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Eingangsuntersuchung: Mehr Störungen

Einschulung nur bei 76 Prozent direkt empfohlen

Landkreis (dil). Die Bildungsmisere in Deutschland beginnt schon vor der Schule - und verstärkt sich. Ohne Kindergartenbesuch sind immer weniger Sechsjährige schulgeeignet. "Nur eines von 28 Kindern ohne Kindergartenbesuch konnte 2006 eingeschult werden", hat Gisela Schiller vom Gesundheitsamt jetzt dem Kreisausschuss für Soziales, Sport und Gesundheit mitgeteilt. "Dafür würde ich gern die aufsuchende Hilfe haben, um zu Familien zu gehen, die ihr Kind nicht für den Kindergarten angemeldet haben." Erste Kreisrätin Eva Burdorf stimmte zu: "Wir müssen eine Lösung suchen - allerdings unter Einhaltung des Datenschutzes."

veröffentlicht am 27.03.2007 um 00:00 Uhr

"Die Zahl der Kinder mit Problemen nimmt zu", erklärte Schiller. Sie leitet die Schuleingangsuntersuchungen. "Bei 38,5 Prozent der Kinder wurde mindestens ein schulrelevanter Befund festgestellt." Vieles ist mit Frühförderung behebbar. Zurückstellungen wurden bei 5,4 Prozent, eine sonderpädagogische Überprügfung bei 3,7 Prozent, eine erneute Einschätzung des Schulleiters (wegen eventueller Tagesformprobleme bei der Untersuchung) bei 6,7 Prozent empfohlen. Zu den Störungen zählte Schiller auch Untergewicht (3,7 Prozent) und Übergewicht (9,5 Prozent), letzteres besonders stark bei türkischen Jungen ausgeprägt. Ein ausreichender Impfschutz gegen ansteckende Krankheiten wie Mumps, Masern und Röteln war nur bei etwa 70 Prozent der Kinder mit Impfausweis gegeben. Schiller: "Aber erst bei 90 Prozent ist von einem ausreichenden Impfschutz des Jahrgangs auszugehen." "Je höher der Bildungsgrad der Eltern, desto weniger Befunde, aber auch bei den 20 Prozent mit dem höchsten Bildungsstand weisen noch mehr als 20 Prozent der Kinder einen relevanten Befund auf", sagte Schiller. 80 Prozent der untersuchten Kinder würden ihrer Meinung nach von einer frühen Förderung vor der Einschulung profitieren. Deer Einsatz von Familienhebammen, ab dem dritten Lebensjahr Kindergartenbesuch, generelle Frühförderung sowie spezielle frühe Sprachförderung für Kinder mit Migrationshintergrund nannte sie als Hilfsmaßnahmen und appellierte: "Eine nachhaltige Armutsbekämpfung muss jetzt schon bei den Kindern anfangen." Doch die Zahl entwicklungsauffälliger Kinder steige. Derzeit bräuchten im Landkreis etwa 500 Kinder heilpädagogische Frühförderung, immerhin 300 würden diese über die beiden Frühförderstellen auch bekommen. Als Gründe für diese Entwicklung nannte Schiller: 1. Mehr Medienkonsum, 2. nicht mehr so den Kindern zugewandtes Leben der Eltern, 3. Familien mit vielen Kindern kämen meist aus niedrigem Bildungsniveau und 4. immer weniger entwicklungsfördernde Anregungen der Eltern an die Kinder. Erste Kreisrätin Eva Burdorf erklärte, viele der genannten Hilfsangebote gebe es im Landkreis bereits, aber von den "bildungsfernen Schichten" komme auch nach Erkenntnissen der Jugendhilfe wenig der erforderlichen Mitwirkung. Stattdessen tauchen viele Kinder mit Migationshintergrund daheim dank Satellitenfernsehen und Sprachproblemen der Eltern daheim wieder in ihre orientalische Parallelwelt ein. Auch in deutschen Familien sei der Fernseher zu oft Kinderbetreuer. "Ändern kann man wohl etwas durch Drehen an der Kindergeldschraube", stellte Burdorf fest. Ausschussvorsitzender Karsten Becker (SPD): "Das System stimmt nicht. Wir geben Kindergeld in der Hoffnung, die Eltern wüssten schon, was das Beste für ihr Kind ist. Aber dem ist oft nicht so." Burdorf abschließend: "Der Landkreis tut schon viel und versucht, das Netz der Angebote immer enger zu machen. Ich hoffe nur, dass uns dabei nicht langsam finanziell die Puste ausgeht."

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