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Von der Setzmaschine bis ins digitale Zeitalter: Ein Rückblick zum Doppeljubiläum der Dewezet

Einst reisten Nachrichten mit Tempolimit

Knapp 40 Jahre ist es her, seit die Elektronik bei der Produktion der Zeitung Einzug hielt. Es war das Ende der Maschinensetzer und ihrer klappernden Maschinen, das Ende des Bleisatzes und das Aus für die von der Redaktion gelieferten Papiermanuskripte, von denen die Redakteure nie genau wussten, wie lang der Text wirklich wurde. Es war damals die Kunst der Metteure, aus dem gelieferten Material eine Seite zusammenzubauen, den Spätdienst aus der Redaktion immer an der Seite, um zu entscheiden, was „mitmusste“ oder entfallen konnte.

veröffentlicht am 20.10.2009 um 10:02 Uhr

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Autor:

Wolfhard F. truchseßHameln. In dieser Woche jährt sich zum 60. Mal das Wiedererscheinen de

Natürlich stand fest, was auf welcher Seite zu stehen hatte, was Aufmacher wurde oder Aufsetzer, wo die Meldungsspalte zu stehen hatte und welche Meldungen unbedingt im Blatt zu bringen waren. Notdürftig und sehr provisorisch wurde von den wenigsten Redakteuren mit ein paar Strichen auf Papier skizziert, wie das Layout, die Gestaltung der gesamten Seite, aussehen sollte. Man verließ sich auf die erfahrenen und gestandenen Metteure, allesamt gelernte Schriftsetzer, einen Beruf, den es schon lange nicht mehr gibt.

Die Schere war ein wichtiges Arbeitsgerät

In den Redaktionsbüros wurde die Schreibmaschine vom Computer abgelöst. Die ersten dieser elektronischen Geräte zur Datenverarbeitung hatten klobige Tastaturen, in denen die „Intelligenz“ des neuen Arbeitsgerätes steckte. Der Preis war damals enorm hoch: Etwa 12 000 Mark kostete ein Gerät, kaum weniger als für einen fabrikneuen VW Golf hinzublättern war. Und nicht vergleichbar mit den nächsten Rechnergenerationen und Redaktionssystemen, die ungleich einfacher zu bedienen waren. Aber mit den „rechnergesteuerten Textsystem“, wie das Fachwort im Tarifdeutsch hieß, wurde die Arbeit der Redaktion wesentlich effektiver. Die Textlängen waren exakt zu bestimmen, die Anzahl der erforderlichen Meldungen wurde nur noch um wenige überschritten, der „Stehsatz“, Texte, die nicht „mitgenommen“ wurden, nahm rapide ab.

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Für die Lokalredakteure wechselte zwar das Arbeitsgerät, nicht aber die Beschaffung der lokalen Nachrichten. Recherche per Telefon, Besuch von Ausschusssitzungen, das Gespräch mit Informanten – daran hat sich auch im Lauf der Jahrzehnte kaum etwas geändert, wohl aber das Bild der Zeitung. Erschien die Dewezet in den 1970er Jahren noch vierspaltig, wurde zunächst auf fünf Spalten umgestellt, später auf sechsspaltige Erscheinungsweise. Der Leitartikel wanderte von der Seite 1 auf die zweite Nachrichtenseite, das Produkt wurde in mehrere „Bücher“ aufgeteilt: Das erste für den überregionalen Stoff, das zweite für die Hameln-Seiten, das dritte für das Weserbergland und die Kreisseiten. Das vierte Buch war dem Sport vorbehalten, meist auch der Kultur.

Massiv waren die technischen Einschnitte für die Mantelredaktion, zuständig für den überregionalen Stoff und die Auswertung des Materials der Deutschen Presseagentur (dpa) und von Associated Press (ap). Die Sendegeschwindigkeit beider Agenturen war damals extrem langsam. Die Fernschreiber liefen mit 50 und 60 Baud, der Maßeinheit für das Sendetempo. Geschrieben wurde auf Endlospapier, und jede Meldung, jede Nachricht, musste einzeln abgeschnitten und auf dem Arbeitsplatz des zuständigen Tischredakteurs sortiert und schließlich redigiert werden. Als die Geschwindigkeit auf 300 Baud erhöht wurde, kam dies einer technischen Revolution gleich.

Wende in der DDR sorgte für „heißeste“ Zeit

Die alten Fernschreiber wurden gegen Kugelkopfmaschinen ausgetauscht und die Agenturmeldungen plötzlich in rasendem Tempo ausgedruckt, gleichzeitig aber auch elektronisch abgespeichert. Dennoch sollte es noch Jahre dauern, bis die Mantelredakteure Abschied von Schere und Papier nahmen und sich ganz auf die Elektronik und den Computer stützten. Mit der digitalen Revolution nahm auch das Tempo der Agenturen zu.

Von 300 Baud wurde auf 9000 Baud gesteigert, inzwischen gibt es keine Geschwindigkeitsangaben mehr: Die digitale Übermittlung sorgt für eine Verbreitung der Meldungen innerhalb von Millisekunden.

Die „heißeste“ Zeit erlebte die Mantelredaktion mit der Wende in der damaligen DDR, als sich die Nachrichten überschlugen und täglich mehr Eilmeldungen eingingen als sonst innerhalb von Monaten. Wie immer, wurden am frühen Nachmittag die Seiten geplant, spätestens um 17 Uhr alles vom Tisch gefegt und zwischen 19 und 20 Uhr alles erneut aktualisiert. Ohne digitale Datenverarbeitung wäre das mit Sicherheit nicht möglich gewesen.

Gestalteten früher die Metteure die Seiten, ist dies heute Aufgabe der Dewezet-Journalisten. Die Technik gibt es her: Einschließlich Bildgrößen, Fotoproduktion und Layout werden die Zeitungsseiten am Bildschirm gestaltet und Artikel direkt in festgelegte Text-Formate geschrieben.

Blattkritik wird inzwischen nicht mehr nach dem Erscheinen der Zeitung am nächsten Morgen geübt, sondern bereits am späten Nachmittag, wenn die Seiten weitgehend fertiggestellt sind. So kann noch vor Redaktionsschluss eingegriffen werden, wenn das Layout nicht den Regeln entspricht, Überschriften langweilig sind oder Inhalte noch problematisch erscheinen.

Zeitungsarbeit im Wandel. Links: Ein Schriftsetzer am Setzkasten. Oben: Digitale Frühzeit – Arbeit am „Bildschirmgerät“ Anfang der 70er Jahre.Fotos: Archiv

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