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Vor 65 Jahren wurde die Ex-Residenz Bückeburg auch noch den Titel „Kreisstadt“ los

Einst Metropole – heute Kleinstadt

Zwei tief greifende und bis heute nachwirkende politische Veränderungen hat das Schaumburger Land seit den Anfängen vor 900 Jahren erlebt – beide Male gezwungenermaßen. 1647, nach dem Dreißigjährigen Krieg, wurde das alte gräfliche Territorium in einen lippischen und in einen hessischen Teil aufgesplittet. Und seit Ende des Zweiten Weltkrieges findet sich das Land als Kreisgebiet im neu gegründeten Niedersachsen wieder.

veröffentlicht am 01.02.2013 um 12:50 Uhr
aktualisiert am 01.02.2013 um 14:27 Uhr

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Bis heute tun sich traditionsbewusste Schaumburger mit dem tatsächlichen oder vermeintlichen Bedeutungsverlust schwer. Wo, was und wer am meisten unter den Veränderungen zu leiden gehabt hat, ist schwer zu sagen. Wenn man es nur unter dem Gesichtspunkt der Verwaltungshoheit betrachtet, heißt der größte Verlierer Bückeburg. Die Ex-Residenz stieg kurz hintereinander von der ersten Liga der Landeshauptstädte ins kommunalpolitische Niemandsland ab. Als letzte übergeordnete Funktion ging vor 65 Jahren auch noch der Kreisstadt-Status verloren.

Den ersten herben Einschnitt musste man 1918 hinnehmen. Damals ging die glanzvolle Epoche als Fürstenresidenz zu Ende. Immerhin blieb während der anschließenden Weimarer Zeit noch der Status als schaumburg-lippische Regierungsmetropole. Der Anfang vom endgültigen Aus setzte im Gefolge des Zweiten Weltkriegs ein. Ab 1946 durfte sich Bückeburg nicht mehr „Landeshauptstadt“ nennen, und zwei Jahre war es auch noch mit dem Titel „Kreisstadt“ vorbei. Die Verwaltung und die Aufsicht über die umliegenden schaumburg-lippischen Gemeinden wurden und werden seit 1948 von Stadthagen aus wahrgenommen.

Die Einwohner nahmen die Nachkriegs-K.o.-Schläge nahezu teilnahmslos hin. Proteste gab es nicht. Man hatte Wichtigeres zu tun. Der Zusammenbruch hatte das zuvor eher beschauliche Dasein von Grund auf verändert. Dringlichste öffentliche Aufgabe war die Unterbringung der Vertriebenen, Ausgebombten und der umherirrenden befreiten Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter. Die Zahl der in der Stadt lebenden Menschen war um ein Drittel höher als vor dem Krieg. Angesichts solcher Alltagsprobleme spielten Überlegungen zur Gestaltung der politischen Zukunft nur eine untergeordnete Rolle. Mehr als über den von der Militärregierung beschlossenen Souveränitätsverlust regten sich die Bückeburger über die Sturheit der britischen Offiziere vor Ort auf. Obwohl immer neue Vertriebenentransporte eintrafen, weigerten sich die Besatzer beharrlich, auch nur ein einziges der mehr als 100 von ihnen beim Einmarsch beschlagnahmten Häuser freizugeben.

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SPD-Parteisekretär Franz Reuther.

„Wir waren zur Mitarbeit im neuen Europa bereit und sahen in dem Gegner von gestern den Bruder von morgen“ war bei einer Massenprotestversammlung der Einwohner im März 1946 zu hören. „Aber man soll auf der Gegenseite auch wissen, dass alle Langmut ihre Grenzen hat“.

Wie die Bückeburger in ruhigeren Zeiten und unter „normalen Umständen“ auf die Angriffe auf ihre Vorrangstellung reagiert hätten, kann man aus Sitzungsprotokollen und Zeitungsberichten aus den 1920er Jahren herauslesen. Hintergrund: Die Weimarer Regierungen hatten sich Bürokratieabbau und Abschaffung der Kleinstaaterei auf die Fahnen geschrieben. Da grundlegende Lösungen (auch damals schon) nicht durchsetzbar waren, blieben zuletzt nur kleine Korrekturversuche übrig. Dabei geriet auch die Zusammenlegung der Kreise Stadthagen und Bückeburg auf die Tagesordnung.

Wie nicht anders zu erwarten, kam es zu einem heftigen Streit. Die beiden Landräte Loitsch (Bückeburg) und Seebohm (Stadthagen) fielen in Leserbriefen übereinander her. Über mehr als fünf Jahre hinweg schlug man sich Zahlen und Vorwürfe zur Pro-Kopf-Verschuldung und unnötigen Ausgaben für Sportplätze, Obstbaummotorspritzen und Rasenmäher um die Ohren. Das Dauer-Hickhack kam der aufkeimenden Hitler-Bewegung wie gerufen. Die damals noch wenigen hiesigen NSDAP-Mitglieder machten sich ungeniert über das „republikanische Kasperltheater“ lustig.

Heute weiß man, dass der damalige „Totalverlust“ Bückeburgs als Macht- und Verwaltungszentrum von fragwürdigen und für die Stadt höchst nachteiligen Begleitumständen befördert und beschleunigt wurde. Dazu gehört das von viel egoistischem Kalkül begleitete Gezerre um die politische Neuordnung der britischen Besatzungszone. Bei den Beratungen wurden die Belange der Region Schaumburg von den Präsidenten der beiden Nachbarländer Hannover (Hinrich Wilhelm Kopf) und Lippe (Heinrich Drake) „mitverhandelt“.

Die politischen Meinungsführer vor Ort waren neu von den Engländern ins Amt gehievte Leute. Als Befähigungsnachweis reichte oft eine während der NS-Zeit erkennbar gewordene demokratische und/oder antifaschistische Grundeinstellung. Die Erfahrensten und Durchsetzungsfähigsten unter ihnen kamen, so wie zum Beispiel der frühere schaumburg-lippische Staatsrat Heinrich Lorenz, der Ex-Parteisekretär Franz Reuther (beide SPD) und der neue Landrat und einstige Reichstagsabgeordnete Karl Meier (KPD), aus Stadthagen. Seite an Seite mit ihnen stand der kommunistische Landtagsabgeordnete und spätere niedersächsische Sozialminister Karl Abel aus Obernkirchen.

Die neue „Rotfront“ machte aus ihren Vorbehalten gegenüber der einstigen „Fürstenhochburg“ und ihren schon früh ins nationalistisch-nationalsozialistische Lager übergewechselten Einwohnern keinen Hehl. So war es kein Wunder, dass die Auflösung der Kreisverwaltung Bückeburg wie selbstverständlich und ohne viel Federlesens über die Bühne ging. Dass es dabei nicht (nur) um eine Maßnahme im Rahmen der von Ministerpräsident Hinrich Wilhelm Kopf in seiner Antrittsrede angekündigten Anstrengung zur Reduzierung bürokratischen Ballasts ging, wird bei Betrachtung der Vorgänge in anderen Landesteilen deutlich. So wurden – gleichzeitig mit der hiesigen Rationalisierungsaktion – andernorts zahlreiche andere Kommunalverwaltungen, die bereits vor 1945 aufgelöst und mit anderen zusammengeschlossen worden waren, wiederbelebt. So entstanden allein im ehemaligen Land Oldenburg mehr als 40 zusätzliche Stadt- und Gemeindeverwaltungen.



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