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Neues von der Schaumburg und den alten Schaumburgern

Enge Verbindung zu Minden

Ob Landkarte, Briefkopf der hiesigen Abfallwirtschaftsgesellschaft oder Internetportal – Wort und Begriff „Schaumburg“ sind allgegenwärtig. Den meisten von uns begegnet die Buchstabenfolge schon regelmäßig frühmorgens in der Titelleiste der hiesigen Tageszeitungen.

veröffentlicht am 29.06.2013 um 00:00 Uhr

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

In die Welt gesetzt und in Umlauf gebracht wurde der Begriff „Schaumburg“ bekanntlich vor 900 Jahren. Im Jahre 1110 sei der „edler Mann Adolf von Schaumburg“ („nobiliviro Adolfo de Scowenburg“) mit den Grafschaften Holstein und Stormarn (Gebiet nordöstlich von Hamburg) belehnt worden, ist in einer als „Slawenchronik“ bekannt gewordenen Schrift zu lesen. Dieser erste namentliche Hinweis auf die Scowenburg und ihren damaligen Hausherrn gilt als Auftakt und Einstieg in die hiesige Territorialgeschichte. Die weitere Entwicklung ist bekannt: Was als (alte) Grafschaft Schaumburg begann, führte über die Grafschaft Schaumburg hessischen Anteils, die Grafschaft Schaumburg lippischen Anteils, über Grafschaft, Fürstentum, Land und Landkreis Schaumburg-Lippe und parallel über den Landkreis Grafschaft Schaumburg zum heutigen Landkreis Schaumburg.

Weitaus weniger als über die letzten 900 Jahre weiß man über die Zeit davor. Die Herkunft des plötzlich und unvermittelt aus dem Dunkel der mittelalterlichen Geschichte auftauchenden „edlen Mannes Adolf“ war und ist von vielen Spekulationen begleitet. Das Gleiche gilt für die Entstehungsgeschichte seiner befestigten Wohnanlage, die ihm, seinen Nachfahren und der gesamten Region zu ihrem heutigen Namen verhalf. An Versuchen, den mittelalterlichen Vorgängen und Ereignissen auf den Grund zu gehen, hat es nicht gefehlt. Nicht wenige Geschichtsforscher landeten mangels handfester Fakten irgendwann im Reich der Legenden.

Seit wenigen Tagen liegt ein neuer Forschungsbericht über die frühe Entwicklungs- und Entstehungsphase der Schaumburg und ihrer Bewohner vor. Die knapp 25-seitige Arbeit ist zusammen mit 26 weiteren Beiträgen unter dem Leitthema „Schaumburg im Mittelalter“ erschienen (siehe Quellenhinweis). Der Frage zur Herkunft und zu den Anfängen der Grafen von Schaumburg hat sich die Historikerin Dr. Nathalie Kruppa, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, angenommen.

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  • Sachsenherzog Lothar von Süpplingenburg (1075-1137), später Kaiser Lothar III., beauftragte den edlen Mann Schaumburg mit der Sicherung der nördlichen Reichsgrenzen und führte die Dynastie in die große Geschichte ein (Portrait-Zeichnung des im 16. Jahrhundert lebenden Johann Agricola).
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Die ausgewiesene Fachfrau für mittelalterliche Geschichte hat ihre Arbeit nicht umsonst als „Versuch“ überschrieben. Sensationelle Neuigkeiten hat sie nach eigenem Bekunden bei ihren Recherchen nicht herausgefunden. Das war auch nicht zu erwarten. Aufschreibungen zeitgenössischer Chronisten gibt es nicht. Auch Menge und Ergiebigkeit der Urkunden, aus denen sich Erkenntnisse zur Entstehungsgeschichte Schaumburgs herauslesen lassen, sind äußerst spärlich. Etliche der infrage kommenden Dokumente dürften im Laufe der von zahllosen Katastrophen und Kriegswirren begleiteten Jahrhunderte verloren gegangen sein.

Trotzdem hat Nathalie Kruppa durch ihr zeitgemäß-methodisches Vorgehen eine ganze Reihe bisher nicht oder nur ungenau ausgewerteter Quellen und Hinweise neu interpretiert und/oder zu logischen Informationssträngen verdichtet. Das ermöglicht eine wesentlich klarere Wahrnehmung des ersten Schaumburgers namens Adolf und trägt erheblich zur Erhellung von dessen Herkunft und Umgebung bei. So darf als gesichert gelten, dass Adolfs Vorfahren aus dem hiesigen Mittelweserraum stammten und beruflich und verwandtschaftlich eng mit dem Bischofssitz Minden verbunden waren. Diese These wird auch dadurch erhärtet, dass die enge Verbindung der Bewohner der Schaumburg zu dem um 800 von Karl dem Großen eingerichteten geistlichen Zentrum auch unter Adolfs Nachfahren noch über Generationen hinweg anhielt und sich mehrere Schaumburger in Minden beisetzen ließen.

Der Name Adolf taucht in den Mindener Unterlagen bereits in den Jahren 1096, 1075 und 1025 auf. Zumindest der 1098 erwähnte Namensträger dürfte mit dem „Schaumburger Adolf I.“ identisch sein. Bei den beiden zuvor genannten Namensträgern werden Vorfahren des 1110 aus dem Dunkel der Geschichte aufgetauchten „edlen Mannes“ vermutet.

Welcher Angehörige wann und warum auf die Idee kam, sich an der Bergkette zwischen Rinteln und Hameln anzusiedeln, ist unbekannt. Nicht eindeutig beantwortet werden kann laut Kruppa auch die Frage, ob Adolf oder seine Vorfahren die das Wesertal beherrschende Befestigungsanlage selbst gebaut haben oder in ein bereits vorhandenes Gemäuer eingezogen sind. Scherbenfunde deuten auf eine Bauphase Ende des 11. und/oder Anfang des 12. Jahrhunderts hin.

Bei der Frage nach Herkunft und Bedeutung des Burgnamens schließt sich Kruppa den bereits vorliegenden Forschungsergebnissen an. Danach waren Schaumburg und/oder Schauenburg („to dere schouwendenborch“= zur/ins Land schauenden Burg) ein im 11. Jahrhundert zur Bezeichnung von Bergfesten weitverbreiteter Name. Reichsweit soll es mehr als ein Dutzend davon gegeben haben.

Und fest steht auch, dass der auf der heimischen Schauenburg 1110 residierende Adolf ein besonders tüchtiger und weit über die hiesige Region hinaus angesehener Edelmann war. Andernfalls wäre er nicht von dem damaligen Sachsenherzog und designierten Kaiser Lothar von Süpplingenburg mit der Durchführung eines der schwierigsten und heikelsten Staatsmissionen beauftragt worden, nämlich der Befriedung und Verwaltung der Unruhegebiete entlang der nördlichen Reichsgrenze.

Quellenhinweis: „Schaumburg im Mittelalter“ (Schaumburger Studien Band 70), Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2013; ISBN 978-3-89534-870.

Neue Erkenntnisse über die Schaumburg (links eine Postkarte aus dem letzten Jahrhundert) und ihre ersten Bewohner hat die Historikerin Dr. Christiane Kruppa (kleines Bild) herausgefunden.

Enge Verbindungen hatten die ersten Schaumburger zum Bischofssitz Minden und zum Mindener Dom (Postkarte, um 1900).



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