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Der Luchs liebt die Einsamkeit – und vor allem, wenn er in Ruhe in der Sonne dösen kann

Er chillt ganz gerne

Er wird selten gesehen und lebt zurückgezogen in den Tiefen der Wälder – und dennoch versuchen wir heute, uns ihm zu nähern: dem Luchs. Tatsächlich zu Gesicht werden die meisten Leser einen Luchs wohl eher nicht bekommen. Dies wäre „wie ein Sechser im Lotto“, sagt Naturschutzförster Heiko Brede. In unserer Mai-Serie „Einfach tierisch“ lassen wir uns dafür ganzseitig auf einen Einzelgänger mit fantastischem Hörvermögen ein.

veröffentlicht am 22.05.2018 um 10:41 Uhr
aktualisiert am 22.05.2018 um 13:57 Uhr

Foto: Ole Anders / Nationalpark Harz
Thomas Thimm

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Thomas Thimm Stv. Chefredakteur zur Autorenseite
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Der Luchs lebt als Einzelgänger in großen Waldgebieten. Die auch „Pinselohr“ genannte Raubkatze war einst in Westeuropa weit verbreitet. Ihr schlimmster Feind war der Mensch, der ihn gnadenlos verfolgte – die größte Katze Europas wurde dadurch beinahe ausgerottet. Heute leben wieder einzelne Exemplare in einigen deutschen Mittelgebirgen, das Bundesamt für Naturschutz nennt eine Mindestzahl von 77 sicher nachweisbaren Tieren. Freilebende Luchse lassen sich nur schwer beobachten. Über ihre Wanderungen ist deshalb eher wenig bekannt. Ein seit Jahren laufendes Projekt des Nationalparks Harz soll Abhilfe schaffen.

Auch im Weserbergland hat der Luchs seine Spuren hinterlassen: Erst vor wenigen Wochen wurde ein Jungtier bei Bad Pyrmont entdeckt, gefangen, narkotisiert, mit einem Senderhalsband ausgestattet und wieder freigelassen. Dieser Luchs wird ganz unprätentiös M 12 genannt – „es ist der zwölfte männliche Luchs, den wir mit einem Sender ausgestattet haben“, erklärt der Luchsbeauftragte des Nationalparks Harz, Ole Anders. M 8 war übrigens vor Jahren auch schon im Weserbergland – er streifte damals mit Halsband durch Hils, Osterwald und Nesselberg. Freilebende Luchse einzufangen, ist eine Kunst. Den Experten des Nationalparks Harz gelingt dies im Dienst der Wissenschaft trotzdem immer wieder. Zehn Jahre nach dem Start eines Projekts zur Überwachung freilebender Luchse mit GPS-Technik gibt es jetzt ein kleines Jubiläum: Die Fachleute haben die 20. Raubkatze eingefangen, um sie mit einem Senderhalsband auszurüsten und wieder in die Freiheit zu entlassen. Die Forscher wollen auf diese Weise mehr über die Wanderungen der Raubkatzen erfahren. Der „Jubiläums-Luchs“ ist das einjährige Männchen, das kürzlich bei Bad Pyrmont eingefangen worden war.

Man sollte sich einfach freuen, einen Luchs sehen zu dürfen.

Heiko Brede, Naturschutzförster

Dass 200 Jahre nach dem Abschuss des letzten Harzer Luchses bei Lautenthal nun überhaupt wieder im Harz, im Hils, im Solling, im Weserbergland und im Kaufunger Wald Luchse leben, ist dem Wiederansiedlungsprogramm des Nationalparks zu verdanken. Dabei waren in den Jahren 2000 bis 2006 im niedersächsischen Teil des Harzes 24 Raubkatzen freigelassen worden. Sie haben sich seither gut vermehrt und auch die angrenzenden Regionen in Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Hessen besiedelt. Ole Anders: „Seit 2006 hat sich die Luchspopulation selbst weiterentwickelt.“

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Der Luchs ist eher genügsam: Er braucht Platz, genügend Futter und einen Partner beziehungsweise Partnerin zur Fortpflanzung. Dann ist so ein Luchs schon zufrieden.

Die Experten können dies feststellen, weil sich die Wege der mit Sendern ausgestatteten Tiere genau verfolgen lassen. Den Luchsen macht das nicht viel aus. Denn die Halsbänder der neuesten Generation wiegen nur rund 300 Gramm. Sie funken regelmäßig den jeweiligen Standort des Tieres. Mit Hilfe der satellitengestützten GPS-Technik können die Experten die Wanderungen recht genau verfolgen. So konnten sie zum Beispiel feststellen, dass die Raubkatzen zum Teil riesige Reviere beanspruchen. Die Größe der Streifgebiete betrage bis zu 335 Quadratkilometer, sagt Anders. Klar wurde auch, dass Luchse weite Entfernungen überbrücken: Ein männliches Tier, das sich zuvor im Nordharz aufhielt, wurde wenig später rund 135 Kilometer entfernt bei Seehausen in Sachsen-Anhalt geortet.

Um Luchse zu „besendern“, müssen sie gefangen werden. Dazu nutzen die Experten Kastenfallen. Wenn ein Jäger oder Förster ein frisch gerissenes Reh entdeckt und die Luchs-Experten alarmiert hat, stellen sie in der Nähe eine Falle auf und ziehen das Beutetier hinein. Wenn der Luchs zur Beute zurückkehrt und den Kasten betritt, schnappt die Falle zu. Anschließend wird das Tier betäubt. Es erhält ein Senderhalsband und wird wieder freigelassen. Die Luchse mit Sender stehen nicht dauerhaft unter Beobachtung, nach 13 Monaten ist damit Schluss. Anders: „Dann öffnet sich countdowngesteuert das Halsband – die Batterie hält nicht länger.“

Der Luchs läuft, spaziert und jagt gerne in der Dämmerung, also abends und morgens, und wenn es sein muss, dann auch mitten in der Nacht. Seine Lieblingsspeise ist Reh. Naturschutzförster Brede erklärt, wie der Luchs jagt: „Er ist ein Pirsch- und Lauerjäger, der lange lauert und dann nur einen kurzen Sprint braucht, um seine Beute zu fangen. So ein Luchs kann bis zu 70 Stundenkilometer schnell werden. Beim Töten ist der Luchs präzise: Er tötet seine Beute durch einen Biss in den Kehlkopf. Hunde sind anders, die reißen und beißen wild herum. Der Luchs ist ein präziser Jäger.“

Ein Reh reicht dem Luchs dann manchmal für eine Woche, auch wenn Füchse und Raben gerne mal mitfressen. Da der Luchs zwischen den Mahlzeiten umherstreift, versteckt er seine Beute: Er zieht sie in Deckung und „verblendet“ sie, wie der Fachmann sagt – bedeckt sie mit Gras und Moos. Ist der Luchs satt, legt er sich tagsüber gerne in die Sonne und ruht sich aus – er chillt also ganz gerne. Was der Luchs dagegen gar nicht mag, sind Schnellstraßen und Autos. Diese behindern ihn in der freien Wahl seiner Wege. Anders: „Wenn man so will, dann steuern Autobahnen auch die Richtung der Luchs-Wanderungen.“

So ein Luchs „hat eine gewisse Ruhe“, wie Brede sagt. Er liebe das Alleinsein, sei kein Rudeltier – und nach der Paarung kein Familientier. Die Weibchen bekommen jedes Jahr zwei bis vier Junge, von denen nicht alle überleben. „Die Jungen bleiben etwa ein Jahr bei der Mutter und wenn im Frühjahr der nächste Nachwuchs kommt, dann werden die alten Jungen rausgeschmissen“, sagt Brede. Der Bad Pyrmonter M 12 sei solch ein Jungtier auf der Suche nach einem eigenen Revier, das Platz und Beute bietet.

In die Quere kommt einem Luchs eigentlich immer nur ein anderer Luchs. Brede sagt: „Der Luchs hat keine natürlichen Feinde, er selbst bildet mit Wolf und Bär die Spitze der Nahrungs-Pyramide – und die drei gehen sich gegenseitig aus dem Weg.“

Ja, und den Menschen meidet der Luchs auch. Brede: „Der Luchs hat keinen Spaß am Kontakt mit Menschen. Dass der Luchs dem Menschen gefährlich werden könnte, würde ich komplett ausschließen.“ Und für den Fall, dass ein Spaziergänger, Pilzsucher oder Jogger dann doch mal einem Luchs gegenüberstehen sollte, hat Brede einen Rat: „Man sollte sich einfach freuen, einen Luchs sehen zu dürfen. Besonders schön ist das Fell mit seinem individuellen Muster. Die Größe und Anordnung der schwarzen Punkte im Fell ist bei jedem Luchs einzigartig.“




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