weather-image
22°
Die Vielfalt des Orientalisches Mohn

Enorm grazile Strahlkraft

Gehölze gelten als Grundgerüst des Gartens. Stauden aber sind die Kür! Umso wichtiger, sie regelmäßig auf dieser Seite näher zu betrachten und jene vorzustellen, auf die kein Gärtner bei der Gestaltung von Beeten und Flächen verzichten sollte. Heute: Orientalischer Mohn (Papaver orientale)

veröffentlicht am 09.06.2017 um 00:00 Uhr

’Beauty of Livermere’ ist eine alte Sortenzüchtung des Stauden-Mohns, die bei Gärtnern sehr beliebt ist. Besonderheit: Sie zieht nach der Blüte ein. Foto: ey

Autor:

Saskia Gamander und Jens F. Meyer

Die magische Wirkung des Mohns in all seinen fantastischen Facetten vermag nicht wenigen Betrachtern einige Momente den Atem zu nehmen. Seine leuchtenden Kelche haben eine enorme Strahlkraft, doch ist dieses mitreißende Schauspiel nicht von Dauer: Länger als zwei Tage halten Mohnblüten nicht. Zu fragil ihr Aufbau, zu dünnhäutig ihre Petalen. Aber es macht diese Augenblicke, in denen man vor ihnen steht, ihre Farbe und Schönheit in sich aufsaugt, sie im Gesamtspiel mit anderen Pflanzen als Hüter der Grazie hervorstechen, deshalb noch kostbarer, als sie ohnehin sind. Dabei muss deutlich unterschieden werden zwischen den Papaver-Arten – denn während der schon bei Kindern bekannte Klatschmohn (Papaver rhoeas) und der in all seinen Pflanzenteilen teuflische Säfte führende Schlaf-Mohn (P. somniferum) sich nur über Selbstaussaat von einem Jahr über den Winter ins nächste bringen, kann der Orientalische Mohn (P. orientale) stoisch die Frostperiode überstehen. Er ist winterhart. Ein Stauden-Mohn. Und was für einer!

Bisweilen geht diesem auch als Türkischer Mohn bezeichnete Papaver die Puste aus; nach Jahren reichhaltiger Blütezeit verschwindet er dann von seinem angestammten Platz. Das passiert ohne Vorwarnung. Plötzlich, nach einem Winter der Stille und Verfrorenheit, treibt er nicht neu aus. Meistens sind nicht die Temperaturen daran schuld, sondern sein Alter. Sein Schicksal ist hier die tiefe Verwurzelung mit seinem Standort, die das Teilen des Wurzelstocks, wie es zur Verjüngung und Kräftigung anderer Prachtstauden alle drei bis fünf Jahre angewendet wird, so schwierig macht. Er reagiert darauf empfindlich – also lässt man’s lieber bleiben. Außerdem sind die haarigen, attraktiven Blätter nicht ausreichend elastisch, sondern brüchig und können Schaden nehmen. Das Teilen und Verpflanzen ist also schon eine kleine Herausforderung. Wer es schafft, einen Staudenmohn erfolgreich umzusetzen, darf sich auf die eigene Schulter klopfen.

Unbedingt will auch ein Stauden-Mohn von frischem Kompost standortbegünstigt werden; das Fithalten des Bodens ist eine nicht zu unterschätzende Angelegenheit. Eigentlich wäre dies keine Zeile wert, weil doch jede Pflanze Zuwendung braucht, aber in der Tat werden andere Prachtstauden gehegt und gepflegt, geschnippelt und animiert zur zweiten Blüte im Jahr, während der Stauden-Mohn nicht selten seinem Schicksal mutterseelenallein überlassen wird. Obwohl der Papaver ansonsten nach wenig Pflege verlangt, ist es also dennoch ein guter Ratschlag, ihm bei der Vitalisierung auf anderen Wegen entgegenzukommen, etwa beim rechtzeitigen Abschneiden der teils mächtigen Samenkapseln. Lässt man ihn die Früchte voll ausreifen, muss die Pflanze viel Energie aufwenden. In trockenen Zeiten geht ihr das an die Substanz. Weil aber die Kapseln durchaus auch ein schmückendes Element im gemischten Staudenbeet darstellen, schließen viele Gartenbesitzer mit ihren Stauden-Mohnen einen Kompromiss, schneiden also zwei Drittel bis drei Viertel der Samenstände ab und lassen nur einen Rest stehen, auch in der Hoffnung, daraus neue Pflanzen ziehen zu wollen. Guter Gedanke. Allerdings werden bei den zauberhaften Züchtungen in aller Regel nur nicht zufriedenstellende Ergebnisse erreicht; eine Sortenreinheit kann funktionieren – funktioniert aber meistens leider nicht.

’Picotee’ Foto: sas
  • ’Picotee’ Foto: sas
’Royal Wedding’ Foto: sas
  • ’Royal Wedding’ Foto: sas
’Türkenlouis’ Foto: ey
  • ’Türkenlouis’ Foto: ey

Entgegen der landläufigen Meinung, der Orientalische Mohn verlange nach einem vollsonnigen Standort, ist es eigentlich viel besser, ihm einen lichten Halbschattenbereich zu geben, weil er von zu trockenen oder sogar austrocknenden Böden wenig hält und unter hitziger Dauerbesonnung seine fragilen Blüten kaum länger als einen Tag halten kann. Ohnehin ist das Schauspiel seiner Pracht ja schon sehr begrenzt; bei kräftigen Züchtungen und nicht zu heißem Wetter kann die Einzelblüte im besten Fall drei Tage halten, bevor ihre Blätter dann schmucklos und schlaff zu Boden fallen. Oder besser: schweben. Denn sie sind dünn, sehr leicht, fragil wie Papier. Genau darin liegt aber ein Gutteil ihrer Schönheit, denn wenn die Sonnenstrahlen durch die mit Fältchen versehenen Blütenblätter scheinen, ist dies ein sehr atmosphärisches Oeuvre. Hummeln tauchen hinein, das sonore Summen dringt aus dem Innern, und tropfen die Bestäuber wieder hinaus, erweckt dieses Freilassen den Eindruck, dass der Mohn ein weiteres kleines Glück verschenkt hat, just in diesem Augenblick. Und er hat so viel davon zu geben.

’Patty’s Plum‘ ist eine anerkannt vitale englische Sortenzüchtung des Orientalischen Mohns, der den Pflanzenzüchtern offensichtlich immer neuen Auftrieb verleiht, um weitere Sorten entstehen zu lassen. Christopher Grey-Wilson, britischer Autor verschiedener Gartenbücher, stellt die Vielfalt im Bereich der Mohnpflanzen eindrucksvoll in seinem Werk „Poppies – The Poppy Family in den wild and in cultivation“ dar. Auf über 250 Seiten geht es um nichts anderes als um den Mohn, nicht nur um die Papaver-Arten, sondern auch um Meconopsis (Scheinmohn) und viele weitere. Dass Papaver orientale hier aber eine besondere Position einnimmt, liegt eben an seinen Eigenschaften als verlässliche Beetstaude: über 200 Sorten nennt Grey-Wilson! Gefüllte. Mehrfarbige. Großköpfige. Und keine davon will alleine stehen! Ja, vielleicht darf dies als Fazit einer formidablen Gartenschönheit gelten. Stauden-Mohn mag die Vergesellschaftung mit anderen Pflanzen wie Rittersporn, Zierlauch, Katzenminze. Er verleiht ihnen noch mehr Würde und sie stützen ihn, geben ihm Halt, weil er allein stehend dazu neigt, auseinanderzufallen.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt