeutete, der konnte dann, am letzten Sonntag, nur beeindruckt sein über den Auftritt vom hannoverschen Landesbischof Ralf Meister, der sich neben anderen kirchlichen Vertretern zur Gebetsfeier einfand und eine erstaunlich kompromisslose Predigt hielt.

Er schilderte, wie er vor vier Jahren zum ersten Mal und ganz allein den geschichtsträchtigen Gebetsplatz im Abenddämmerungs-Wald besuchte und ihm klar wurde, dass das Gorlebener Anliegen zu einem der wichtigsten Anliegen auch der Landeskirche werden müsse; wie er daran dachte, dass zwei Balken und zwei Schrauben schon ausreichen, um eine Hinrichtungsstätte in Form des Kreuzes zu errichten, und dass bereits durch zunächst vielleicht harmlos erscheinende Taten Leid, Schmerz und Zerstörung entstehen kann.

„Ich will nicht verschweigen, dass die Kirche diesen Ort mit Argwohn betrachtete“, sagte er. Das kontinuierliche Gebet aber habe der Möglichkeit zur gesellschaftlichen Umkehr Gehör verschafft, auch in der Landeskirche. „Wir müssen uns bewusst sein, dass zum Handlanger der Zerstörung schon werden kann, wer allein den herrschenden Ideologien vertraue“, so Meister weiter. „Auch, wer den Widerspruch nicht pflegt und lieber schläft statt wacht, kann zum Mittäter werden.“ Das Gorlebener Gebet sei „ein entschiedener Versuch gegen die Versuchung, einfach nur dahinzudämmern“.

Hätte es sich bei den Worten des Bischofs nicht um eine Andacht, sondern um eine politische Rede gehalten, die über hundert Gebets-Teilnehmer wären wohl alle aufgesprungen und hätten stehenden Applaus gespendet.

Für Christa und Hans-Dieter Kuhl ist die Sache sowieso klar. „Gorleben – das ist für uns eine Erfolgsgeschichte“, sagt Christa Kuhl. Beide sind sich sicher, dass das Gebet bereits erhört ist; dass das Erkundungsbergwerk niemals zum Atommüll-Endlager werden wird; dass der vielfältige Widerstand von den unterschiedlichsten Aktivisten zumindest diese eine Gefahr, die von den Überresten einer in ihren Augen verfehlten Energiepolitik ausgeht, gebannt hat. Und dass die im Jahr 2016 fällige Entscheidung der Endlager-Kommission, der auch Landesbischof Meister angehört, einen geeigneteren Standort bestimmen wird.

Als das Paar vor elf Jahren beschloss, ins Wendland zu ziehen, in eines der berühmten Rundlings-Dörfer, folgten sie ihren Kindern, die ebenfalls, wie inzwischen auch die Enkelkinder, Atomkraftgegner sind und gerade deshalb vor Ort Präsenz zeigen wollten. Das ehemalige Grenzland zwischen Ost und West, das 1977 so umstandslos zur lebensgefährlichen Müllhalde erklärt wurde, es ist ein wunderschönes Land, weit, fruchtbar und Teil des „Grünen Bandes“, das sich an der alten Grenze entlang zieht. „Wir würden uns immer wieder für die Bewahrung der Schöpfung auch auf die Straße setzen“, sagt Hans-Dieter Kuhl. „Na ja, jedenfalls, wenn es unbedingt sein müsste – so langsam werden die alten Knochen ja doch etwas müde.“

Immer am ersten Sonntag im Monat treffen sich Atomkraftgegner in Gorleben. Sie beten. Am vergangenen Sonntag feierte das „Gorlebener Gebet“ das 25-jährige Jubiläum. Ein Ehepaar, das lange Zeit in unserer Region gelebt hat, ist schon immer dabei gewesen. Es hat sich gelohnt, sagen sie.



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