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Exklusiv-Interview mit 96-Trainer Dieter Heckingüber den schwachen Start, Pfiffe von den Fans und die Zukunft von Enke

"Enttäuscht, wie wir als Team auftreten"

Hannover. Ein Punkt, kein Tor, Schlusslicht der Tabelle: Die ersten drei Spieltage sind für Hannover 96 alles andere als rosig verlaufen. Im Gespräch mit Chefredakteur Frank Werner und Redakteurin Christiane Riewerts analysiert 96-Cheftrainer Dieter Hecking den schwachen Saisonstart, äußert sich zu Spieltaktik, Neuzugängen und Millionentransfers. Und verrät, wann Pfiffe für ihn die perfekte Kritik der Fans sind.

veröffentlicht am 06.09.2008 um 00:00 Uhr

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Es ist zurzeit viel die Rede davon, dass Hannover 96 keine Tore mehr schießen kann. Stimmt ja gar nicht: Am Dienstag haben die Roten 19:1 gegen den TSV Friesen Hänigsen gewonnen. Ein Opfer aus der niedersächsischen Provinz, um die Ladehemmung zu lockern? Nein, auch Freundschaftsspiele wie zum 100-jährigen Bestehen dieses Vereins gehen wir mit der nötigen Ernsthaftigkeit an. Das hat mit der Situation in der Bundesliga wenig zu tun, das Ergebnis war sekundär. Es ging darum, den Spielern, die in letzter Zeit weniger gespielt haben, mehr Spielpraxis zu geben. Wenn die dann richtig Gas geben, ist das natürlich gut. Trotzdem, es gibt einen etwas ernsthafteren Hintergrund: Nach drei Spieltagen stehen Sie mit null Toren auf dem letzten Tabellenplatz. Wie wollen Sie nach dem schwachen Start das Selbstbewusstsein der Spieler wieder stärken? Wir brauchen nichts schönzureden: Wir haben uns den Start sicher anders vorgestellt. Natürlich kann man gegen Schalke oder Stuttgart verlieren. Was uns aber nachhängt, ist der Auftritt gegen Cottbus, wo wir auf einen Heimdreier gehofft hatten. Wenn diese schwache Phase zwischen dem zehnten und zwölften Spieltag gewesen wäre, würde es keinen interessieren. Jetzt ist aber Saisonstart, und alles stürzt sich auf die Vereine, die nicht gut rauskommen aus den Startlöchern. Dazu gehören wir, also müssen wir uns auch der Kritik stellen. Es gibt da eine zeitliche Parallele - vor zwei Jahren stand Hannover nach dem dritten Spieltag auch auf dem letzten Platz, Peter Neururer musste gehen. Jetzt ist es wieder der dritte Spieltag, wieder die rote Laterne - machen Sie sich Gedanken um Ihren Arbeitsplatz? Nein. Was zwei Jahre lang richtig gut gelaufen ist in Hannover, soll jetzt innerhalb von drei Wochen alles schlecht sein? Das kann nicht sein. Dass wir Ergebnisse bringen müssen, ist ganz normal. Aber ich wehre mich dagegen, dass man jetzt sagt: Alles Mist. Kein Spielsystem, keine Hierarchie, keine Stürmer - das sind die Sachen, die immer hochkommen, wenn es nicht läuft, und damit wird alles andere sofort verdrängt. Gemeinsam mit Manager und Präsident demonstrieren Sie Geschlossenheit und Gelassenheit nach außen. Aber wie sieht es denn wirklich in Ihnen aus? Ich bin gelassen. Die Mannschaft hat Qualität, sie wird sie auch abrufen. Schwierig ist die Ungeduld: Da müssen wir uns hinterfragen, ob wir nicht hätten gegensteuern müssen, als wir merkten, dass die Neuverpflichtungen eine sehr große Erwartungshaltung auslösten - genauso wie meine Aussage, die fünf Punkte mehr in Richtung UEFA-Pokal holen zu wollen. Aber wenn ich als Trainer keine Ziele mehr formulieren darf... Halten Sie am Ziel UEFA-Cup fest? Wenn es optimal läuft für uns und andere Mannschaften schwächeln, dann können wir da sein. Natürlich brauchen wir jetzt nicht vom UEFA-Cup zu reden; wir müssen erst mal sehen, dass wir überhaupt ein Spiel gewinnen. Das wäre jetzt das falsche Signal nach außen. Aber ich bin auch nicht der Meinung, dass man nach drei Spieltagen, wo es nicht so lief, dieses Ziel schon aufgeben muss. Natürlich müssen wir noch besser Fußball spielen. Da muss man auch die nötige Geduld haben als Trainer und darf sich nicht von der allgemeinen Hektik von außen anstecken lassen. Wenn Sie nach drei Spieltagen eine Analyse ziehen: Wo liegen die Gründe für den bisherigen Misserfolg? Gegen Cottbus haben wir in der zweiten Halbzeit jegliches Miteinander vermissen lassen, und das geht nicht. Ein Problem, das diese Mannschaft zurzeit noch hat, ist der Glaube, dass es durch die Neuverpflichtungen von alleine anders wird. Aber wir müssen genau den gleichen Aufwand betreiben wie vorher auch. Der mannschaftliche Zusammenhalt, der uns immer auszeichnete, ist noch nicht so da, wie er sein müsste. Ist der wieder geschlossen, dann kommt auch die individuelle Qualität der neuen Spieler zum Tragen, und die wird uns im Vergleich zum letzten Jahr noch besser machen. Hannover 96 hat einen so starken Kader wie nie zuvor, zumindest einen so teuren. Mit den auf dem Papier starken Neuzugängen Forssell, Schlaudraff, Eggimann müsste es eigentlich etwas runder laufen. Sind Sie enttäuscht von den Neuen? Ich bin darüber enttäuscht, wie wir als Team auftreten. Nein, von den Neuzugängen bin ich nicht enttäuscht. Jan Schlaudraff zum Beispiel hat ein Jahr nicht gespielt. Er muss erst mal wieder seinen Rhythmus finden, um jedes Wochenende Matchpraxis zu haben. Er muss besser spielen, gar keine Frage, er muss Torgefährlichkeit ausstrahlen, gegen den Ball arbeiten. Mikael Forssell war bei der Armee, wo er überhaupt keinen Urlaub hatte. Dass der Mann am Anfang von der Euphorie gelebt hat und dann ein bisschen in ein Loch fällt, war mir auch klar. Mario Eggimann muss damit leben, dass er hier Konkurrenzsituationen hat, die er in Karlsruhe nicht hatte. Deswegen ist er ja gewechselt, er wollte sich weiterentwickeln. Dass es insgesamt nicht rund läuft, macht das Ganze unruhig, und deswegen kommen die drei Neuen nicht so zum Tragen. Sie sind integriert, aber die Gruppe in sich ist noch nicht stimmig. Das ist auch der Eindruck in derÖffentlichkeit: Eine Stammelf hat sich noch nicht herausformiert. Ist es nicht Aufgabe des Trainers, stärker auf den Mannschaftsgeist zu drängen, mehr Ruhe reinzubringen? Wir sind schon auf der richtigen Spur. Ich versuche natürlich auch, die Rädchen so zu drehen, dass es wieder mannschaftlich runder aussieht. Es ist eine Normalität im Fußball, dass ein Konkurrenzkampf herrscht, dem müssen sich die Spieler stellen. Aber sie müssen auch Leistung bringen. Positives Beispiel ist Bastian Schulz, der in Stuttgart einerunserer besten Spieler war. Eine Stammmannschaft kristallisiert sich über Leistung heraus, und da haben wir noch einige Baustellen. Es ist leider noch nicht so, dass acht, neun Spieler am Stück Leistung bringen und nur ein, zwei mal durchhängen - bei uns hängen sechs, sieben Spieler durch. So bin ich jedes Wochenende aufs Neue wieder gefragt, wem ich das Vertrauen gebe. Da haben Sie den richtigen Weg noch nicht ganz gefunden... Ich denke schon, dass ich den richtigen Weg gefunden habe, was die Kommunikation dieser Probleme angeht. Aber man kann sprechen, sprechen, sprechen - entscheidend ist das, was Sonntag gegen Gladbach zu sehen ist. Werden Ismaël und Huszti, die gegen Stuttgart nicht dabei waren, da wieder auflaufen? Das wird sich zeigen. Sie müssen wissen, Dieter Hecking macht nie etwas, um irgendwelche Spieler bloßzustellen, es geht immer nur um den Erfolg von Hannover 96. Und das sind auch mal unpopuläre Maßnahmen, die in der Öffentlichkeit vielleicht nicht jeder nachvollziehen kann. Wenn ich jetzt im Kicker die Aussage von Ismaël lese, dann hat der Spieler mit mir zusammen die richtige Entscheidung getroffen. Bei Huszti ähnlich: Wenn ich höre, dass der Berater alles versucht, um den Spieler bis Montag zu transferieren, warum soll ich den Spieler mitnehmen? Der ist mit den Gedanken nicht beim Spiel. Ich weiß aber auch: Wenn Szabi jetzt zurückkommt, hat er den Kopf wieder klar für Hannover 96. Es liegt jetzt an uns, ihm das Gefühl zu geben, dass bei uns nichts hängen geblieben ist. Sie haben vor dem Stuttgart-Spiel die Taktik umgestellt, statt des 4:4:2-Systems die alte Defensivtaktik mit nur einem Stürmer gewählt. Wird es im Spiel gegen Gladbach dabei bleiben oder trauen Sie Ihrer Mannschaft einen attraktiveren Offensivfußball zu? Diese Diskussion ist unnötig. Bei der EM war das 4:2:3:1 das attraktivste Spielsystem. Ich bin der Meinung, dass es das gute Recht einer Mannschaft ist, zwei Spielsysteme spielen zu können und von Fall zu Fall zu entscheiden, wie wir spielen. Wenn der gegnerische Trainer von Stuttgart sagt, wir hätten ihm in der erstenHalbzeit Riesen-Probleme bereitet mit unserer taktischen Formation, die Räume sehr gut eng gemacht, dann war das taktische Konzept eigentlich gut. Hätten wir gewonnen, was glauben Sie, was ich die Woche über für Schulterklopfen bekommen hätte... Aber so langsam müssen Tore fallen... Wie soll der Knoten platzen? Ich bin sehr zuversichtlich, dass der Knoten platzen wird. Die Spieler gehen nicht leichtfertig mit der Situation um, die sind auch frustriert. Und sie wissen, dass sie gegen Gladbach von der läuferischen Einstellung her, vom Willen her noch 'ne Schippe drauflegen müssen. Wir müssen variabel spielen, wir brauchen Spieler, die das Eins gegen Eins suchen und sich durchsetzen. Und die auch die Coolness haben, die gegen Stuttgart in mancher Situation vor dem Tor fehlte. Konstante in der Medienbewertung ist der Torhüter. Nur legt sich Robert Enke nicht fest, was seine Zukunft in Hannover angeht. Wie es nach der Saison weitergehe, werde man sehen, hat er erst am Wochenende erklärt. Man kann den Eindruck gewinnen, dass er genervt ist, so viele Tore zu kassieren - was seine Position als Nationaltorhüter nichtunbedingt stärkt. Haben Sie Sorge, dass Enke geht? Robert Enke ist nicht genervt. Er ist aufgrund der Situation genervt, dass die Mannschaft nicht gut gespielt hat. Es wird viel zu viel spekuliert. Der Robert hat einen Vertrag bis 2010. Da kann er noch so sehr damit kokettieren, was nach der Saison kommt - ohne uns geht erst mal gar nichts. Dieses ganze Gerede kann sich aber innerhalb der nächsten ein, zwei Monate in Luft auflösen, wenn Robert Enke die Nummer eins in der Nationalmannschaft ist und bleibt. Dabei spielt er ja bei Hannover 96. Und wir spielen ja nicht international, wie immer wieder als Nachteil betont wird. Übrigens nur mal zur Erinnerung: René Adlers Club auch nicht. Es gab trotz der wirklich guten letzten Saison Pfiffe gleich im ersten Heimspiel gegen Cottbus. Sie haben mehr Geduld gefordert von den Fans, sind Sie ein bisschen enttäuscht von der Reaktion? Ich war schon enttäuscht von der Reaktion nach 30 Minuten. Ich habe es als kontraproduktiv empfunden, hatte im Vorfeld darauf hingewiesen, dass es ein Geduldsspiel werden kann. Dass die Fans dann das Recht haben, in der Halbzeit zu pfeifen, nach dem Spiel zu pfeifen, und auch in einer Phase, wo es gegen Ende der zweiten Halbzeit immer schlechter wurde, wo wirklich überhaupt kein Ball mehr ankam, das ist für mich absolut verständlich. Und: Unsere Kurve hat 90 Minuten lang die Mannschaft unterstützt und hat dann nach dem Abpfiff gepfiffen - das war für mich als Trainer die perfekte Kritik! Die anderen UEFA-Cup-Kandidaten haben kräftig investiert, auch Wolfsburg als lokaler Rivale - fühlen Sie sich finanziell abgehängt? Hannover 96 hat so gut eingekauft wie nie und die teuerste Mannschaft aller Zeiten. Wir haben in diesem Sommer dreieinhalb Millionen Euro Ablösesumme gezahlt. Zum Vergleich: Bochum hat über 5 Millionen Transferausgaben, Hertha weit über zehn Millionen, Dortmund 15 Millionen, Frankfurt seit Januar über zwölf Millionen, ganz zu schweigen von Wolfsburg. Trotzdem ist es nicht so, dass wir sagen, da können wir nie mithalten - nein, wirkönnen es schaffen über das Kollektiv, über die mannschaftliche Geschlossenheit. Wir haben einen 49-Millionen-Etat, die ersten sechs, sieben in der Liga zwischen 80 und 150 Millionen. Da wissen Sie, wo wir sind: Was das angeht, sind wir letztes Drittel Bundesliga. Wir sind besser aufgestellt alsCottbus, als Bielefeld, auch als Karlsruhe, vielleicht noch Bochum. Der Rest ist in dem Bereich, wo wir dann kommen. Aber die wirtschaftlichen Voraussetzungen dürfen kein Alibi sein: Mein Antrieb ist es nicht, Platz 12 oder 13 zu erreichen, sondern den Abstand nach vorne zu verkürzen. Und wer wird Meister? (zögert) Ich denke doch, die Bayern.

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