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Bau und Einweihung des Luhdener Klippenturms vor 125 Jahren

Erbauliches Weilen in luftiger Höhe

Dort unten, belebt durch den Silberfaden der Weser, das freundliche Rinteln und zahllose Dächer und Gehöfte, inmitten grüner Bäume, saftiger Wiesen und fruchtbarer Felder“, schwärmte Justizrat Dr. Otto Freudenstein bei der Einweihung des Luhdener Klippenturms vor 125 Jahren. „Und drüben im Norden sehen wir das gesegnete Schaumburg-Lippische Ländchen, umrahmt von dem Schaumburger Walde, und die Spiegelfläche des Steinhuder Meeres.“

veröffentlicht am 01.03.2014 um 00:00 Uhr

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

So wie der zum Festredner auserkorene Rittergutsbesitzer und Hobby-Historiker zeigten sich alle Premierengäste beim Talblick von der neu errichteten Aussichtsplattform begeistert. Man schrieb das Jahr 1889. Autos, Flugzeuge, Sessellifts und gut ausgebaute Passstraßen, auf denen und/oder mit deren Hilfe man hätte in größere Höhen vorstoßen können, gab es noch nicht. Umso größer war der Wunsch, die Niederungen des Alltags hinter sich zu lassen und die Welt von einer höheren Warte aus zu betrachten. Um die Erfüllung dieser Sehnsucht kümmerte sich die im Gefolge der Reichsgründung 1870/71 überall im wilhelminischen Kaiserreich aufblühende, von viel vaterländischem Pathos getragene Heimatbewegung. Der Drang nach Wiederentdeckung und Neubelebung von Natur, Landschaft und althergebrachtem Brauchtum erfasste vor allem das städtische Bildungsbürgertum. Besonders stark engagiert waren höhere Beamte und wohlhabende Geschäftsleute.

In den 1870er Jahren sprang der Funke auch mit voller Wucht auf die hiesige Region über. Gleichzeitig setzte eine Art „Run“ auf die umliegenden Anhöhen ein. Für viele Bildungsbürger wurden der Aufstieg auf die nahen Wesergebirgsgipfel und das „erbauliche Weilen in luftiger Höhe“ zum sonntäglichen Pflichtprogramm. Man begann, Wanderwege, Ausflugslokale, Schutzhütten, Aussichtskanzeln und Aussichtstürme zu bauen. Im preußischen Rinteln nahm sich dieser Aufgabe eine 1878 zwecks „Verschönerung der Stadt Rinteln und deren Umgebung“ gegründete und deshalb „Verschönerungs-Verein“ (VVR) getaufte Bürgergemeinschaft an. In Bückeburg wurde zur Befriedigung der Höhensehnsucht der Fürstenkinder - neben dem 1890 aus der Taufe gehobenen „Verein für Geschichte, Altertümer und Landeskunde“ - ein spezieller „Gebirgsverein“ ins Leben gerufen. Ein auffallend großer Teil der heimischen Aktivisten waren Gymnasiallehrer und Apotheker.

Lieblingsberg der Bückeburger war der Papenbrink. In Rinteln hatte man es von Anfang an auf die nördlich der Stadt steil aufragenden Luhdener Klippen abgesehen. 1883 entstand in der Weserstadt der Plan, auf dem 300 Meter hohen „Hausberg“ einen Aussichtsturm zu bauen. Die Umsetzung erwies sich lange Zeit als schwierig. Immer wieder taten sich neue Hindernisse auf. Das meiste Kopfzerbrechen bereitete die Finanzierung. 1888 war auch diese Hürde überwunden. Und am 28. August 1889 konnte die Einweihung des quadratischen, 20 Meter hohen Steinbauwerks mit Festredner Freudenstein gefeiert werden.

Dessen ausführliche, kurz darauf in der Schaumburger Zeitung abgedruckte Schilderung der Rundum-Situation macht deutlich, wie sehr sich Aussehen und Erscheinungsbild der heimischen Landschaft seither verändert haben. Statt „saftiger Wiesen, fruchtbarer Felder und einsamer Gehöfte“ fallen heute vor allem Asphaltpisten, Kies-Seen, kastenförmige Industrie-Flachdachbauten, Kraftwerkstürme, Schienentrassen und Wohnmobil-Quartiere ins Auge. Die Weser als einst dominierendes Element wirkt eingezwängt und mancherorts beinahe störend.

Auch von der künftigen historischen Entwicklung ahnten die Teilnehmer der Einweihungsfeier 1889 noch nichts. Festredner Freudenstein pries das Wesertal noch als Ort germanischer Heldentaten. „Vor uns liegt das Schlachtfeld von Idistavisus, auf welchem vor bald 1900 Jahren unsere Vorfahren dem siegreichen Eindringen der Römer in Deutschland ein Ende setzten“, rief er mit bebender Stimme gen Himmel. Und mit dem gleichen „heldenhaften Einsatz“ hätten auch die später hierzulande lebenden Sachsen mit ihrem berühmten Herzog Wittekind an der Spitze den Glauben an die alten Götter verteidigt. Dass die Talbewohner in gar nicht allzu ferner Zeit den Niedergang des Kaiserreichs, die Einführung des Frauenwahlrechts, von Trommeln begleitete SA-Aufmärsche und das Einrollen amerikanischer Panzer miterleben würden, hätten sich Leute vor 125 Jahren selbst in ihren kühnsten Träumen und mit sehr viel Fantasie nicht vorstellen können.

Zum Schluss bedankte sich Freudenstein im Namen des verhinderten VVR-Vorsitzenden Knipping bei den vielen Helfern, die den Turmbau zu Rinteln dank aktiver Mitarbeit und/oder wohlwollender Unterstützung möglich gemacht hätten. Rund drei Viertel der gut 12 000 Reichsmark betragenden Baukosten waren durch eine Lotterie aufgebracht worden. Den Hauptgewinn steuerte der aus Rinteln stammende, mittlerweile als Akademie-Professor in Düsseldorf lebende und als Tier- und Jagdmaler berühmte gewordene Christian Kröner bei. Ein von dem Künstler gestiftetes Bild wurde auf 3000 RM taxiert. Ein Dankeschön ging auch an die Königlich-Preußische Regierung in Minden, die die Baugenehmigung erteilt und schließlich auch dem Ansinnen zugestimmt hatte, die benötigten Steine direkt aus dem örtlichen Klippenfelshang zu brechen. Und ein weiteres Lob bekam die Rintelner Stadtverwaltung, die das Gelände auf der Bergspitze zuvor für den Verschönerungsverein angepachtet hatte.

So viel Aufhebens will der heutige VVR-Vorsitzende Marco Vogt aus Anlass des in diesem Jahr anfallenden 125-Jährigen nicht machen. „Wir werden das Jubiläum ohne große Festtagsreden im Rahmen unseres traditionellen Klippenturmfestes am 1. Juni abarbeiten“, so die derzeitige Vorstellung. Das jedes Jahr Mitte des Jahres stattfindende Treffen gilt als eine der angesagtesten Veranstaltungen im heimischen Event-Kalender. Ob allerdings ähnlich viele Besucher kommen werden wie 1889, ist mehr als ungewiss. Damals kletterten 700 Leute die 59 Stufen und Stiegen zur Aussichtsplattform hinauf.



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