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Prozess beginnt zum zweiten Mal / Multi-Millionär kommt nicht / E-Mail aus Montreal für den Richter

Entführter: "Der Schock sitzt immer noch tief"

Hannover/Landkreis (ube) Der spektakuläre Entführungsprozess gegen die so genannte Dreier-Bande aus dem Landkreis Schaumburg wurde gestern ein zweites Mal aufgerollt. Am 5. September war er geplatzt - die Verteidiger hatten darauf bestanden, dass das Opfer, ein erst 32 Jahre alter Multi-Millionär aus Bad Münder, vor der 2. Großen Strafkammer aussagt. Der Geschäftsmann, der sein Geld mit Internet-Kasinos verdient hat, hält sich jedoch nicht in Deutschland auf. Er hat sich beim Einwohnermeldeamt nach Curaçao (Niederländische Antillen) abgemeldet.

veröffentlicht am 02.11.2006 um 00:00 Uhr

Spektakulärer Entführungsprozess vor dem Landgericht: Drei Männe

Weil die Hauptverhandlung mehr als drei Wochen unterbrochen war, fing gestern alles von vorne an. Wieder Anklageverlesung, wieder Beweisaufnahme. Die Kammer war bis zuletzt guter Hoffnung, dass Mike H. aussagen würde. Schließlich hatte der offenbar sehr erfolgreiche Geschäftsmann über seinen Rechtsanwalt Adam Rosenberg (Frankfurt) mitteilen lassen, er werde am Vormittag mit einem Flugzeug aus Amerika in der Bundesrepublik landen und gegen 11 Uhr präsent sein. Der Vorsitzende Richter Helfried Teschner gab gestern zum Erstaunen aller bekannt: "Heute früh fandich ein Fax auf meinem Tisch. Darin stand, dass Herr H. nicht erscheinen wird." Per E-Mail hatte Verbrechensopfer Mike H. mitgeteilt: "Der Schock sitzt immer noch tief. Ich weiß nicht, ob ich es verkraften werde, meinen Entführern gegenüber zu sitzen. Außerdem hatte mein Großvater einen Autounfall." Das Gericht nahm die Mitteilung zur Kenntnis - und Richter Teschner stellte fest: "Wir können ihn, solange er im Ausland ist, nicht zwingen, vor Gericht zu erscheinen." Was niemand wusste: Mutter und Bruder des Entführten saßen im Zuschauerraum. In einer Prozesspause sagte die Frau der Presse, ihr Sohn sei nur deshalb nicht gekommen, weil er und seine Familie immer noch große Angst vor den Tätern hätten. Die Mutter: "Er kommt nicht, damit die Entführer nicht so hohe Strafen erhalten. Denn, wenn er allessagen würde, was in den Akten steht, kämen diese Männer gar nicht gut weg. Sagt er aus, muss er befürchten, dass sich die Kriminellen an ihm, seiner Frau, seinen Kindern oder an anderen Mitgliedern der Familie rächen." Mike H.s Bruder behauptete, einer der Angeklagten habe seine Freundin bis nach Hause verfolgt. Und: "Auch mich hat er beobachtet." Man fühle sich unter Druck gesetzt. Die Firma, deren Vorstand die Mutter sei, so der Bruder, habe 150 Mitarbeiter und mache sieben Millionen Gewinn. Wir sind in den USA inzwischen der fünftgrößte Sportwetten-Anbieter." Die Angeklagten - Werkstatt-Besitzer Gunther K. (55) aus Rehren, sein Geselle Bassam S. (28) aus Lindhorst und Janosch P. (22) aus Sachsenhagen - legten gestern Geständnisse ab. Unklar blieb, wer auf die Idee kam, Mike H. zu entführen. Autoglaserei-Besitzer Gunther K., seit 17 Jahren selbstständig, machte zuletzt die Konkurrenz zu schaffen. Er verlor Großkunden, machte immer weniger Umsatz, geriet in Geldnot. Geselle Bassam S. hat hohe Schulden - bei der Bank und bei Privatleuten. Er ist spielsüchtig. Das bescheinigte ihm gestern auch der psychiatrische Sachverständige Dr. Christoph Aselmeier vom Landeskrankenhaus in Wunstorf. Diagnose: "pathologisches Glücksspielen". Und: Bassam S. ist nicht vermindert schuldfähig. Auf Nachfrage von S.s Verteidiger Claus Roggemann sagte der Psychiater es sei wohl sein erstes Spielsucht-Gutachten in einem Strafprozess gewesen. Roggemann kündigte an, er werde einen Beweisantrag stellen. Der Anwalt fordert einen auf dem Gebiet der Spielsucht erfahrenen Fachmann. Für seinen Mandanten geht es um mehr als 5 bis 15 Jahre Haft. Ausländer, die mit mehr als drei Jahren Gefängnis bestraft werden, müssen das Land verlassen. Bassam S. istlibanesischer Staatsbürger. Er kam 1986 als Bürgerkriegsflüchtling nach Deutschland, er hat eine schwangere Frau und zwei kleine Kinder. Wegen Urkundenfälschung in Tateinheit mit Betrug und wegen gefährlicher Körperverletzung ist er vorbestraft. Ein Cousin soll seinen 14-jährigen Bruder niedergestochen und lebensgefährlich verletzt haben. Motiv: eine Familienfehde. Später stach Bassam S. einen anderen Verwandten nieder. Auch der von Dr. Dr. Jost Henrich Uhlmann verteidigte Industriemeister Janosch P. ist vorbelastet. Bereits zweimal ist er wegen Körperverletzung verurteilt worden. Nur der Werkstatt-Besitzer, vertreten von Verteidiger Burkhard Papendick, ist ein unbeschriebenes Blatt. In seinem Haus wurde Mike H., dem man eine schwarze Kapuzeüber den Kopf gezogen hatte, an die Wand gekettet. Ihrem Ziel, ein möglichst geringes Strafmaß zu erziehlen, kamen die Verteidiger gestern näher: Die Staatsanwältin beantragte, die Strafverfolgung auf erpresserischen Menschenraub zu beschränken. Angeklagt waren zunächst auch schwere räuberische Erpressung, räuberischer Angriff auf einen Kraftfahrer und schwerer Raub. Für jede Tat sieht das Gesetz eine Mindeststrafe von fünf Jahren Gefängnis vor. Der Prozess wird am 20. November um 10 Uhr im Saal H2 fortgesetzt.

Hatte Todesangst: Multi-Millionär Mike H. aus Bad Münder.
  • Hatte Todesangst: Multi-Millionär Mike H. aus Bad Münder.

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