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Erdgas-Boom: Wieso Schaumburg wie Texas ist

An den fossilen Brennstoff Erdgas zu gelangen, gestaltet sich zunehmend schwierig – die leicht zu erschließenden Vorkommen sind weitgehend erschöpft. Jetzt suchen Konzerne wie Exxonmobil weltweit nach sogenanntem „Unconventional Gas“. Und dies nicht allein in Texas, wo Ministerpräsident Christian Wulff einen medienwirksamen Auftritt hatte. Sondern auch in Schaumburg: In Niedernwöhren steht ein Bohrturm.

veröffentlicht am 04.12.2009 um 23:00 Uhr

Der Suchbereich von Exxonmobil erstreckt sich von der niederländ

Autor:

Guido Scholl

Ein Containerdorf ist seit einigen Wochen nördlich von Niedernwöhren mit seinen rund 2100 Einwohnern angesiedelt. Dort sind 20 Arbeiter pro Schicht dabei, das Erdinnere auf sein Erdgas-Förderpotenzial hin zu untersuchen. Und die Chancen, dass das Forschungsteam von Exxonmobil hier fündig wird, stehen gar nicht so schlecht: Die Beschaffenheit des Erdreichs unterhalb Südniedersachsens – also auch unterhalb Schaumburgs – ähnelt nämlich der von Texas, wie Hans-Heinrich Nack erklärt, Mann für Öffentlichkeitsarbeit bei Exxonmobil. In der Nähe von Houston ist der US-amerikanische Mutterkonzern Exxonmobil dabei, mit neuartiger Technologie an sogenanntes „unkonventionelles Gas“ zu kommen. Auch in Niedersachsen hofft Exxonmobil – in diesem Fall die Tochter Exxonmobil Productions Deutschland GmbH – große „unkonventionelle“ Gas-Reserven zu finden. Die konventionellen Vorräte nämlich werden in 20 bis 30 Jahren erschöpft sein. Mit der Erschließung der vermuteten „unkonventionellen“ Gasreserven könnte sich die Verfügbarkeit des Brennstoffs um 30 bis 50 Jahre verlängern, sagte Exxonmobil-Manager Gernot Kalkoffen im Oktober beim Besuch des niedersächsischen Ministerpräsidenten, Christian Wulff, in Houston. Und: Hannover könne Europas Erdgas-Zentrale werden.

Dafür werden jetzt in Niedernwöhren die Weichen gestellt. In zwei Schichten zu je zwölf Stunden wird rund um die Uhr gearbeitet. Ein Schichtführer und fünf Kollegen sind mit dem eigentlichen Bohren beschäftigt. Ein Motor dreht mit 200 bis 300 Newtonmetern einen Bohrkopf immer tiefer ins Erdinnere. 1030 Meter sind die Ziel-„Teufe“ (Tiefe), die Probebohrung Niedernwöhren I ist bei 990 Metern kurz vor der Vollendung. An den Bohrkopf mit etwa 20 Zentimetern Durchmesser werden nacheinander einige neun Meter lange Rohre geschraubt. Inzwischen sind mehr als 100 dieser Stücke aneinandergereiht und haben das fast einen Kilometer tiefe Bohrloch geschaffen. Nach und nach fördern die Mitarbeiter die sogenannten Kerne zutage. Diese werden mit speziellem Gestänge und einem „Fänger“, der sich ins Gestein fräst, „geborgen“. Mit zunehmender Tiefe verlängert sich die Dauer dieser Prozedur.

Die Bohrkerne – Gestein aus zwischen 500 und 1000 Metern Tiefe – sind das, worauf es die Verantwortlichen der Probebohrung abgesehen haben. Acht Geologen untersuchen die Kerne vor Ort auf möglichen Erdgas-Gehalt. Schnellstmöglich werden sie dann mit Wachs versiegelt, beschriftet und ins Kernmagazin nach Nienhagen bei Celle transportiert. Das Wachs soll verhindern, dass Gas ausweicht. Denn in Nienhagen steht eine noch gründlichere Untersuchung an. Die Mitarbeiter des Unternehmens Exxonmobil sammeln bereits seit 2008 Daten in Süd- und Ostniedersachsen sowie in Nordrhein-Westfalen.

Erdgassuche bedeutet, viele Mosaiksteinchen zu einem Gesamtbild zusammenzusetzen. Dieses Bild soll den Suchenden zeigen, ob sich in dem durchsuchten Gebiet eine teure Gasförderbohrung lohnen würde. Denn eine Förderbohrung kostet rund 20 Millionen Euro – da wäre jeder Fehlschlag verständlicherweise extrem ärgerlich. Doch auch die Probebohrungen – wie jetzt in Niedernwöhren und zuvor in Schlahe bei Sulingen – kosten jeweils zwei Millionen Euro. Zehn Bohrungen sind geplant – zusammen also Kosten von 20 Millionen Euro allein für die Probebohrungen. „Immer noch besser, als auf einen Schlag 20 Millionen in den Sand zu setzen“, erklärt Hans-Hermann Nack, bei Exxonmobil für Öffentlichkeitsarbeit zuständig.

Der erste Schritt bei der Suche nach Gas ist die grundsätzliche Einschätzung der Gesteinsschichten im Erdinneren. Könnten diese so beschaffen sein, dass sich eine Gasförderung im großen Stil lohnt? Geologen geben Auskunft. Dann folgt Schritt zwei, im Fall der Suchkampagne in Südniedersachsen in Form von seismischen Messungen. Kleine Explosionen erzeugen einen Widerhall, der nähere Informationen über die Beschaffenheit des Gesteins liefert. Erst dann sind sich die Gas-Sucher gegebenenfalls sicher genug, um in bestimmten Gebieten auch Probebohrungen zu starten – der dritte Schritt.

Die Testbohrungen an unterschiedlichen Stellen des Zielgebiets liefern noch exaktere Daten, die ebenfalls in den Kasten mit den besagten Mosaiksteinchen geworfen werden. Experten werten alle Informationen aus und entscheiden schließlich, wo Gas wirtschaftlich vertretbar gefördert werden kann. Die Probebohrungen müssen exakt auf der Linie der vorherigen seismischen Messungen liegen. „Jedes Abweichen würde die Ergebnisse verfälschen“, erklärt Nack. Deshalb kann Exxonmobil nicht einfach irgendwo fernab jeglicher Wohnsiedlungen bohren.

Dass irgendwo im Erdreich unter dem Emsland, dem Raum Minden und dem Norden Schaumburgs lukrative Gasvorkommen lagern, scheint angesichts des jetzt bereits betriebenen Aufwands so gut wie sicher. Doch es kommt nicht nur auf die Menge des Gases an. Erdgas ist vor Millionen von Jahren entstanden und im Gestein tief unter der Erde „gefangen“. Dort findet man aber keine Gasblasen, deren Inhalt mit einem Mal entweicht. Vielmehr sind winzige Bläschen im Gestein enthalten. Ideal ist es, wenn eine dichte Deckschicht über dem Gas enthaltendem Gestein liegt. Denn dann ist weitgehend sichergestellt, dass sich das Erdgas nicht bereits im Laufe der Millionen Jahre verflüchtigt hat. Das Gas neigt nämlich dazu, auszuströmen.

Dennoch kommen Förderkonzerne nicht im Handumdrehen an den Rohstoff. Vor allem nicht an das derzeit im Fokus stehende „unconventional gas“. Dazu ist moderne Technik nötig. Das „unconventional gas“ lagert mit einem Druck von bis zu 600 bar im Gestein. Doch mit Ton verklebte Schichten versperren dem Gas den Weg ins Freie. Diese verklebten Wege blasen die Förderkonzerne mit sogenannten „Fracs“ (von englisch Fraction, deutsch: Bruch) frei. Ein Gel verdrängt die Klebeschicht, Sand füllt die entstandenen Hohlräume. Das Gel wird mit 1000 bar ins Erdinnere gepresst. Der Sand ist so durchlässig, dass das Gas entweichen kann. Es wird anschließend an der Bohrstation gesammelt und kann vom jeweiligen Konzern verkauft werden.

Bis Exxonmobil in Südniedersachsen so weit ist, vergeht noch eine Weile. Niedernwöhren I ist erst die zweite von zehn Testbohrungen. Alle Daten zusammen sollen den Projektleitern die nötigen Aufschlüsse darüber liefern, wo sich Gasförder-Bohrungen am ehesten anbieten. Die Niedernwöhrener Probebohrung liegt momentan in den letzten Zügen – allerdings hat ein Defekt das Prozedere gerade erst verzögert.

Der Begriff „Container-Dorf“ ist beileibe nicht übertrieben. Die rund 20 Arbeiter, die gleichzeitig an der Bohrstation tätig sind, übernachten zum Teil sogar auf dem Areal. Dafür gibt es Schlafkojen in manchen Containern. Sanitär-Einrichtungen, Aufenthaltsräume und eine Sanitärkabine für die einzige Frau im Team mussten ebenfalls eingerichtet werden. Das „Dorf“ verfügt sogar über eine Oberflächenwasser-Drainage in Form von Gräben, da die Bohrstation bei starkem Regen sonst überflutet würde. Zusätzlich zur rein fachlichen Logistik musste hier auch eine Menge bewegt werden, damit das „Dorfleben“ so angenehm wie möglich gestaltet wird.

Zurück zur Suche nach Erdgas: Mit der Informationsakquise sind die am Projekt beteiligten Arbeiter in Niedernwöhren weitgehend durch. Welche Erkenntnisse gewonnen worden sind, darüber lässt sich derzeit noch nichts sagen. Es werden weitere Mosaiksteinchen im großen Gesamtbild sein. Wann und wo tatsächlich Erdgas gefördert wird, ist völlig offen – nur so viel steht fest: nicht an der jetzigen Probebohr-Station. Die Stelle ist zu nah an den Wohnsiedlungen gelegen.

Die Testbohrung muss auch noch nicht der letzte Schritt bei der Suche gewesen sein. Verdichten sich die Hinweise auf lukrative Gaslagerstätten im Erdinneren, könnte eine weitere seismische Messung erfolgen, um den Zielbereich noch genauer zu lokalisieren. Eine dreidimensionale Seismik könnte durchgeführt werden. Dabei forschen die Ingenieure nicht nur in gerader Linie im Erdreich, sondern legen den Suchbereich rasterförmig an. Die Auswahl, möglicher Förderstellen ist groß. Das Suchgebiet von Exxonmobil erstreckt sich vom Schaumburger Land – die äußerste Grenze bildet das Mini-Dorf Niedernholz – bis zur niederländischen Grenze. Weitere Probebohrungen sind in Lünne (Emsland), Nöpke bei Neustadt am Rübenberge und Frotheim bei Espelkamp geplant. Vor Niedernwöhren war Schlahe in der Nähe von Sulingen an der Reihe. In Damme und Oppenwehe existieren bereits sogenannte Explorerbohrungen, die auch zum Gasfördern fähig sind. Dort dringt Exxonmobil bis zu 5000 Meter tief ins Erdinnere – zu Gesteinsformationen, die im Erdzeitalter Karbon vor 350 Millionen Jahren entstanden sind.

So weit wird der Niedernwöhrener Bohrer nicht kommen. Bei 1030 Metern soll Mitte kommender Woche Schluss sein. Dann geht es ans Abbauen des Container-Dorfs samt Bohrstation, das gesamte Equipment muss weiter nach Lünne transportiert werden. Das Bohrloch wird bis zum oberen Rand wieder gefüllt. Vorübergehend erinnern dann nur noch der Asphaltplatz und der Schotter rings herum an die Erdgas-Suche.

Im neuen Jahr geht der Abbau in die Tiefe. Der Asphalt und der Schotter werden entfernt, das Material für den Einsatz beim Straßenbau recycelt. Bis in zwei Meter Tiefe lässt Exxonmobil laut PR-Mann Nack alle Rohre und sonstigen Rückstände kappen. Letztlich liegt wieder ein gepflügter Acker vor – als wäre dort nie ein Bohrloch gewesen.

In Schaumburg wird nach Erdgas gebohrt: In Niedernwöhren läuft eine Probebohrung, die das Erdgasvorkommen ermitteln soll. Der Konzern Exxonmobil treibt erheblichen Aufwand: Rund zwei Millionen Euro kostet allein die Probebohrung. Fotos: gus



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